Experten im Gespräch

Die Fachambulanz auditiv-verbale Therapie Berlin

Wenn Babys mit einer Hörschädigung auf die Welt kommen, ist das für die Familie erstmal ein Schock. Die Fachambulanz auditiv-verbale Therapie in Berlin hilft den Kindern dabei, trotzdem sprechen zu lernen. Wie das geht, erklärt im Interview mit MTA Dialog die Leiterin der Fachambulanz Elke Hamann.

Auditiv-verbale Therapie

Bei der auditiv-verbalen Therapie geht darum, dass die Kinder selbst bei hochgradigem an Taubheit grenzenden Hörverlust in der Lage sein können, hören und sprechen zu lernen. | Thomas Oberländer/Helios Kliniken

Frau Hamann, Sie sind Diplompädagogin und leiten die Fachambulanz auditiv-verbale Therapie in Berlin-Buch. Was genau ist auditiv-verbale Therapie?

Hamann: Auditiv-verbale Therapie ist ein hochspezialisiertes frühes Interventionsprogramm für Kinder mit Hörstörungen und deren Familien, welches direkt ab der Geburt beziehungsweise möglichst schnell nach Diagnosestellung beginnen sollte. Diese Therapieform gibt es bereits seit der Mitte des 20. Jahrhunderts und ist international sehr anerkannt. In Deutschland allerdings ist sie nicht so verbreitet: Hier gibt es insgesamt nur sieben ausgebildete Therapeuten in dem Bereich. Es geht darum, dass die Kinder selbst bei hochgradigem an Taubheit grenzenden Hörverlust in der Lage sein können, hören und sprechen zu lernen. Wir gehen davon aus, dass bei einem Kind mit einer Hörstörung der Weg vom akustischen Signal bis zur Verarbeitung im Gehirn unterbrochen ist. Je nach Art der Hörstörung können hier verschiedene Hörgeräte oder Cochlea-Implantate (CI) helfen, Probleme im Mittel- oder Innenohr zu überbrücken, damit auditive Signale das Gehirn über den Hörnerv erreichen können und die Hörbahn reifen kann. Es ist eine sehr effektive Methode, da sie auf der für das Lernen natürlichen Modalität – dem Hören- beruht. Internationale Studien zeigen ein Kosten- Nutzen- Verhältnis von 1 : 2,5 bis 1 : 4 (je nach zugrunde gelegter Lebensdauer).

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Wie erkennt man überhaupt, dass ein Neugeborenes eine Hörschädigung hat?

Hamann: Seit 2009 gibt es Neugeborenen-Hörscreenings, die von den Krankenkassen gezahlt werden. Damit haben alle Eltern die Möglichkeit, ihr Kind kurz nach der Entbindung screenen zu lassen. Dadurch ist natürlich die Chance groß, dass man sehr früh eine Diagnose bekommt. Je früher man mit der Therapie beginnen kann, umso größer ist die Möglichkeit, die sensiblen Phasen des Gehirns auszunutzen, in der Kinder am besten hören und sprechen lernen: Das ist im Alter von 0 bis zu 3,5 Jahren. Je früher man damit beginnt, umso leichter ist es natürlich. Grundlage ist eine umfassende, gesicherte Diagnose. Zu beachten ist, dass Hörschädigungen unter Umständen auch einen progredienten Verlauf haben können. Engmaschige Beobachtungen und Kontrollen sind also notwendig. Den Eltern wird geraten, auch andere Organe untersuchen und mögliche genetische Ursachen abklären zu lassen.

Was bedeutet es für die Familien, wenn bei einem Kind eine Hörschädigung diagnostiziert wird?

Hamann: Das ist für die Familien in der Regel eine riesige Katastrophe. Circa 90 Prozent der betroffenen Eltern können selbst hören und hatten mit dem Thema vorher noch keinen Kontakt. Das heißt, sie wissen überhaupt nicht, was auf sie zukommt und was das Hören für die Entwicklung eines Menschen bedeutet. Gerade für die emotionale Bindung ist das Hören sehr wichtig. Den Babys fehlt zum Beispiel schon die Erfahrung, im Mutterleib die Stimme ihrer Mutter zu hören – das ist ja normalerweise ab der 24. Schwangerschaftswoche möglich. Ein besonderes Problem ist aber die Verunsicherung der Eltern, die diese Unsicherheit natürlich unbewusst an die Kinder weitergeben.

Spiel- oder Alltagssituationen

Wie können Sie diesen Eltern und ihren Kindern konkret helfen?

Hamann: Im Idealfall kommen die Familien direkt nach der Diagnosestellung zu uns. Und dann nehmen wir uns sehr viel Zeit für Gespräche. Dabei geht es darum, den Eltern Perspektiven zu zeigen, wie es weitergehen kann. Wir klären über verschiedenen therapeutische Frühförderangebote auf, vermitteln - wenn gewünscht - Kontakte zu anderen Familien, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Wir begleiten die Eltern bei den nächsten Schritten: zum Beispiel bei der Anpassung der ersten Hörgeräte. Und dann vereinbaren wir regelmäßige Termine und beginnen damit, mit Eltern und Kind therapeutisch zu arbeiten. Dabei gehen Eltern, TherapeutIn und Kinder in Spiel- oder Alltagssituationen so in Kontakt, dass Hören für die Entwicklung lautsprachlicher Kommunikation die tragende Modalität wird - so wie bei Kindern ohne Hörprobleme auch.

Wie funktioniert das genau?

Hamann: Das eigentliche Hören/Verstehen ist ein kognitiver Prozess, die Ohren sind sozusagen der Eingang zur auditiven Welt und im Fall einer Hörschädigung sind diese mehr oder weniger verschlossen. Die auditiven Informationen kommen also nicht optimal, verzerrt oder gar nicht in den verarbeitenden Zentren an. Mithilfe moderner Hörtechnologien und entsprechenden Strategien wird so früh und so intensiv wie möglich auditiv stimuliert und damit die Hörbahn zum Reifen gebracht. Die Eltern sind in jedem Fall bei der Therapie dabei, sind Sicherheit für das Kind, geben Informationen, Modell, lernen Strategien und Techniken kennen und setzen Gelerntes im Alltag um. Die Eltern gestalten ihre Umgebung so, dass das Kind leichter hören und sprechen lernen kann.

Wenn zu Hause im Hintergrund beispielsweise das Radio oder der Fernseher läuft, funktioniert es nicht. In der Therapie spielen wir gemeinsam - und alle im Raum sind daran beteiligt. Für das Kind stehen der Spaß und die Freude im Vordergrund. Die Spiele sind an der Entwicklung des Kindes und auch an Interessen orientiert. Gleichzeitig ist jede therapeutische Einheit Diagnostik: Was und wie hört das Kind unter den jeweiligen Bedingungen? Ist die Technik optimal eingestellt? Wir können erkennen, welche Lautverbindungen die Kinder bilden können und diese Laute dann in anderen Zusammenhängen nutzen. Die Eltern lernen, ihre Stimme so zu benutzen, dass das Kind aufmerksam wird und darauf reagiert. Wir machen die Eltern auch auf die kleinsten Reaktionen aufmerksam, die sie sonst nicht bemerkt hätten: Auch ein Zwinkern kann ja bedeuten, dass das Kind etwas gehört hat.