Befragung

Arbeitsintensivierung und Personalmangel

Längere To-do-Listen, komplexere Aufgaben, mehr Multitasking, Zeitdruck: Die Arbeit in deutschen Büros, Fabriken und im Servicebereich wird zunehmend verdichtet.

Arbeitsverdichtung

81 Prozent der Befragten geben an, dass die Arbeitsmenge der Beschäftigten in ihrem Unternehmen in den zwei Jahren vor der Befragung zugenommen hat. | Eugenio Marongiu - Fotolia

Zur zunehmenden Arbeitsverdichtung kommt es nach Einschätzung von Betriebsräten in rund 80 Prozent der Betriebe, bei zwei Dritteln davon ist eine zu dünne Personaldecke ein wesentlicher Grund, zeigt eine neue Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung.

Internationale Umfrage

Aus Sicht der Bevölkerung stellt fehlendes Personal das größte Problem des deutschen Gesundheitssystems dar. Im internationalen Vergleich belegt es Rang zwei der gravierendsten Probleme.

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Für ihre Untersuchung hat WSI-Arbeitsschutzexpertin Dr. Elke Ahlers die jüngste Welle der WSI-Betriebsrätebefragung ausgewertet, an der 2018 fast 2.300 Arbeitnehmervertreter teilgenommen haben. Sie ist repräsentativ für alle Betriebe in Deutschland mit mehr als 20 Beschäftigten und Betriebsrat. 81 Prozent der Befragten geben an, dass die Arbeitsmenge der Beschäftigten in ihrem Unternehmen in den zwei Jahren vor der Befragung zugenommen hat. Jeweils drei Viertel geben höhere Leistungserwartungen und mehr Multitasking zu Protokoll. Von komplexeren und vielfältigeren Aufgaben berichten 71 Prozent, von mehr gleichzeitig zu bearbeitenden Projekten 65 Prozent und von einer Zunahme der bezahlten Überstunden 62 Prozent.

Zunehmende gesundheitliche Schwierigkeiten

Auch konkrete Auswirkungen können die Arbeitnehmervertreter benennen: 77 Prozent sehen einen Zusammenhang mit zunehmenden gesundheitlichen Schwierigkeiten unter den Beschäftigten, 68 Prozent nehmen eine Verschlechterung des Betriebsklimas wahr, 47 Prozent gehen davon aus, dass die Qualität der Arbeitsergebnisse beeinträchtigt wird.

Die Betriebsräte machen mehrere Gründe für die steigende Belastung verantwortlich, einer sticht jedoch heraus: 65 Prozent nennen eine unzureichende Personalausstattung als eine wichtige Ursache. Die Engpässe beruhen nach Angaben der Betriebsräte nicht nur auf Krankenstand oder guter Auftragslage, sondern werden oft als Normalfall beschrieben. Weitere häufig genannte Gründe sind Führungsmängel mit 60 Prozent, schlechte Organisation mit 59 Prozent und ungeplante Zusatzaufgaben mit 57 Prozent.

Verhandlungen über Entlastungen

Dass die Arbeitsbelastung steigt, lasse sich nicht allein auf technologischen Wandel oder gesellschaftliche Veränderungen zurückführen, sondern sei in vielen Fällen „eine Folge ungünstiger betrieblicher Rahmenbedingungen“, schreibt Ahlers in ihrer Analyse, die in der neuen Ausgabe der WSI-Mitteilungen erscheint. Das gelte auch für einen guten Teil der Fälle, in denen Unternehmen zwar neue Stellen ausschreiben, aber Probleme bei der Besetzung haben, betont die Forscherin: „Gut die Hälfte der Betriebe konnte die ausgeschriebenen Stellen wegen unattraktiver Entlohnung und Arbeitsbedingungen nicht besetzen, vor allem im Dienstleistungsbereich.“

Auf der Agenda der Betriebsräte steht das Thema Arbeitsintensivierung weit oben. Wie drängend es ist, zeigt sich auch daran, dass die Arbeitnehmervertreter in fast allen betroffenen Betrieben mit dem Arbeitgeber in Verhandlungen über Entlastungen stehen. Drei Viertel der befragten Arbeitnehmervertreter haben bei übermäßig langen oder unregelmäßigen Arbeitszeiten schon einmal eingegriffen. Um die Arbeitszeit und die Arbeitsmenge besser zu regulieren, haben 45 Prozent bereits eine Betriebsvereinbarung abgeschlossen. 83 Prozent der befragten Betriebsräte haben beim Management mehr Personal angefordert. Allerdings hat dem nur ein Teil der Arbeitgeber entsprochen: in 44 Prozent der Betriebe wurde Personal eingestellt, oftmals aber temporäre Aushilfen oder Leiharbeiter. „Spürbare Personalaufstockungen“ gab es in lediglich 38 Prozent der Betriebe.


Quelle: Hans-Böckler-Stiftung, 04.02.2020