Premium Schnittbilddiagnostik der Wirbelsäule (7.26)

Zufallsbefunde: Samenblasenzyste

Kernspintomographische Untersuchungen können intrapelvin gelegene Organe teilweise oder vollständig, abhängig von der Lage und Größe, mit erfassen, wie auch schon bereits vorangegangene Publikationen und auch der letzte Beitrag in dieser Serie gezeigt haben.

Zufallsbefunde: Samenblasenzyste

Abb. 1.1: sagittales MRT (T2 TSE, 1,5T): Spondylolyse und Spondylolisthese im Segment L5/S1 mit Osteochondrose; Steilstellung des Os Sacrum mit Knickbildung zum Steißbein; Ca. 3 cm durchmessende Zyste dorsal der Harnblase und dorsokranial der Prostata (zapfenförmig prominenter Mittellappen), zwischen den Samenblasen und prärektal gelegen | Für alle: H.-J. Thiel

Kernspintomographische Untersuchungen können intrapelvin gelegene Organe teilweise oder vollständig, abhängig von der Lage und Größe, mit erfassen, wie auch schon bereits vorangegangene Publikationen und auch der letzte Beitrag in dieser Serie gezeigt haben.

Schnittbilduntersuchungen des lumbosakralen Übergangs, des Kreuz- und Steißbeins können bei großen field of view (FOV) auch die Region des kleinen Beckens darstellen.

Abb. 1.2: koronales MRT (T1 TSE, 1,5T): liquorintenses (hypointenses) Signal der Zyste

Im heutigen Fallbeispiel wurde so eine mittelgroße Zyste der Samenblasen sichtbar. Sie können uni- oder bilateral vorkommen, auch medial und liegen kranial der Prostata zwischen der Harnblasenrückwand und dem Rektum. Kongenitale Zysten weisen mitunter eine Assoziation mit Anomalien des mesonephrischen Ganges auf und können so auf eine ektope Ureterinsertion, Nierendysgenesie oder eine Duplikatur des Samenstranges hinweisen (2, 6). Bei Kindern sollte immer an das Zinner-Syndrom, eine Kombination von Samenblasenzyste und ipsilateraler Nierenmalformation gedacht werden (7, 8).

Nach Entzündungen der Prostata oder bei Obliteration durch einen tumorösen Prozess, z.B. der Prostata, sind sekundäre Zysten bekannt. So kann bei Störung der Prostatasekretion die Konditionierung der Urethra für die Spermienpassage eingeschränkt sein und sekundär ein Aufstau der Samenblasen entstehen (1). Auch primäre benigne und maligne Tumoren der Samenblasen sind zu differenzieren (Tabelle 1).

Tabelle 1: maligne und benigne Tumoren der Samenblasen (nach 3, 9, 11, 14, 15)

Durch den hohen Anteil an bakteriziden Substanzen der Samenflüssigkeit ist es erklärbar, dass infektiöse Erkrankungen der Samenblasen selten vorkommen (5).

Die gängige Untersuchung zur Darstellung der Samenblasen ist die transrektale Sonographie, die eine sehr gute Beurteilung der Morphologie und pathologischer Prozesse erlaubt und seit vielen Jahren etabliert ist (4, 10). CT und MRT sind ergänzende diagnostische Verfahren der Bildgebung, wobei MRT und transrektaler Ultraschall (TRUS) vergleichbare Untersuchungsergebnisse liefern. Die Konkordanz der Diagnostik lag für beide Methoden bei 73,3%.

Abb. 1.3: koronales MRT (T1 TSE mit FS nach KM, 1,5 T): Signalanstieg der Zystenwand der sonst unkomplizierten Zyste

Abb. 1.4: transversales MRT (T1 TSE mit FS nach KM, 1,5 T): liquoräquivalentes Signal der Samenblasenzyste

Computertomographische Untersuchungen spielen in der Primärdiagnostik der Samenblasen eine untergeordnete Rolle, sie können aber postentzündliche oder posthämorrhagische Verkalkungen nachweisen. Die Samenblasen haben eine variable, altersabhängige Größe mit ca. 4,5 bis 5,5 × 2 cm maximal im Transversalschnitt, erreicht in der 5. bis 6. Lebensdekade (12) und sind zwischen Harnblase und Rektum kraniodorsal der Prostata abgrenzbar.

Kernspintomographische Aufnahmen können hervorragend und reproduzierbar pathologische Veränderungen der Prostata und Samenblasen visualisieren. Kongenitale, infektiöse und tumoröse Veränderungen sind zu differenzieren (13).

Fallbeispiele

Das Fallbeispiel 1 demonstriert den Befund einer Samenblasenzyste bei einem 50-jährigen Mann, der über tiefsitzende Rückenschmerzen, progredient bei Belastung klagte und über eine Dysurie. Die Miktion war zunehmend erschwert. Die Kernspintomographie konnte eine Degeneration der lumbalen Bandscheiben mit multisegmentalem Bulging nachweisen und eine Spondylolisthese °1 nach Meyerding bei einer Spondylolisthesis vera im Segment L5/S1. Zusätzlich war bei großem FOV auch eine Hypertrophie des Prostatamittellappens erkennbar sowie eine unkomplizierte Zyste der Samenblasen mit ca. 3 cm (Abb. 1.1 bis 1.4).

Zum Vergleich ist in Fallbeispiel 2 das MS-CT des Beckens mit unauffälligen Samenblasen (Abb. 2.1) bei einem Patienten nach Prostatektomie wegen eines Prostatakarzinoms dargestellt.

Abb. 2.1: Postkontrast-MS-CT des Beckens mit unauffälligem Befund der Samenblasen, retrovesikal gelegen

Im Fallbeispiel 3 wurde in der MRT eine frische Einblutung in die Samenblasen nachgewiesen mit hyperintensem Signal in T1w (Abb. 3.1) bei einem 52-jährigen Patienten mit rezidivierender Hämospermie und Schmerzen im Becken.

Abb. 3.1: transversales MRT (T1 GE 1,5 T): mehrere Zysten der Samenblasen mit hohem Eiweißgehalt und intermediärem Signal, links mit frischer Einblutung (hyperintens)

 

Literatur

1. Aumüller G, Goebel HW, Bacher M, Eicheler W, Rausch U. Current aspects on morphology and functions of the prostate. Verh Dtsch Ges Pathol. 1993;77:1-18.

2. Burgener, F. A., Meyers, S. P., Tan, R. K., Zaunbauer W.: Differenzialdiagnostik in der MRT. Georg Thieme Verlag Stuttgart, New York: 632-3 (2002).

3. Chang K, Sio TT, Chandan VS, Iott MJ, Hallemeier CL. Angiosarcoma of the seminal vesicle: a case report of long-term survival following multimodality therapy. Rare Tumors. 2014 Jan 29;6(1):5202.

4. Chen X, Wang H, Wu RP, Liang H, Mao XP, Mao CQ, Zhu HZ, Wang DH. The performance of transrectal ultrasound in the diagnosis of seminal vesicle defects: a comparison with magnetic resonance imaging. Asian J Androl. 2014 Nov-Dec;16(6):907-11.

5. Clavert A, Cranz C, Bollack C. Functions of seminal vesicle. Andrologia. 1990;22 Suppl 1:185-92.

6. Harbo FS, Larsen LB. Seminal vesicle cyst with ipsilateral renal agenesis. Ugeskr Laeger. 2015 Jan 26;177 (2A).

7. Hardt S, Weber S, Kranz B, Engelcke G, Vester U. Samenblasenzysten und ipsilaterale Nierenmalformation im Kindesalter. Ultraschall in Med. 2014;35 – V4_2.

8. Jarzemski P, Listopadski S, Kowalski M. Laparoscopic removal of a congenital seminal cyst in Zinner’s syndrome. JSLS. 2014 Apr-Jun;18(2):367-71.

9. Kaminsky A, Kania U, Ortloff P, Sperling H. Seminal vesicle cystadenoma as the cause of a retrovesical tumor. Urologe A. 2014 Apr;53(4):542-4.

10. Ludwig G. Diagnostic imaging in male reproductive medicine. Urologe A. 1990 May;29(3):135-40.

11. Olivetti L, Laffranchi F, De Luca V. Cystosarcoma phylloides of the seminal vesicle: a case report and literature review. Case Rep Urol. 2014;2014:302708.

12. Prokop M., Galanski M., van der Molen, A., Schaefer-Prokop, C. M.: Spiral und Multislice Computed Tomography of the Body. Georg Thieme Verlag Stuttgart New York: 727 (2003).

13. Reddy MN, Verma S. Lesions of the Seminal Vesicles and their MRI Characteristics. J Clin Imaging Sci. 2014 Oct 31;4:61.

14. Shaikh AS, Bakhshi GD, Khan AS, Jamadar NM, Nirmala AK, Raza AA. Leiomyoma of the seminal vesicle: a rare case. Clin Pract. 2013 Nov 22;3(2):e32.

15. Sollini M, Silvotti M, Casali M, Giovanardi F, Zadro A, Froio A, Erba PA, Versari A. The role of imaging in the diagnosis of recurrence of primary seminal vesicle adenocarcinoma. World J Mens Health. 2014 Apr;32(1):61-5.

Der Autor:
Dr. med. Hans-Joachim Thiel
MedienServiceMedizin
73102 Birenbach, Kirchlesfeld 21
Der Autor ist Facharzt für Radiologie. Nach dreijähriger Tätigkeit als Oberarzt hat er sich Mitte der 1990er Jahre in Göppingen niedergelassen. Seine Haupttätigkeit sind CT, MRT und Interventionen. Darüber hinaus ist
er Verfasser zahlreicher Fachpublikationen.

 

Entnommen aus MTA Dialog 11/2015

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