Breites Spektrum auf dem virtuellen ECR 2021

Radiologie: COVID-19, neue Anwendungen, Auffrischung von Gelerntem

"Branchenweisend“ bei der Innovation in Forschung und Praxis: Auch in diesem Jahr fand der European Congress of Radiology (ECR) pandemiebedingt wieder online statt. Auch für MTA stand erneut viel Wertvolles auf der Agenda.

Radiologie: COVID-19, neue Anwendungen, Auffrischung von Gelerntem

Dieses Bild spiegelt das Motto des ECR 2021 – „embracing“ wider. Das Wort hat im Englischen zahlreiche positive Bedeutungen – von „umarmen“, möglichst virtuell in Pandemiezeiten, hin zu „mit offenen Armen annehmen, sich zu eigen machen“. Mit dem „Kuss” des Malers Gustav Klimt stellten die Veranstalter die Radiologie und ihre Nutzenpotenziale in den Mittelpunkt für alle Teilnehmer. | © ECR

Die Jahresgroßveranstaltung aus Wien brillierte im März mit einem Streaming-Programm auf fünf Kanälen, einer „Pop-Up World Tour“, einem virtuellen Ausstellungsbereich mit rund 200 Anbietern sowie mit neuen digitalen Networking-Optionen. Die European Society of Radiology „setzte damit erneut Maßstäbe“ mit 1.887 Einzelvorträgen in 342 Sessions und 1.408 elektronischen Posterpräsentationen von 2.421 Referenten.

„So geht Kongress veranstalten – virtuell“

Neben den vier Kanälen mit wissenschaftlichen Präsentationen bot „Channel 1“ mit Übertragung aus einem Studio im Hotel Kempinski an der Wiener Ringstraße Interviews mit namhaften Vertretern der Disziplin und eine tägliche Einführung durch Kongresspräsident Prof. Dr. Fuchsjäger. Interaktive Kurse in Yoga, Qigong und Aikido luden auf diesem Kanal die Teilnehmer dazu ein, sich fit zu halten. Und eine „Pop-Up World Tour“ führte Veranstaltungen institutioneller und industrieller Partner des ECR aus global verteilten Orten im ECR-Kanal zusammen.

Breites Informationsspektrum auch für MTA

Der ECR bot eine Vielzahl von Topics und Sessions im Kontext von COVID-19 – sowie zu künstlicher Intelligenz (KI), Radiomics, Thera(g)nostics ... und Quiz-Aufgaben mit Star Wars-orientierter Bildauswertung.

Einen Überblick über Best Practice für MTA im Aufgabengebiet der forensischen Bildgebung bot Mag. Ulrike Weinberger von der Fachhochschule Wien. So sind MTA gefordert, im Rahmen forensischer Untersuchungen die Verfügbarkeit von Untersuchungsergebnissen und die Kontinuität ihrer Beweiskraft zu gewährleisten. Niamh Kirk aus Belfast gab einen Einblick in die multimodale Bildgebung pädiatrischer Fälle in der Forensik und in Bildgebungsleitlinien bei Verdachtsfällen physischen Missbrauchs. Herausforderungen liegen hierbei laut Kirk mitunter in der Bereitschaft zur Mitarbeit seitens der Verwandten.

PET/MR: Wie steht es um den „versprochenen Prinzen“?

PET/MR hat einen maßgebenden positiven Einfluss auf die klinische Behandlung des Kolorektalkarzinoms, unterstrich auf dem Kongress Dr. Onofrio Catalano, der Ärztliche Direktor für PET/MR im Martinos Center der Harvard Medical School. Auf Basis einer Reihe klinischer Fälle legte er dar, dass keine andere Bildgebungsmodalität eine vergleichbare, fantastische Kombination von Informationen biete. Wenn im Rahmen der Therapie eine vollständige Resektion dem Patienten die höchste Überlebenschance ermöglicht, können Radiologen dank PET/MR eine detaillierte Darstellung der Infrastruktur der Erkrankung für ihre klinischen Kollegen präsentieren. Auch eine OP-Planung wird so virtuell möglich.

PET/MR sei leistungsstärker im Vergleich zu CT und MR/CT bei der Suche nach Metastasen im Pelvis – und verändere Therapieentscheidungen in bis zu 35 Prozent der Fälle, so der Experte. Eine Studie von Dr. Onofrio und Co-Autoren, veröffentlicht 2019 im European Journal of Nuclear Medicine and Molecular Imaging, hatte Evidenz für Entscheidungsveränderungen durch PET/MR in 15 von 42 Fällen aufgezeigt. Und die Potenziale der Hybridmodalität gehen weit über das Kolon hinaus – sie bietet sich als effektives Werkzeug zur Bestimmung der lokalen Manifestation der Krebserkrankung von Knochen, Leber, Peritoneum und Lymphknoten an.

PET/MR entwickele sich zur „Killer-Applikation“ beim Prostatakarzinom, sagte Dr. Marcus Makowski. Der Grund liege in der Kombination herausragender anatomischer und funktionaler Informationen aus MR und der höheren Spezifität von PET, so der Direktor des Instituts für Diagnostische und Interventionelle Radiologie am Klinikum rechts der Isar der TU München. Dies erhöht die Präzision bei der Erkennung von Knochenmetastasen in den frühen Phasen der Erkrankung; auch prostatakrebsbedingte Lungenläsionen lassen sich besser identifizieren. Kosten und Verfügbarkeit sind laut Dr. Makowski die großen Herausforderungen bei dieser Hybridmodalität.

In ihrem Vortrag zu „The prince that was promised: status of PET/MRI after the first 10 years“ gab Prof. Umutlu einen Überblick über die erfolgreiche Implementierung und Anwendungsgebiete von PET/MR in den letzten zehn Jahren. Dabei wies sie auf die Vorteile dieser Hybridbildgebung bezüglich des exzellenten Weichteilkontrastes, der reduzierten Strahlung und der Möglichkeit zur multiparametrischen Bildgebung hin. Genau in dieser sieht Prof. Umutlu auch das größte Zukunfts- und Forschungspotenzial. So konnte sie in ersten Studien zu Hirntumoren zeigen, dass multiparametrische PET/MR, unter Anwendung von Algorithmen der KI, das Potenzial aufweist, Krebsarten erfolgreich nicht-invasiv zu phänotypisieren. Die synergistische Anwendung von PET/MR und von KI-Algorithmen wird es laut der Expertin Medizinern ermöglichen, Therapieantworten zu prognostizieren und Patienten entsprechend zu stratifizieren. „Künftig werden solche virtuellen anstelle realer Biopsien in Befunde einfließen und Onkologen sowie Chirurgen unterstützen“, so Prof. Umutlu. Es scheint also, dass dem verwunschenen Prinzen PET/MR evidenzbasiert die Krone bereitet wird …

Patientenerfahrung in den Fokus der MTA rücken

„Den Patienten in den Mittelpunkt der Arbeit stellen“: Patientenorientierung ist ein Paradigmenwechsel der letzten Jahre. Der ECR zeigte die Bedeutung auch für MTA: Ihre Aufgaben umfassen das Verstehen und Umsetzen von Anforderungen der Patienten, die Beantwortung ihrer Fragen und die Verbesserung der Patientenerfahrung. Bildqualität und Dosis zählen zu den technischen Aspekten.

Zur Inspiration der MTA diente auf dem Kongress eine Studie mit dem Ziel der Verbesserung von Behandlungsqualität und Patientensicherheit. Durchgeführt wurde sie unter dem Titel „Always about“ von den MTA Dr. Louise Harding und Dr. Paula Evans, Warrington and Halton Hospitals NHS Trust, UK. Als Methode kam der Plan-Do-Study-Act-Zyklus (PDSA) zum Einsatz, der auf ehrliches und transparentes Feedback von Patienten und die Umsetzung darauf basierender Veränderungen in der täglichen Praxis abzielt. Dr. Andrew England von der Keele University, UK, unterstrich vor diesem Hintergrund das Engagement des MTA-Dachverbandes European Federation of Radiographer Societies (EFRS).

So meistern MTA den Stress durch COVID-19

Eine „Professional Challenges Session“ widmete sich den Herausforderungen der Pandemie in der Arbeit und im Leben der MTA – und wie sie sie meistern können. „Unser Leben hat sich drastisch verändert“, sagte einleitend Dr. Paul Bezzina, Direktor des Departments of Radiography, Faculty of Health Sciences, Universität von Malta. Die Pandemie wirkt sich auf unser soziales Handeln, auf unsere Mobilität, auf unsere Erfahrungen und Erwartungen aus – und somit auf unser Wohlbefinden.

Das tägliche Erleben der Situation in Krankenhäusern – darunter Hygienethemen und Infektionsrisiken, erhöhter Patientendurchsatz – schafft Stress und Ängste bei MTA. Was können Einrichtungen zur Unterstützung ihrer Mitarbeitenden tun? Sie haben Schutzbekleidung bereitzustellen, für schlankere Abläufe zu sorgen und Abstand zu unterstützen. Sie sollten MTA schulen, Symptome wie Motivationsmangel, Gefühl von Ohnmacht, Burn-out bei sich erkennen, so der Experte.

Was können MTA selbst tun? Zum „mental wellbeing“ zitierte Dr. Bezzina die allgemeine Fünf-Schritte-Regel des NHS (2019): sich mit anderen austauschen; Sport treiben; neue Fähigkeiten erlernen; sich für andere einsetzen; dem gegenwärtigen Augenblick Aufmerksamkeit schenken („mindfulness“). Die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) empfehlen (2020) ähnliche Vorgehensweisen.

MTA sollten sich somit in ihren Teams darüber austauschen und so einander bestärken – etwa auch beim Erkennen psychischer Probleme; sie sollten bei Anzeichen von Schwierigkeiten professionelle psychologische Hilfe suchen. Soweit möglich, sollten sie eine Tagesroutine wie vor der Pandemie beibehalten, Pausen für Social Media machen und sich über COVID-19 auf dem Laufenden halten. Sie sollten ferner Mindfulness-Techniken wie Meditation nutzen und bei Anzeichen des Missbrauchs von Alkohol und anderer Drogen professionellen Rat einholen.

Aus der virtuellen Ausstellung

Viele Anbieter stellten ihre neuen innovativen Produkte und Projekte beim ECR vor: In einem Forschungsprojekt, das Philips Ambient Experience gemeinsam mit der Walt Disney Company initiiert hat, wird untersucht, wie sich das Erleben von Kindern bei MRT-Scans durch das Konzept verbessern lässt (https://bit.ly/3g1qgbD). Ziehm Imaging präsentierte sein neues Produktportfolio aus mobilen C-Bögen und innovativen Bildgebungssystemen. Zu den Highlights zählten zwei leistungsstarke klinische Lösungen für kardiologische und vaskuläre Eingriffe.

Siemens Healthineers stellte neue Lösungen für die Brustbild-befundung und die Optimierung von Mammografie-Workflows vor: Die neue Plattform Mammovista B.smart beschleunigt den Befundungsprozess mithilfe von KI und soll für mehr Diagnosegenauigkeit sorgen. Das neue Teamplay Mammo Dashboard analysiert den Workflow in der Brustbildgebung und identifiziert Verbesserungspotenziale.

„SynergyDrive“ heißt die neue Suite für optimierte Workflow- und Highspeed-Prüfungen, mit denen Anbieter Hitachi seine MRT-Geräte ausgestattet hat. Die Automatisierungssuite bietet Hochgeschwindigkeitsuntersuchungen zur Verbesserung der Effizienz bei MRT-Untersuchung. Die Automatisierung, Vereinfachung und Beschleunigung sollen einen Fokus auf den Patienten anstatt auf das Verfahren ermöglichen.

Nicht nur die Anbieter, auch die Besucher, hoffen, dass es nach zwei Jahren eines rein virtuellen Austausches im Jahr 2022 endlich wieder einen realen Kongress vor Ort in Wien geben wird.

 

Entnommen aus MTA Dialog 7/2021