Promotion

Ingeborg Rapoport – Anerkennung der Promotionsarbeit nach 77 Jahren

Im Jahre 2008 promovierte Professor Dr. med. Heinz Wenderoth, ehemaliger Chefarzt an den Städtischen Kliniken Dortmund, mit 97 Jahren über ein biologisches Thema (ein evolutionär frühzeitiges Scheibentier) und hielt damit den Altersweltrekord. Aber nicht lange!

Prof. Dr. Ingeborg Rapoport

Prof. Dr. Ingeborg Rapoport diskutierte mit Schwestern der Kinderklinik. | Bundesarchiv, Bild 183-1985-1030-036 / CC-BY-SA 3.0, wikimedia

Im Mai 2015 absolvierte Frau Professor Ingeborg Rapoport, geb. Syllm, mit 102 Jahren die Prüfung zu einer Doktorarbeit, die 77 Jahre zurücklag. 1937/38 hatte sie am Israelitischen Krankenhaus Hamburg eine experimentelle Dissertationsschrift über Lähmungserscheinungen bei Diphtherie angefertigt. Ihr Doktorvater war der Pädiater Prof. Rudolf Degkwitz (1899 – 1973), der in einem archivierten Schreiben festgehalten hat, dass er die Arbeit anerkennt und registriert hat. Die mündliche Prüfung wurde jedoch Frau Syllm als Halbjüdin verwehrt, obwohl sich Prof. Degkwitz an höchsten Stellen dafür einsetzte. Degkwitz hatte sich nach anfänglicher Unterstützung der Nazipartei ab 1940 dem Widerstand besonders gegen die Kindereuthanasie angeschlossen. Nach Denunziationen wurde er im Februar 1944 vom Präsidenten des Volksgerichtshofes zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt. Die Todesstrafe setzte Freisler aus, „…weil Degkwitz durch seine Masernprophylaxe 40.000 deutschen Kindern das Leben gerettet hat.“

Anlässlich eines Festaktes zum 100. Geburtstag (2012) von Prof. Ingeborg und Prof. Mitja Rapoport wurde der Medizinische Dekan der Hamburger Universität, Prof. Dr. Uwe Koch-Gromus, auf die Dissertationsschrift von 1938 aufmerksam und bemühte sich um Überwindung der bürokratischen Hürden für eine mündliche Prüfung, nachdem Frau Rapoport den Vorschlag einer Ehrenpromotion abgelehnt hatte. In einem bewunderungswürdigen Kraftakt hat Frau Rapoport sich die moderne wissenschaftliche Entwicklung auf dem Gebiet der Diphtherie angeeignet. Sie war dabei auf die Hilfe von Freunden und Verwandten angewiesen, da sie praktisch blind ist. Die Gruppe aus drei Prüfern bestätigte am 2.6.2015 ein unerwartet gutes Ergebnis (summa cum laude).

Ingeborg Syllm wurde am 2. September 1912 als Tochter eines Kaufmanns und einer jüdischen Musikerin in Kribi, Kamerun (damals deutsche Kolonie) geboren und verlebte später die Kinder- und Jugendzeit in Hamburg. Während des Medizinstudiums wurde sie in den Unterlagen bereits als Jüdin gekennzeichnet und durfte die Mensa nicht betreten. Nach dem Staatsexamen 1937 hatte sie in Deutschland keine Chance, auch eine Bewerbung bei Albert Schweitzer in Lambarene blieb erfolglos. 1938 emigrierte sie in die USA und war unbezahlte Ärztin (sogenannt Internship) in Brooklyn und Akron, Ohio. Da sie keinen Doktortitel hatte, musste sie sich für ihr weiteres Fortkommen am Women´s Medical College of Pennsylvania noch zum MD (Doctor of Medicine) qualifizieren (1942) und sich in Pädiatrie spezialisieren.

Am Childrens Hospital and the Research Foundation of the University of Cincinnati lernte sie 1944 ihren späteren Mann Sam(uel) Mitja Rapoport (1912 – 2004) als Leiter der Forschungsabteilung kennen. Mitja R. wurde 1912 in Wolhynien (an der Grenze Russland/Österreich) in eine jüdische Familie geboren. Nach der Umsiedlung nach Wien (1920) studierte er später Medizin und Chemie und forschte am Institut für Medizinische Chemie bei Prof. Otto von Fürth (als Jude 1938 entlassen) über Aminosäuren im Serum. In Voraussicht der deutschen Okkupation hatte von Fürth für Mitja bereits 1937 eine Stelle in Cincinnati besorgt. Bekannt wurde Mitja durch Forschungen über Elektrolytstatus/Osmolalität, Sauerstofftransport in Erythrozyten (2,3-Bisphosphoglyzerat, Rapoport-Luebering-Zyklus [Janet Luebering war MTA!]). Durch Einführung der ACD-Lösung für Spenderblut wurde dessen Lebensdauer verlängert, wodurch das Leben Tausender von Soldaten im Krieg gerettet wurde. US-Präsident Truman zeichnete ihn dafür mit dem höchsten Orden für Zivilisten aus (Certificate of Merit). Auf der anderen Seite kamen er und Ingeborg durch ihre Tätigkeit in der kommunistischen Partei und in der Trade Union (Gewerkschaft) ins Blickfeld der antikommunistischen McCarthy-Kommission. Während eines Kongresses in Zürich wurden sie 1950 über eine Vorladung vor die Kommission informiert. Die schwangere Ingeborg R. kehrte sofort in die USA zurück, holte ihre drei Kinder und traf sich mit Mitja in Wien. Wegen Einspruchs der CIC konnte Mitja nicht in das Institut für Medizinische Chemie zurückkehren. Die UdSSR lehnte ihn als West-Emigranten ab. 1952 bot ihm die Humboldt-Universität in Berlin den Lehrstuhl für Physiologische und Biologische Chemie an.

Nach einer Auszeit konnte Ingeborg Rapoport 1952 am Hufeland-Krankenhaus in Berlin-Buch ihre praktische Tätigkeit fortsetzen. In einer Aspirantur zur Erlangung der Habilitation am Institut für Biochemie erforschte sie die Magnesiummangel-Tetanie (Habilitation 1959). Von 1959 bis zu ihrer Emeritierung 1973 war sie Dozentin (1960), Professorin mit Lehrauftrag (1964) und ordentliche Professorin der Neonatologie (1968) an der Kinderklinik der Charité. Viele Veröffentlichungen über Hyperbilirubinämie bei Neu- und Frühgeborenen, Struktur und Metabolismus der fetalen und adulten Erythrozyten, auch bei verschiedenen Anämien, sowie über Phosphatdiabetes (eine „Rachitis“ -Variante) entstanden in dieser Zeit. Die gegen ihren Willen erfolgte Emeritierung beendete keineswegs ihre weitere wissenschaftliche Arbeit.

Bereits 1969 hatte sie das DDR-weite Forschungsprojekt Neonatologie (später Perinatologie genannt) initiiert, an dem 1974 etwa 400 Mitarbeiter beteiligt waren. Ebenso war sie an der Gründung und Leitung der Gesellschaft für Perinatologie beteiligt und war Mitglied im Council der Europäischen Gesellschaft für Perinatale Medizin. Die Laboranalysen konnte sie mit Unterstützung von Prof. Johannes Gross (Leiter des Zentrallabors) durchführen, wie Kreatingehalt und Dichte der Erythrozyten zur Erkennung der Hypoxie bereits in der uterinen Entwicklung des Feten. 1984 erhielt sie zusammen mit mehreren Ärzten den Nationalpreis für Wissenschaft und Technik für den Beitrag zur Senkung der Säuglingssterblichkeit in der DDR unter 0,1 %.

In ihrer Biographie [1] erkennt man ihre tiefen emotionalen Bindungen an die wissenschaftliche Arbeit zur Verbesserung des Gesundheitswesens, ihre politische Überzeugungen und die Liebe zu ihrer Familie. Für Mitja war sie sicher die wichtigste Stütze und hat oft ausgleichend gewirkt. Ihr ältester Sohn Prof. Tom Rapoport (geb. 1947) wurde 1992 aus der Akademie der Wissenschaften entlassen und arbeitet seit 1995 an der Harvard Medical School über intrazelluläre Proteintransportprozesse. Prof. Michael Rapoport (geb. 1948) ist Mathematiker in Bonn. Susan („Fufu“) Richter (geb. 1949) ist Kinderärztin und Lisa Rapoport (geb. 1950 in Wien) war trotz ihrer Behinderung Kinderkrankenschwester an der Charité.

Literatur

  1. Ingeborg Rapoport. Meine ersten drei Leben. 2. Aufl. (1. Aufl. 1997), Nora Verl.-gemeinschaft Dyck & Westerheide, Berlin 2002. Daraus ergab sich 2003 die Fernsehdokumentation „Die Rapoports – Unsere drei Leben“ von S. Huetlin und B. Wauer, ausgezeichnet mit dem Adolf-Grimme-Preis (2005).
  2. http://de.wikipedia.org/wiki/Ingeborg_Syllm-Rapoport

Prof. Dr. Dr. Heinz Fiedler

Aus MTA Dialog 08/2015