Fachradiologietechnologin im Mittleren Osten

Ein Erfahrungsbericht aus Saudi-Arabien

Stephanie Proft arbeitet seit 2009 als Fachradiologietechnologin im Mittleren Osten. Sie ist dort die stellvertretende Leitung der MRT-Abteilung. Im Folgenden schildert sie aus ihrer Sicht das Arbeitsumfeld und wie sie nach Saudi-Arabien gekommen ist.

Ein Erfahrungsbericht aus Saudi-Arabien

Stephanie Proft (rechts) mit Arbeitskollegen | Für alle: © S. Proft

Ich habe mich 2009 auf ein Abenteuer der ganz besonderen Art eingelassen. Ich bin durch Zufall (oder Schicksal) in Saudi-Arabien gelandet, um genau zu sein im National Guard Hospital, auch King Abdul Aziz Medical City genannt. Ich hatte mich bei einer Recruitment-Agency in England gemeldet, da ich erst nach England wollte. Diese Agentur in London vermittelte aber nach Saudi-Arabien. Ich wurde gefragt, ob man meinen Lebenslauf weiterleiten könne, und zwei Wochen später kam das Angebot.

Das Krankenhaus, in dem ich arbeite, ist eines der größten im Land mit 25.000 Mitarbeitern. Ich bin die stellvertretende Leitung der MRT-Abteilung, untersuche aber auch selbst Patienten, darunter die Prinzen und Prinzessinnen der königlichen Familie. Der Unterschied zu deutschen Krankenhäusern besteht darin, dass jede Abteilung separat aufgestellt ist, das heißt, es gibt jeweils eine Abteilung MRT, CT, Röntgen, Ultraschall und so weiter. In Deutschland ist das alles in einem Bereich. Um sich zu bewerben, gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder man sendet selbst die Bewerbung in die Krankenhäuser oder eine Agentur übernimmt die ganze Papierarbeit. Neben dem Lebenslauf (auf Englisch) und dem Abschlusszeugnis braucht man ein polizeiliches Führungszeugnis, ein Arbeitszeugnis vom letzten Arbeitgeber und ein Gesundheitszeugnis (alle Unterlagen müssen von einem staatlich vereidigten Übersetzer ins Englische übersetzt und abgestempelt werden) und natürlich einen gültigen Reisepass.

Handhygiene ist sehr wichtig.

Wenn alle Unterlagen abgestempelt sind und man das Einreisevisum erhält, kann es losgehen. Am Tag der Anreise wurde ich von einem „Begrüßungskomitee“ des Krankenhauses abgeholt und in meine Wohnung gefahren. Wohnungen sind eher Villen in einem Compound (abgegrenzte Wohngebiete für Ausländer) mit Pools, Gym, Supermarkt, Sauna, Basketball- und Tennisplatz sowie einem Wellnesscenter. Den nächsten Tag hatte ich frei zum Akklimatisieren. Am zweiten Tag ging es dann zum ersten Mal ins Krankenhaus. Es stehen 24-Stunden-Busse (kostenlos) und Taxis zur Verfügung, die einen zum Krankenhaus fahren oder abholen. Natürlich dürfen wir uns als Ausländer in der Öffentlichkeit frei und allein bewegen. Autofahren war für Frauen bis jetzt nicht gestattet, wird aber ab Juni möglich sein. Saudische Frauen nehmen schon Fahrstunden und werden als Taxifahrerinnen ausgebildet.

An diesem zweiten Tag fand die Orientierung statt, das heißt, man bekommt seine Uniform, ein Bankkonto wird eröffnet, es wird nochmals ein medizinischer Check-up gemacht, die Krankenversicherungskarte wird gedruckt und man läuft einmal durch das riesige Objekt, um zu wissen, wo die Restaurants, Cafés und Minimärkte sind. Die Lebenshaltungskosten sind relativ günstig, es werden nur fünf Prozent Steuer auf Lebensmittel, Kleidung et cetera erhoben. Das Einkommen ist steuerfrei.

Auszeichnung für besonders herausragende Leistung

Am dritten Tag trifft man dann endlich in seiner Abteilung ein und lernt die Kollegen kennen. Die Teams sind national und international zusammengestellt. Hier kommt die ganze Welt zusammen. Eine Kopfbedeckung muss nicht getragen werden. Die Arbeitsbedingungen sind sehr gut. Mal davon abgesehen, dass man hier fünfmal so viel verdient wie in Deutschland und das steuerfrei, bekommt man 64 Tage Urlaub, einen Heimflug bezahlt und jedes Jahr einen Bonus. Unterkunft und Transport werden ebenfalls kostenfrei zur Verfügung gestellt und man ist vom Krankenhaus aus versichert. Wir tragen hier auch ganz normale Uniform mit Arztkittel darüber. Keiner muss sich verschleiern, außer man wählt es selbst wie die Muslime. Die Geräte (Siemens, Philips, GE) sind auf dem neuesten Stand. Jede radiologische Abteilung hat ihre eigenen Krankenschwestern, um zum Beispiel einen i.v.-Zugang zu legen, Kontrastmittel vorzubereiten und auch zu spritzen. Die Krankenschwestern überprüfen außerdem, ob der Patient vorher im Labor war und der Kreatinin- und GFR-Wert im Normalbereich liegen. Es gibt auch Patient Care Technologists (PCTs), die die Patienten aufrufen und umziehen. Eine Reinigungskraft steht ebenfalls zur Verfügung, um nach infizierten beziehungsweise isolierten Patienten gleich den Raum komplett zu desinfizieren. Ich behandle sowohl Männer als auch Frauen und meine männlichen Kollegen behandeln ebenfalls Frauen. Die Frauen, die das nicht möchten, können dies vor einer Behandlung mitteilen.

Es wird viel Wert auf Weiterbildungen und regelmäßige Auffrischungskurse gelegt. Somit findet zum Beispiel alle drei Monate ein interner Basic-Life-Support-Kurs sowie ein Training für den Fall eines Brandes statt. Jedes Jahr vergibt das Krankenhaus zehn Auszeichnungen (mit Preisgeld) für besonders herausragende Leistungen im Bereich Patientensicherheit. Ich habe eine dieser Auszeichnungen 2016 gewonnen, da ich mehrere Patienten mit Herzschrittmachern beziehungsweise Cochlea-Implantaten vor der MRT-Untersuchung abgefangen hatte. Eine Krankenschwester im OP hatte eine Auszeichnung bekommen, weil sie festgestellt hatte, dass eine Kompresse nach der OP fehlte. Der Arzt meinte, die liege vielleicht im Müll, beziehungsweise es sei falsch gezählt worden. Sie hatte dem Arzt so lange ins Gewissen geredet, bis er Ultraschall, CT et cetera angewiesen hatte. Sie hatte Recht behalten. Diese Auszeichnungen finde ich sehr wichtig. Sie steigern den Ehrgeiz und verändern das Arbeitsverhalten sichtlich positiv.

Auch noch zu erwähnen wäre, dass es kein Problem gibt, während der Arbeitszeit einen Arzttermin wahrzunehmen, zur Bank (da befinden sich mehrere auf dem Gelände) oder zur Botschaft zu gehen, falls man mal eine Bescheinigung braucht. Englisch sollte man schon beherrschen, obwohl es nicht perfekt sein muss.

Neben der Arbeit darf die Freizeit nicht zu kurz kommen. Hier wird einem auch kulturell viel geboten. Es gibt Museen, viele Festungen, eine wunderschöne Wüste für Ausflüge oder zum Camping, Hunderte von Shopping Malls, und gerade die Luxusmarken wie Prada, Louis Vuitton, Gucci und so weiter sind sehr gefragt. Restaurants gibt es ebenfalls unzählige. Von asiatisch über afrikanisch bis hin zu europäisch wird alles geboten, aber auch die einheimische Küche ist sehr empfehlenswert. Am Wochenende bieten die Hotels wie das Ritz Carlton, Kempinski oder 4 Seasons 5-Sterne-Brunchs an. Beim Janadriyah Festival, das immer im Februar stattfindet, kommt die ganze Welt zusammen und jedes Land stellt seine Produkte und kulturellen Highlights vor. Ansonsten gibt es auch klassische Konzerte und Theateraufführungen. In den Botschaften finden viele Partys statt. Manchmal ist so viel los an einem Wochenende, dass man sich entscheiden muss, wo man hingehen möchte. In mehreren Botschaften finden wöchentlich Filmabende statt.

Ausflug in die Wüste

Wenn man dann noch Freizeit übrig hat, kann man an Judokursen, Golf, Quadbiking, Sambo, Pilates, Tanzkursen, Triathlon oder bei den Riyadh Road Runners, Rugby und Kochkursen teilnehmen oder ein Instrument erlernen. Es gibt alles, selbst Tauchkurse – ja in der Wüste gibt es Tauchkurse, denn zu Saudi-Arabien gehört noch eine Inselgruppe, die bei Westeuropäern sehr beliebt ist, die Farasan Islands. Unbedingt einen Ausflug wert ist außerdem Madain Sahleh (das Petra Saudi-Arabiens).

Wenn man nach all den Veranstaltungen etwas zum Erholen sucht, kann man in einem der vielen Wellnesstempel bei Ayurveda oder Hotstone entspannen. Saudi-Arabien ist ein besonderes Land, in dem 356 Tage die Sonne scheint. Man kommt als Frau und besonders als westliche Frau gut zurecht.

 

Entnommen aus MTA Dialog 5/2018