Interview

Dr. Rainer Jund: „Von der Impffront“

Die Impfkampagne gegen das Coronavirus hat den Arbeitsalltag vieler Ärztinnen und Ärzte in den vergangenen Monaten massiv geprägt. Der HNO-Arzt Dr. Rainer Jund hat seine Erlebnisse in dem Erfahrungsbericht „Von der Impffront: Aus dem Alltag eines Arztes“ aufgeschrieben.

Dr. med. Rainer Jund

Dr. Rainer Jund ist niedergelassener HNO-Arzt und Autor. | privat

Am Anfang der Impfkampagne stehen zwei kleine Fläschchen: Darin der Impfstoff von Biontech, den die Praxis von Jund bekommen hat. Diese Fläschchen werden den Arbeitsalltag der Praxis – und vieler anderer Praxen in ganz Deutschland – für Monate auf den Kopf stellen. Jund selbst betrachtet den Impfstoff im Kühlschrank mit einer Mischung aus Hoffnung und Staunen: „Das ist sie also, die Reaktion, das konzentrierte Wissen der Menschheit als Antwort auf die größte Krise der Jetztzeit.“ Das gute Gefühl, selbst gegen die Pandemie aktiv werden zu können, mischt sich mit einer diffusen Unruhe: Denn Jund ist klar, dass es nicht einfach werden wird.

Jund

Im Klinikalltag werden Ärzte mit extremen Schicksalen und Emotionen konfrontiert. Mit "Tage in Weiß" hat der HNO-Arzt Dr. Rainer Jund seine Erfahrungen in einem literarischen Buch verarbeitet. Im Zentrum steht das Spannungsfeld zwischen Empathie und professioneller Rationalität.

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In seinem Buch schildert der Arzt und Autor in kurzen Episoden von einem Tag auf den anderen, wie er und sein Team mit den Veränderungen umgehen, die die Impfkampagne mit sich bringt. Wie schon in seinem ersten Buch „Tage in Weiß“ greift Jund die Geschehnisse in einzelnen Episoden auf. Allerdings geht es diesmal nur um einen Zeitraum von wenigen Monaten im Frühjahr 2021 – nicht um die Erfahrungen eines Arztes über Jahrzehnte hinweg. Dadurch wirkt „Von der Impffront“ sehr dicht und konzentriert: Das schmale Büchlein zeigt auf knapp 140 Seiten, welche Emotionen und Verhaltensweisen das Coronavirus und die Impfkampagne in unserer Gesellschaft zum Vorschein bringen. Immer wieder geht es um Angst: Angst vor Ansteckung, Angst vor Nebenwirkungen, aber auch um die Angst des Praxisteams, von den Ereignissen überrollt zu werden und dem Druck nicht mehr gewachsen zu sein.

Da sind beispielsweise die „Impfdrängler“, die alles versuchen, um möglichst schnell an die Spritze zu kommen. Sie bedrängen das Praxisteam am Empfang, bombardieren es mit E-Mails und Anrufen. Denn: Jeder hat einen guten Grund, jeder braucht die Impfung dringend. Für den Arzt und seine Mitarbeiterinnen eine ganz neue Situation: „Der Staat hat uns, Ärzte und Praxismitarbeiter, zum Verwalter eines knappen Gutes gemacht. Der Auftrag lautet, darüber zu entscheiden, wer früher einen Schutz gegen eine ernsthafte Erkrankung erhält. Das ist nicht die genuine Aufgabe einer Praxis (…) Die Auswahl der Impflinge hat den blechernen Geschmack von mentaler Korruption. Und auch, ja natürlich, einer Art ‚Triage light‘.“ Vorübergehend führt diese Aufgabe das Praxisteam an seine Grenzen – bis einige organisatorische Veränderungen Erleichterung bringen.

Das Buch „Von der Impffront“ wirft ein Schlaglicht auf die Situation niedergelassener Ärztinnen und Ärzte in der Impfkampagne – und es gibt denen ein Gesicht, die sonst hinter Statistiken und Zahlen verborgen bleiben. Bis Anfang August 2021 wurden mehr als 40 Millionen Dosen Impfstoff an Arztpraxen geliefert. Was dort mit ihnen geschehen ist, erfährt man bei Rainer Jund.

Interview mit Dr. Rainer Jund, HNO-Arzt und Autor des Buchs „Von der Impffront“

Herr Dr. Jund, der Titel „Von der Impffront“ erinnert an einen Bericht aus einem Kriegsgebiet. Nehmen Sie die Impfkampagne tatsächlich als eine Art „Fronteinsatz“ wahr?
Wir bringen das Wort „Front“ ja alle mit militärischen Szenerien in Verbindung. Aber eigentlich ist es eine Begegnungslinie. Unser Gegner, mit dem wir uns in erster Linie auseinandersetzen, ist natürlich das Virus. In meinen Augen ist das aber nicht der Hauptgegner. Eigentlich geht es um die Menschen, die gesellschaftlichen Konsequenzen aus dieser Pandemie und vor allem darum, wie wir mit Ängsten und Unsicherheiten umgehen. Ich habe beim Schreiben schon auch an Berichte aus vergangenen Kriegen gedacht – beispielsweise an Tagebücher, die Soldaten im Ersten und Zweiten Weltkrieg geschrieben haben. Mir ging es darum, diese Situation zu dokumentieren und greifbar zu machen – auch ein bisschen als Teil der Geschichtsschreibung und als Quelle für Historiker kommender Generationen.

Warum haben Sie ein Buch über die Impfkampagne geschrieben?
Ich arbeite aktuell eigentlich an anderen literarischen Projekten, die mir grundsätzlich wichtiger sind. „Von der Impffront“ war jetzt ein sehr schnelles Projekt, weil ich quasi als Zeitzeuge vom Beginn der Impfkampagne aus meiner Perspektive berichten wollte. Deshalb war ich sehr motiviert, dazu ganz schnell etwas zu schreiben. Die literarische Wertigkeit stand dabei etwas weniger im Mittelpunkt. Aber ein paar poetische Ausflüge und Gedanken konnte ich mir trotzdem nicht verkneifen. Es ist ja kein reines Sachbuch über das Impfen geworden, sondern ein sehr subjektiver, persönlicher Einblick.

Wie haben Sie denn die Pandemie-Situation in ihrer Praxis vor Beginn der Impfkampagne erlebt?
Im ganz strengen Lockdown ist die Patientenzahl tatsächlich spürbar eingebrochen. Als HNO-Praxis waren wir eigentlich genau die Stelle, zu der die Patienten kommen, die alle Corona haben könnten. Wir waren selber vorsichtig, haben aber keine Restriktionen erteilt. Auch Patienten mit Husten oder Fieber konnten immer zu uns kommen. Ich verstehe das als die wesentliche Aufgabe meines Berufs, diese Menschen so gut wie möglich zu betreuen. Allerdings sind die Menschen nicht mehr für Kleinigkeiten zu uns gekommen, sondern nur dann, wenn es ihnen wirklich nicht gut ging. Das fühlte sich ehrlich gesagt auch mal ganz gut an – sich da auch für eine Weile wirklich nur auf das Wesentliche konzentrieren zu können. Ich denke, die Patienten haben das Risiko, sich bei uns oder auf dem Weg anzustecken, mit ihrem jeweiligen Leidensdruck abgewogen. Wir konnten genau beobachten, dass viele Termine abgesagt wurden, wenn die Medien beispielsweise von neuen Virusvarianten berichtet haben. Bedauerlicherweise waren darunter auch Patientinnen und Patienten, die zur onkologischen Nachsorge zu uns kommen. Leider wurden durch diesen Effekt beispielsweise auch Tumordiagnosen erst später gestellt – und das erschwert natürlich die Therapie.

Was ging beim Beginn der Impfkampagne in Ihnen vor – als die ersten Impfdosen in Ihre Praxis geliefert wurden?
Die beherrschenden Gefühle waren Stolz, Selbstbewusstsein und Hoffnung. Stolz, dass es in dieser Zeit eine effektive Impfung gibt, die so schnell entwickelt wurde. Selbstbewusstsein, weil wir uns als Facharztpraxis die Mühe machen, uns an der Impfkampagne zu beteiligen. Und Hoffnung, dass wir mithelfen können, die Pandemie zu beenden. Wir wussten schon, dass mehr Arbeit auf uns zukommt. Aber trotzdem waren wir an diesem Tag glücklich.