Interview

Dr. Jan Leidel über Impfkritiker: „Manche Diskussionen lohnen sich, andere nicht“

Impfungen gelten derzeit als die beste Möglichkeit, das Coronavirus zu stoppen. Doch obwohl der medizinische Nutzen des Impfens wissenschaftlich gut belegt ist, bleiben viele Menschen skeptisch. Dr. Jan Leidel, ehemaliger Vorsitzender der STIKO und Autor des Buches „Impfen: 33 Fragen, 33 Antworten“ gibt im Interview Tipps, wie Fachkräfte im Gesundheitswesen Impfkritikern begegnen können.

Herr Dr. Leidel, dass Impfungen einen guten Schutz vor vielen verschiedenen Krankheiten bieten, ist wissenschaftlich sehr gut belegt. Trotzdem gibt es viele Menschen, die das Impfen ablehnen. Warum ist das so?

Das hat die unterschiedlichsten Gründe. Es gibt beispielsweise Menschen, die die sogenannte Schulmedizin, die man besser als wissenschaftliche Medizin bezeichnen sollte, ablehnen und lieber zum Homöopathen gehen – diese Menschen sind zum Beispiel auch Impfungen gegenüber eher kritisch eingestellt. Außerdem finden sich beispielsweise Aussagen wie „Ich habe ein gutes Immunsystem, ich brauche keine Impfung“, „Ich habe diese Krankheit noch nie bekommen, also lasse ich mich nicht impfen“ oder „Ich will nicht, dass meinem Kind Chemie gespritzt wird“. Aber auch Argumente wie „Diese Krankheiten gibt es doch gar nicht mehr“ hört man öfter. Man kann dann leicht erwidern, dass es die Krankheiten deshalb nicht mehr gibt, weil wir dagegen impfen können. Es geht also oft um Fehlinformationen, aber auch um Angst. Das Robert Koch-Institut und das Paul-Ehrlich-institut haben die 20 häufigsten Einwände gegen das Impfen zusammengestellt.

Impfung

Die Deutsche Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) fordert all jene, die jetzt die Chance einer Impfung haben, auf, diese zu nutzen.

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Wovor haben diese Menschen denn Angst? 

Beispielsweise denke ich, dass viele eine Angst vor Spritzen hinter diesen Aussagen verstecken. Andere haben eine übertriebene Angst vor Nebenwirkungen. Aber es gibt auch andere psychologische Effekte: Wenn eine Mutter ihr Kind impfen lässt und es trägt wider Erwarten eine Schädigung davon, dann macht sich die Mutter furchtbare Vorwürfe. Wenn sie ihr Kind aber nicht impfen lässt und es erkrankt und stirbt im schlimmsten Fall, dann war das Schicksal. Damit kann man also im Zweifelsfall leichter umgehen.

Wie groß ist denn der Anteil an Impfkritikern?

Man überschätzt das leicht, weil Impfkritiker im Internet und in den Medien überdurchschnittlich präsent sind. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) hat dazu 2016 eine repräsentative Umfrage durchgeführt. Danach sind 54 Prozent der Deutschen Befürworter des Impfens, weitere 23 Prozent sind eher dafür. Das heißt: Mehr als drei Viertel stehen dem Impfen grundsätzlich positiv gegenüber. 18 Prozent sind unentschlossen, und nur fünf Prozent lehnen das Impfen ab – davon gehören nur zwei Prozent zu den wirklich überzeugten Impfgegnern. Diese Gruppe ist also eine ziemlich kleine Minderheit.

In den Medien kann man da einen ganz anderen Eindruck bekommen…

Genau. Vor allem im Internet sind die Impfgegner so stark vertreten, dass man sie für eine Mehrheit halten könnte. Und auch in Talkshows im Fernsehen sitzen sich meistens ein Impfbefürworter und ein -gegner gegenüber. Da könnte man meinen, dass beide Lager etwa gleich groß sind. Das stimmt aber nicht. Ich denke, dass die Impfgegner hier eine zu große Bühne haben.

Was kann medizinisches Fachpersonal tun, um Patienten von den Vorteilen des Impfens zu überzeugen?                                                                        

Die Meinung des Arztes oder des medizinischen Fachpersonals hat schon für die allermeisten Menschen eine entscheidende Bedeutung. Aber der einzelne Arzt in seiner Praxis kann da nicht für große Meinungsänderungen sorgen. Da sind auch die Gesellschaft, Politik, Wissenschaft und Journalisten in der Pflicht, wenn es darum geht, Impfgegner in die Schranken zu verweisen.

Trotzdem hat man es ja in der Arztpraxis immer wieder mit impfkritischen Patienten zu tun. Wie begegnet man denen am besten?

Wichtig ist, dass der Arzt in so einem Fall nicht autoritär und von oben herab auftritt. Besser ist es, sich auf Augenhöhe mit dem Patienten beziehungsweise den Eltern des Kindes zu begeben. Man sollte nach den genauen Gründen fragen, warum jemand die Impfung ablehnt – und dann sollte man verständnisvoll und empathisch reagieren. Oft geht es ja um Fehlinformationen. Und wenn man weiß, worüber sich jemand konkret Gedanken macht, kann man diese Annahmen auch besser korrigieren.