Anämie-Grenzwerte

„Blutarmut im Alter ist nicht normal“

Gemeinsam mit drei anderen Wissenschaftlern hat Dr. med. Gabriele Röhrig Belege dafür gefunden, dass für ältere Patienten die gleichen Grenzwerte für Blutanalysen gelten wie für jüngere Patienten.

Dr. Gabriele Röhrig

Dr. Gabriele Röhrig, Leiterin der Arbeitsgruppe „Anämie im Alter“ | DGG

Bisher gab es nur wenige Datenanalysen von peripheren Blutwerten bei älteren Menschen. Schon lange wurde darüber diskutiert, ob bei dieser Patientengruppe andere Grenzwerte für die Diagnose der Anämie gelten müssten. „Anämie beim älteren Menschen ist keine normale Alterserscheinung, sondern gehört abgeklärt“, sagt jedoch nun Dr. Gabriele Röhrig, Leiterin der Arbeitsgruppe Anämie im Alter der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) und Oberärztin im Medizinischen Versorgungszentrum Medicum Köln Ost.

Eine berechtigte Diskussion, denn die bisher geltenden Grenzwerte zur Anämiedefinition von 1969 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) waren willkürlich festgelegt worden. In den berücksichtigten Untersuchungen waren keine älteren Patienten eingeschlossen. Junge Männer und schwangere Frauen waren die Grundlage für die festgelegten Werte. Die Arbeitsgruppe von Röhrig konnte dieser Diskussion mit dem neuen Positionspapier jedoch nun ein Ende setzen.

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Hier liegen zum ersten Mal wissenschaftlich belegte Grenzwerte vor. In Kooperation zwischen der Arbeitsgruppe Anämie der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) und dem Arbeitskreis Labor der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und medizinische Onkologie (DGHO) wurde in 2015 basierend auf Daten einer bundesweit tätigen Laborgemeinschaft eine Querschnittstudie initiiert, in die über einen Zeitraum von zwölf Monaten die Daten von insgesamt 30.611 Patienten im Alter über 60 Jahre eingeflossen sind. Aus diesen Daten konnten nach Anwendung strikter Einschlusskriterien 4.641 Menschen als hämatologisch gesund definiert und in die Analyse eingeschlossen werden.

Alle Werte der erythrozytären Parameter („kleines Blutbild“) blieben im Bereich der DGHO-Referenzwerte, wodurch die Grenzwerte der WHO für die Anämie-Definition bestätigt werden konnten. „Basierend auf diesen Daten kann jetzt der Diskussion um die Etablierung altersspezifischer Referenzwerte für Hämoglobin und erythrozytäre Parameter bei deutschen Patienten über 60 Jahren endlich ein Ende gesetzt werden“, erläutert Röhrig. „Die Referenzwerte für ältere Menschen in anderen Regionen der Welt könnten aber trotzdem abweichen.“

Koppelung von Anämie und funktionellen Störungen im Alter

Anämie kann bei älteren Patienten zu Einschränkungen in der physischen und kognitiven Funktionalität führen, sowie Einfluss haben auf die Morbidität und Mortalität. „Anämie kann als Risikofaktor für multifunktionelle Einschränkungen im Alter angesehen werden und damit die klinische Entwicklung eines multimorbiden geriatrischen Patienten entscheidend beeinflussen“, bestätigt Röhrig. „Gerade vor dem Hintergrund der großen klinischen Relevanz der Anämie im Alter gewinnt die Ermittlung von Normwerten für das Blutbild älterer Menschen an Bedeutung.“

Mithilfe des neuen Positionspapiers können Geriater nun erstmals auf einen wissenschaftlich belegten Hämoglobin-Grenzwert zurückgreifen, der auf eine vorliegende Anämie hinweist. Wenn der Wert bei Frauen unter 12 g/dl und bei Männern unter 13 g/dl liegt, sollten weiterführende Untersuchungen folgen. „Wir dürfen nicht denken, dass niedrigere Hämoglobinwerte und damit weniger rote Blutkörperchen im Blut geriatrischer Patienten normal sind, nur weil die Menschen alt sind. Das ist nicht der Fall“, betont Röhrig.

Für 2018 hat sich die Arbeitsgruppe vorgenommen, weitere Daten vorlegen zu können. Hierfür werten sie aktuell weitere Anämie-relevante Blutparameter derselben Patientendaten aus, die schon für dieses Positionspapier verwendet wurden. Die neuen Daten sollen die Grenzwerte des Eisenspeichers Ferritin und das periphere Blutbild betreffen, um hiermit Diagnostik und Therapie älterer Anämie-Patienten weiter zu verbessern.

Hier geht es zum Positionspapier.

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG)