Interview

Aus dem Homeschooling in die Präsenz

Prof. Dr. Helena Dimou-Diringer, Leiterin der Heidelberger Akademie für Psychotherapie, erklärt, wie Eltern und ihre Kinder mit dem ungewohnten Schulwiedereinstieg umgehen können.

Prof. Dr. Helena Dimou-Diringer

Aus dem Homeschooling in die Präsenz - Prof. Dr. Helena Dimou-Diringer, Leiterin der Heidelberger Akademie für Psychotherapie, gibt Tipps für Eltern. | SRH Hochschule Heidelberg

Frau Prof. Dimou-Diringer, zunächst der Lockdown mit zahlreichen Einschränkungen, jetzt die Lockerungen mit erneuten rasanten Veränderungen. Die Kinder standen häufig im Mittelpunkt der Diskussionen und wurden zum Teil verdächtigt als asymptomatische Spreader. Dies hat die Kinderstudie des Landes Baden-Württemberg nun widerlegt. Was macht dieses Hin und Her mit den Kindern?
Kinder sind widerstandsfähiger, veränderungsresistenter und anpassungsfähiger als man denkt, denn deren Entwicklungsprozesse verlaufen generell schneller als bei Erwachsenen. Kinder sehen sich in ihrem jungen Leben ohnehin häufig Veränderungen gegenüber, zum Beispiel der eigenen Fähigkeiten oder des eigenen Körpers. Veränderungen stellen für Kinder und Jugendliche also viel weniger als für Erwachsene Herausforderungen dar. Häufig projizieren Erwachsene also ihre Sorgen auf die Kleinen.

Eltern-Kind COVID-19-Studie

Die für die Eltern-Kind-COVID-19-Studie getesteten Kinder im Alter von einem bis zehn Jahren waren seltener infiziert als Erwachsene. Weniger als ein Drittel der auf Antikörper positiv getesteten Personen sind Kinder.

 

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Wie erleben Sie die Kinder, die nun nach drei Monaten nach und nach wieder in die Schule gehen müssen?
Manche Kinder haben durchaus Angst vor einer möglichen Ansteckung. Auch der neue Alltag kann abschreckend sein: Maskengesichter, Abstandsgebote, all das ist für viele Kinder noch ungewohnt. Andere haben einfach keine Lust darauf, ihre in den letzten Wochen gewonnenen Freiheiten wieder aufzugeben. Außerdem sollen sie immer diesen lästigen Abstand halten, dürfen nicht mit ihren besten Freunden tuscheln, kein Fangen spielen, sich nicht zur Begrüßung umarmen. Für einige Kinder war genau das ein wichtiger Bestandteil von Schule. Was wir bei uns in der Ambulanz für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie aber auch merken ist, dass viele Eltern ebenfalls mit Unsicherheit auf den Schulstart reagieren.

Was raten Sie diesen Kindern beziehungsweise ihren Eltern?
Die Eltern sollten auf die Ängste ihrer Kinder eingehen und sie nicht ignorieren. Es gibt viele Quellen, die kindgerecht und neutral über die Ansteckungsgefahren aufklären. Auch die Kinderstudie hat ja einen Beitrag geleistet, den die Eltern ihren Kindern erklären können: Kinder infizieren sich seltener mit dem Corona-Virus.

Darüber hinaus können Eltern die positiven Seiten der Veränderungen ansprechen: Weitere Lockerungen wie die Wiederaufnahme von Hobbys kommen, es gibt in der Regel keine Klassenarbeiten bis zu den Sommerferien, der Schulalltag ist kürzer als vor Ausbruch der Pandemie. Der Wiedereinstieg erfolgt Schritt für Schritt und nicht von Null auf Hundert.

Zugleich ist die Vorbereitung auf den neuen Schulalltag wichtig: das Packen des Schulranzens, das Zurechtlegen des Mund-Nasen-Schutzes. Am Anfang hilft gegen Morgenmuffellaune vielleicht ein besonders leckeres Frühstück oder auch mal eine kleine Süßigkeit als Überraschung in der Brotbox.