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Alterung des Immunsystems

Natürliches Phänomen oder behandlungsbedürftige Erkrankung?
Hardy-Thorsten Panknin, Matthias Trautmann
Titelbild des Fachbeitrags zu der Frage, ob die Alterung des Immunsystems ein natürliches Phänomen oder eine behandlungsbedürftige Erkrankung ist
© Bikej Barakus/stock.adobe.com
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Hintergrund: Trotz einer hohen Sterblichkeit älterer Menschen während der Coronapandemie hat sich das durchschnittliche Alter der Weltbevölkerung im letzten Jahrzehnt weiter erhöht.

Während im Jahr 2015 nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) etwa 900 Millionen Menschen über 60 Jahre alt waren, wird dieser Anteil bis zum Jahre 2050 auf etwa 2 Milliarden Menschen ansteigen [1]. Langfristig werden sich vor allem die Industriegesellschaften auf eine zunehmende Anzahl von Patienten mit chronischen, altersassoziierten Erkrankungen einstellen müssen. Das Spektrum dieser Erkrankungen umfasst Autoimmunkrankheiten, Infektionen, degenerative Erkrankungen, Tumoren und hämatologische Systemerkrankungen.

Immunseneszenz: Die Alterung des Immunsystems

Die Alterungsprozesse des Immunsystems werden unter dem Begriff der „Immunseneszenz“ zusammengefasst (senescere = lat. altern). In einer Übersichtsarbeit haben kürzlich Dr. Aurelia Santoro und Mitarbeiter von der Medizinischen Fakultät der Universität in Bologna, Italien, den aktuellen Stand der Forschung auf diesem Gebiet zusammengefasst [2]. Sowohl die zelluläre als auch die humorale Immunität gehen demnach im Alter langsam, aber kontinuierlich zurück. Dabei ist der Zeitpunkt, ab dem diese Entwicklung eintritt, nicht scharf definiert. Zwischen einzelnen Menschen finden sich erhebliche Unterschiede. Eine ausgewogene, gemüse- und vitaminreiche Ernährung, körperliche Aktivität, genetische Veranlagung („gute Gene“) und ein stabiler emotionaler Zustand wirken in ihrer Gesamtheit als modifizierende Faktoren. Die Autoren prägen hierfür den Begriff der „Immunbiografie“. Damit ist gemeint, dass alle positiven und negativen Erfahrungen, inneren und äußeren Verletzungen, Suchtverhaltensweisen oder Ernährungsprobleme, die ein Mensch im Laufe seines Lebens aktiv oder passiv durchlebt, sein Immunsystem beeinflussen. Persönliche Beziehungen wie Familie, Partnerschaft und Intimleben spielen ebenfalls eine nicht zu unterschätzende Rolle. Einigen Menschen, bei denen diese Faktoren aufgrund glücklicher Lebensumstände eine positive Gesamtsumme ergeben, weisen noch bis ins sehr hohe Alter ein gut funktionierendes Immunsystem auf. Die physiologischen und experimentellen Beobachtungen zu den Altersveränderungen der Immunität, über die die Autoren berichten, beziehen sich somit auf eine Durchschnittspopulation, aus der einzelne Personen nach oben oder nach unten herausragen können.

Funktionsverluste der neutrophilen Granulozyten

Durch experimentelle Arbeiten wurde nachgewiesen, dass die neutrophilen Granulozyten alter Menschen erhebliche Funktionsverluste aufweisen. Sie sind in geringerem Maße in der Lage, eingedrungene Infektionserreger wie zum Beispiel Bakterien aufzunehmen (Phagozytose) und diese intrazellulär abzutöten. Die geringere Fähigkeit zur intrazellulären Abtötung beruht darauf, dass die in den Granula („Körnchen“) der Granulozyten enthaltenen Enzyme wie Oxidase und Myeloperoxidase eine geringere Aktivität aufweisen oder kaum noch vorhanden sind. Bei gesunden jungen Menschen schütten diese Granula ihre Enzyme in die Phagozytose-Vakuole aus, in der die Granulozyten den eingedrungenen Erreger zunächst eingebettet haben. Durch die Wirkung der Enzyme wird der Erreger aufgelöst. Bei Fehlen der Enzyme findet diese Auflösung und Abtötung nicht mehr statt, sodass die Erreger sich weiter vermehren und ihrerseits den Tod des Granulozyten verursachen können. Eine unbeherrschte, sich in den Körper ausbreitende, Infektion kann die Folge sein. Dies erklärt, warum alte Menschen häufiger eine Sepsis mit schweren Schäden parenchymatöser Organe erleiden, nachdem sie zunächst lediglich eine umschriebene Lokalinfektion wie beispielsweise eine Pyelonephritis entwickelt haben.

 

Entnommen aus MT im Dialog 9/2023

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