Digitalisierung im Krankenhaus

Zwischen Arbeitserleichterung und zusätzlicher Hetze

Die Digitalisierung hat das Gesundheitswesen erfasst. Aus Sicht der Beschäftigten ist das eine zweischneidige Entwicklung: Digitale Geräte können im Krankenhaus die Arbeit erleichtern, doch gleichzeitig nehmen Zeitdruck und Unterbrechungen zu.

Digitalisierung

84 Prozent der Befragten nutzen Computer. | seb-ra

Digitale Technologien haben auf breiter Front in den deutschen Krankenhäusern Einzug gehalten, stellen Forscher um Michaela Evans, Prof. Dr. Josef Hilbert, und Christoph Bräutigam vom Institut Arbeit und Technik (IAT) fest. Die Gesundheits- und Sozialwissenschaftler haben untersucht, welche Auswirkungen diese Entwicklung aus Sicht der Beschäftigten hat. Ihrer Studie zufolge sorgen sich Pfleger und Ärzte zwar nicht um die Sicherheit ihrer Jobs. Was das Aufgabenspektrum und die Arbeitsbelastung angeht, nehmen sie aber durchaus Veränderungen wahr: Die Digitalisierung hat die Arbeit einerseits erleichtert, andererseits aber auch zu mehr Druck geführt. Ein besonderes Problem: Vielfach werden die neuen Techniken eingeführt, ohne die Beschäftigten zu beteiligen.

Die Wissenschaftler haben zwischen Juni und Oktober 2016 eine Online-Befragung durchgeführt, an der 648 Klinikbeschäftigte teilgenommen haben. Von den Befragten arbeiten 79 Prozent in der Pflege, 6 Prozent sind Ärzte. Die übrigen Teilnehmer sind in Assistenzberufen, im therapeutischen Bereich oder in Verwaltung und Technik tätig. Zusätzlich zur Online-Befragung wurden Interviews mit den Managern zweier Krankenhäuser geführt.

Der Auswertung zufolge stehen die Arbeitnehmer im Gesundheitswesen technischen Neuerungen aufgeschlossen gegenüber: Fast 90 Prozent der Befragten sind daran interessiert, die Mehrheit traut sich den Umgang mit den technischen Neuerungen zu. Nur 5 Prozent fühlen sich überfordert. Dass insbesondere Pflegekräfte neue Technologien grundsätzlich ablehnen, sei zwar ein verbreitetes Stereotyp, decke sich aber nicht mit den Ergebnissen der Befragung, so die IAT-Forscher.

70 Prozent der Studienteilnehmer nutzen regelmäßig digitale Technik

Angesichts des Ausmaßes der Digitalisierung wäre eine solche Einstellung auch schwer durchzuhalten: Jeweils mehr als 70 Prozent der Studienteilnehmer nutzen regelmäßig digitale Technik in den Bereichen Kommunikation, Logistik, Management und Personal, Patientenversorgung, Information und Qualifizierung. Zu den Einzelaufgaben, die in diesem Zusammenhang am häufigsten genannt werden, gehören die Recherche von Fachinformationen, Materialanforderungen, Diagnosen und die Verwaltung von Patientendaten. 84 Prozent der Befragten nutzen Computer, 60 Prozent Digitalkameras und 53 Prozent Monitoring-Systeme, mit denen sich beispielsweise die Vitalwerte von Patienten überwachen lassen. Ein Viertel verwendet im Dienst Smartphones, ein Zehntel Tablets.

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Die Einschätzungen zu den Auswirkungen auf die Beschäftigung im Gesundheitswesen fallen uneinheitlich aus: Ein Fünftel der Befragten berichtet, dass in ihrem Haus im Zuge der Digitalisierung Arbeitsplätze weggefallen seien, knapp ein Viertel geht davon aus, dass zusätzliche Stellen entstanden sind. Dabei gibt es spürbare Unterschiede abhängig von der Trägerschaft der Kliniken: Von den befragten Mitarbeitern in privaten Krankenhäusern diagnostizieren 28 Prozent Jobverluste, 17 Prozent sprechen von neuen Arbeitsplätzen. Bei den freigemeinnützigen Trägern berichten 13 Prozent der Befragten, dass Stellen weggefallen seien, 17 Prozent von neuen Arbeitsplätzen in Verbindung mit der Digitalisierung. Bei Krankenhäusern in öffentlicher Trägerschaft sind nach Einschätzung von 19 Prozent der Befragten Stellen weggefallen, 29 Prozent berichten von neu geschaffenen Jobs.

Generell befürchten mit 2 Prozent nur die wenigsten Befragten, selbst überflüssig zu werden. Die Auswirkungen, so die Autoren, scheinen „eher qualitativer als quantitativer Natur“ zu sein: Drei Viertel der Befragten bestätigen, dass das Aufgabenspektrum der bestehenden Arbeitsplätze größer geworden ist.

Informationen über Patienten werden meist mündlich ausgetauscht

Dabei sind die konkreten Veränderungen im Bereich Kommunikation und Zusammenarbeit der Studie zufolge „auffallend begrenzt“. Informationen über Patienten werden beispielsweise nach wie vor zu 55 Prozent mündlich ausgetauscht, Dokumentationen erfolgen zu 58 Prozent in Papierform. Deutlich verbessert hat sich infolge der Digitalisierung vor allem die Zusammenarbeit mit anderen Krankenhausabteilungen.

Was die Arbeitsbelastung angeht, sind die Befunde ambivalent. Einerseits finden 61 Prozent der Beschäftigten, dass digitale Technologien die eigene Arbeit erleichtern. Jeweils 40 bis 50 Prozent berichten von Zeitersparnis, mehr Effektivität und qualitativen Verbesserungen bei der Patientenversorgung. Andererseits scheint es zu einer deutlichen Arbeitsverdichtung gekommen zu sein: Ein Drittel der Befragten beklagt mehr Hetze und Leistungsdruck, die Mehrheit muss öfter mehrere Aufgaben parallel erledigen. Je ein Viertel fühlt sich bei der Arbeit häufiger gestört und am Arbeitsplatz stärker kontrolliert.

Gleichzeitig betrachten die Klinikmitarbeiter die Digitalisierung als Chance, das Berufsimage zu verbessern: Drei Viertel von ihnen sind ganz oder teilweise davon überzeugt, dass digitale Technik zur Aufwertung ihrer Arbeit beiträgt.

Wesentlich kritischer sind die Ansichten in punkto Partizipation: Weniger als 30 Prozent der befragten Arbeitnehmer fühlen sich rechtzeitig und umfassend informiert, wenn es um digitale Neuerungen geht. Immerhin 40 Prozent betrachten sich als ausreichend qualifiziert. Nur 15 Prozent wurden bei der Entwicklung technischer Lösungen umfassend beteiligt, 12 Prozent bei der Auswahl der Produkte, weniger als ein Viertel bei der Bewertung. Das Interesse des Managements an echter Beteiligung scheine eher gering ausgeprägt zu sein, urteilen die Forscher.

 

Weitere Informationen:

Christoph Bräutigam, Peter Enste, Michaela Evans, Josef Hilbert, Sebastian Merkel, Fikret Öz: Arbeitsreport Digitalisierung im Krankenhaus: Mehr Technik – bessere Arbeit? Study der Hans-Böckler-Stiftung Nr. 364, Dezember 2017


Quelle: Hans-Böckler-Stiftung, 11.12.2017