Angriff aufs Gehirn

Zika-Virus und Neurologie

Zwischenzeitlich galt der Zusammenhang zwischen einer Infektion mit dem Zika-Virus und dem Guillain-Barré-Syndrom (GBS) als spekulativ. Doch eine aktuelle Studie bestärkt den Verdacht.

Zika-Virus

Zika-Virus (TEM-Aufnahme) | CDC/ Cynthia Goldsmith, Public domain, via Wikimedia Commons

Der Zusammenhang zwischen der Infektion mit dem Zika-Virus und der neurologischen Erkrankung Guillain-Barré-Syndrom (GBS) gilt seit wenigen Tagen als sehr wahrscheinlich, wie eine aktuelle Studie im Wissenschaftsmagazin „The Lancet“ zeigt.

„Diese Verbindung ist tatsächlich nicht überraschend“, kommentiert die Neurologin Prof. Uta Meyding-Lamadé von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. „Das Zika-Virus zählt wie das Dengue-Virus zu den Flaviviren. Und das Guillain-Barré-Syndrom als Folge des Dengue-Fiebers ist gut bekannt“, so die Ärztliche Direktorin am Krankenhaus Nordwest in Frankfurt am Main.
 
Das Zika-Virus breitet sich seit dem Jahr 2015 rasant aus, vor allem in Ländern Lateinamerikas wie Brasilien und Kolumbien. Gefährlich ist das Zika-Virus auch für Schwangere und deren Ungeborene. Der Verdacht: Es löst eine Mikrozephalie aus – die Neugeborenen leiden unter zu kleinen Gehirnen, geistigen Behinderungen und schweren neurologischen Schäden. Das Zika-Virus scheint bei den Föten ausschließlich das Gehirn zu befallen. Nachgewiesen wurden auch Augenschäden bei Babys. Bewiesen ist dieser Zusammenhang aber noch nicht.

Das Virus wurde 1947 erstmals bei einem Affen im Zikawald in Uganda, Afrika, isoliert. Daher stammt auch der Name „Zika-Virus“. Inzwischen hat es sich nicht nur in Afrika, sondern auch in Asien ausgebreitet. Größere Ausbrüche beim Menschen gab es 2007 in Mikronesien und ab 2013 in anderen Inselstaaten im pazifischen Raum, etwa Französisch-Polynesien. Derzeit breitet sich das Zika-Virus in Mittel- und Südamerika aus. Reisende haben das Virus aber auch in die USA und nach Europa eingeschleppt. Das Zika-Virus zirkuliert derzeit in 34 Ländern, 26 davon liegen in Amerika.

Diese Schäden kann das Zika-Virus verursachen

Bei Erwachsenen gilt ein Zusammenhang zwischen der Zika-Virus-Infektion und dem Guillain-Barré-Syndrom (GBS) als praktisch erwiesen. Bekannt ist, dass das GBS nach akuten Infektionen auftreten kann, zum Beispiel dem Dengue-Fieber. „Und Auslöser dieser Tropenkrankheit sind Flaviviren, zu denen auch das Zika-Virus zählt“, kommentiert Meyding-Lamadé.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO gibt jetzt Tipps für Ärzte und medizinisches Personal, um deren Wissen über das GBS aufzufrischen [1]. Dazu zählen Schulungen, das diagnostische Vorgehen im Verdachtsfall, mögliche Komplikationen und Therapien. Anlass ist eine aktuelle Fall-Kontroll-Studie mit 42 Patienten mit GBS aus Französisch-Polynesien, die im medizinischen Fachblatt „The Lancet“ veröffentlicht wurde. Alle hatten eine Zika-Infektion durchgemacht, und es ließen sich Antikörper nachweisen. Die Studie legt erstmals einen deutlichen Zusammenhang zwischen dem Virus und der neurologischen Erkrankung nahe [2].

Das GBS ist eine Erkrankung des peripheren Nervensystems, bei der es zu Lähmungserscheinungen und Gefühlsstörungen kommt, die meist in den Händen oder Füßen beginnen. Der Grund ist eine fehlgeleitete Immunreaktion: Körpereigene Abwehrmechanismen greifen im Sinne einer Kreuzreaktion die Hülle der Nerven oder die Membran der Nervenaxone an („molecular mimicry“) und schädigen diese. Die Ursachen für das GBS sind noch weitgehend unklar, meist tritt es jedoch nach einer Infektion auf.

Das Zika-Virus steht zudem im Verdacht, bei Kindern im Mutterleib Hirnfehlbildungen, die sogenannte Mikrozephalie, zu verursachen. Das gilt vor allem, wenn sich die Schwangeren im ersten Schwangerschaftsdrittel angesteckt haben. In den ersten Schwangerschaftswochen bildet sich das Neuralrohr aus, eine Vorstufe des zentralen Nervensystems; aus diesem entwickeln sich später Gehirn und Rückenmark. „In dieser Phase ist das Gehirn besonders empfindlich gegenüber Medikamenten, Strahlen, aber eben auch gegenüber Parasiten und Viren“, erklärt Meyding-Lamadé.

Einige Babys von Müttern, die eine Zika-Virus-Infektion in der frühen Schwangerschaft durchgemacht haben (aber nicht alle), werden mit zu kleinen Köpfen und Gehirnen geboren. Neugeborene mit der sogenannten Mikrozephalie leiden unter geistigen Behinderungen und neurologischen Schäden. „Wir vermuten eine hämatogene Ausbreitung über das Blut und die Lymphbahnen bis ins Gehirn“, sagt Meyding-Lamadé. „Vom Zeitpunkt der Infektion hängen vermutlich die Schwere und das Ausmaß der Fehlbildung ab. Aber im Prinzip kann jede Gehirnstruktur geschädigt sein“, so die Frankfurter Professorin. Möglich seien unter anderem Epilepsien, Lähmungen oder Einschränkungen der Hör- und Sehfähigkeit.

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