Die digitale Transformation der Krankenhäuser im Vergleich

Wo stehen die USA, wo stehen wir?

Von einer Schwesternschaft gegründet: Scripps Health

Scripps Health versorgt rund 700.000 Patienten. Der Konzern zählt zu den Top-15-Gesundheitsanbietern in den USA – unter anderem mit vier Krankenhäusern. Scripps ist der einzige Träger, der unter seinem Dach frei gemeinnützige und konfessionelle Kliniken betreibt. Beschäftigt werden etwa 15.000 Mitarbeiter. Elemente der Gesamtstrategie des Scripps Mercy Hospital sind: Respekt, Qualität, Zukunftssicherung und Wachstum. Diese Strategie wird in allen Teilbereichen und auf allen Ebenen vollständig implementiert. Auch wenn die Klinik noch nicht volldigitalisiert ist, so beeindrucken Aspekte wie Konsequenz und Transparenz. Die Wege, die hier ausgehend von einer Vision in die Umsetzung beschritten werden, gelingen auch mit einfachen Mitteln: beispielsweise über Boards und Hinweise an Zimmertüren. Sie sind für Mitarbeiter und Patienten gleichermaßen sichtbar. Besonders hilft dies auch den Mitarbeitern dabei, ihre Ziele zu fokussieren und ihre Aufgaben zu erledigen. Die Einfachheit, die Konsequenz und die Nutzung der neuen Technologien in Kombination mit dem Design der Entscheidungsprozesse: Davon können wir in Deutschland profitieren. Ein Beispiel betrifft auch die Radiologie: Das technische Personal (MTRA) arbeitet nicht nur in der eigenen Funktionsabteilung; in großen Kliniken gibt es Röntgengeräte und CTs in der Notaufnahme, zu denen täglich circa ein bis zwei Mitarbeiter „eingeteilt“ werden.

Besonders engagiert im sozialen Bereich: San Ysidro Health Center

Die meisten Patienten dieser Einrichtung kommen aus sozial benachteiligten Bevölkerungsschichten, 85 Prozent sind mexikanischen Ursprungs. Mehr als 80 Prozent sind über Medi-Cal, die kalifornische Variante von Medicaid (die US-amerikanische Krankenversorgung für nicht mehr erwerbstätige Menschen), oder gar nicht versichert. Die Medi-Cal-Vergütung sichert das wirtschaftliche Überleben der Gruppe. Die Teilnahme an einem nationalen Unterstützungsprogramm leistet ebenfalls einen wichtigen finanziellen Beitrag: Die Initiative PACE ist ein auf Kopfpauschalen basierendes Modell, das Senioren ein Leben zu Hause ermöglicht. Die Kliniken leisten ferner einen wichtigen Beitrag für Familien. Es gibt unter anderem Zahnkliniken, Familienzentren und andere „Polikliniken“ mit Laborleistungen.

Stimmen deutscher Klinikexperten und Wissenschaftler

PD Dr. Christoph W. Strey, Gesundheitsökonom und Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie Friederikenstift: „Das amerikanische Gesundheitssystem weist ähnliche Konstellationen auf wie bei uns. Beide bemühen sich um Qualitätsverbesserung, Effizienzsteigerung und Mitarbeiterbindung. In diesem Zusammenhang sollen Abläufe verbessert werden: Durch Digitalisierung in der Diagnostik gibt es immer mehr medizinische Daten, zudem besteht oft ein Wunsch nach personalisierter Behandlung. Dies funktioniert jedoch nur mit künstlicher Intelligenz, also mit neuen Tools und Systematiken. Der Bedarf für die Optimierung der Verarbeitung medizinischer Informationen ergibt sich aus dem Fortschritt für die Individualisierung der Therapie.“ Prof. Dr. Martin Staemmler, Medizininformatik/Hochschule Stralsund: „Das US-Gesundheitssystem bietet geschlossene Versorgungsstrukturen und damit andere Anforderungen an Interoperabilität und Informationsübertragung als in Deutschland. Wir haben eher heterogene Strukturen, die zusammenarbeiten sollen, dabei allerdings oft an ihre Grenzen stoßen. Trusts in den USA bieten Rundumversorgung und werden komplett vergütet. Deshalb ist Datenaustausch kein Problem, weil er konzernintern stattfindet.“ Daniel Diekmann, Geschäftsführer ID Berlin: „Der innovative Anspruch, den die Häuser hier haben und dezidiert verfolgen, ist spannend. Sie verfolgen alle eine Strategie, die sie nachhaltig umsetzen.“ Peter Asché, kaufmännischer Direktor, Universitätsklinikum Aachen: „Der Servicegedanke in amerikanischen Einrichtungen und Krankenhäusern ist beeindruckend. Die Mitarbeiter und sogar die Bevölkerung identifizieren sich mit ihren Häusern, engagieren sich in Richtung Sponsoring et cetera.“

USA: Neue Anforderungen an MTA

Welche Trends wirken sich in Gesundheitseinrichtungen insbesondere auf Mitarbeiter aus? Russ Branzell, CEO der Krankenhaus-CIO-Weiterbildungsorganisation CHIME, stellt fest: „Eine wichtige Veränderung besteht darin, dass immer größere Mengen an Gesundheitsdaten entstehen.“ Diese eröffnen Potenziale für viele zukunftsgerichtete Szenarien, etwa durch den Einsatz von Big Data für personalisierte Medizin und populationsorientierte Gesundheitsanalysen. In diesem Kontext sind Rohdaten wenig hilfreich. MTA, so der Chef des College of Healthcare Information Management Executives, können eine Schlüsselrolle bei der Aufgabe spielen, die Daten für Leistungserbringer und Patienten nutzbar zu machen. MTA kennen sich dabei aus, Daten zu generieren, zu integrieren, zu beurteilen und für andere zu präsentieren – seien es Ärzte mit Suchanfragen in einer elektronischen Patientenakte oder Patienten, die einen PC oder ein Mobilgerät einsetzen. Diskussionen mit der Führungsebene in US-Krankenhäusern – diesen Blick über den Tellerrand empfanden die Teilnehmer der Delegationsreise der Entscheiderfabrik-Initiative als äußerst aussagestark. Welche der Ansätze finden wohl Eingang in die Strategien hierzulande? Die Weiterentwicklung bleibt spannend.

 

Entnommen aus MTA Dialog 10/2018