Gibbon-Affen-Leukämie-Virus

Wissenschaftler entdecken Virus in indonesischer Nagetierart

Das Gibbon-Affen-Leukämie-Virus (GALV) ist für den Menschen unschädlich. Bei seinem Wirt, dem Weißhandgibbon (Hylobates lar), wirkt es jedoch krankheitsauslösend.

Bandicota indica

Bandicota indica, Leopoldamys edwarsi, Maxomys surifer, Mus cookii, Rattus exulans, Rattus tanezumi (von links nach rechts). | Serge Morand/IZW

Ein internationales Forscherteam entdeckte, dass Nagetiere aus dem indonesischen Westneuguinea möglicherweise der Ursprung des Gibbon Affen Leukämie-Virus (GALV) sowie des Koala-Retrovirus (KoRV) sind. GALV ist ein Retrovirus, das blutige Geschwüre verursacht – eine Krebsart, die bei in menschlicher Obhut lebenden Gibbons vorkommt.

Direkte Übertragung unwahrscheinlich

Bisher wurde GALV noch nie bei frei lebenden Affen oder Menschenaffen nachgewiesen. Das deutet darauf hin, dass eine andere Tierart in Gefangenschaft lebende Gibbons infiziert. KoRV und GALV sind eng miteinander verwandte Retroviren und teilen daher einen gemeinsamen Vorfahren. Da sich die natürlichen Lebensräume der Koalas und Gibbons nicht überschneiden, ist eine natürliche und direkte Übertragung zwischen Koalas und Gibbons unwahrscheinlich. Eher denkbar ist, dass eine oder mehrere weit verbreitete Arten, wie beispielsweise Nagetiere, GALV- und KoRV-ähnliche Viren in sich tragen und so Koalas und Gibbons unabhängig voneinander infizieren. Die Ergebnisse der Studie stimmen mit dieser Annahme überein.

Untersuchung mittels Hochdurchsatzsequenzierung

Die Wissenschaftler untersuchten mit Hilfe neuester molekulargenetischer Techniken (Hochdurchsatzsequenzierung) 26 südostasiatische Nagetierarten auf KoRV- und GALV-artige Sequenzen. Ihr Ziel war es, potentielle Zwischenwirte von GALV und KoRV zu ermitteln. Die Forscher identifizierten eine Nagetierart als möglichen Zwischenwirt, eine neuentdeckte Unterart des Grasland-Melomys (Melomys burtoni) aus dem indonesischen Westneuguinea – auch Grasland Mosaik-Schwanz-Ratte genannt. Die von dieser Art entnommenen Proben lieferten ein endogenes Retrovirus, das eng mit einem Stamm des GALV verwandt ist. Dies ist ein Hinweis darauf, dass der Grasland-Melomys als Zwischenwirt für GALV- und KoRV-ähnliche Viren fungiert.

Virus kein direkter GALV-Vorläufer

Retroviren nutzen an der Zelloberfläche der Wirte präsente Eiweiße (Rezeptoren), um in Wirtszellen eindringen zu können. Veränderungen in der Zusammensetzung des Virus oder der Rezeptoren können verhindern, dass ein Virus bestimmte Organe oder ganze Tierarten infiziert. Die Zusammensetzung des für GALV-Infektionen entscheidenden Rezeptors beim Grasland-Melomys passt zu der Anfälligkeit dieser Art für GALV-Infektionen. Da jedoch auf dem Festland Südostasiens, dem Verbreitungsgebiet der Gibbons, keine Grasland-Melomys vorkommen, kann das neuentdeckte Virus kein direkter GALV-Vorläufer sein. Jedoch könnte die Entdeckung eines dem GALV so nah verwandten Virus im indonesischen Westneuguinea, besonders in der Übergangszone zwischen Asien und Australien, die bei Biologen als „Wallacea“ bekannt ist, für die Übertragung auf südostasiatische Gibbons von Bedeutung sein.

Grasland-Melomys einer von mehreren Zwischenwirten

Auf jeden Fall sind Grasland-Melomys einer von mehreren Zwischenwirten, die eine wichtige Rolle bei der Übertragung des Virus auf Koalas und Gibbons als Endwirt spielen. Es ist auch denkbar, dass das Virus, aus dem sich GALV und KoRV entwickelten, in Australien (Wallacea) durch eine noch mobilere Tierart verbreitet wurde, die sich mit dem Verbreitungsgebiet des Grasland-Melomys überschneidet. Weitere Forschung in diesem Teil der Welt wird voraussichtlich auch neue Retroviren ans Tageslicht bringen. (idw, red)