Medizin

Wird der Arztkittel zum Relikt?

Hygiene hat Vorrang
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Arzt ohne Arztkittel
Arzt ohne Arztkittel COM SALUD Agencia de comunicación, CC BY 2.0, keine Änderungen
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Eine Flut an Meldungen rief die Ankündigung von Asklepios hervor, dass in allen Kliniken des Konzerns der Arztkittel am Patientenbett abgeschafft werden soll. Eigentlich sollte dies jedoch eine Selbstverständlichkeit sein.

Schon die Informationsschrift „Dresscode Sicherheit“ der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) gibt Empfehlungen zur „Bewegungsfreiheit und Hygiene: Arbeitskleidung für Pflegekräfte“ und empfiehlt Kasacks (und Hosen mit elastischen Bündchen) als Arbeitskleidung. Und auch Wiener-Well et al. [1] schlagen vor, dass Beschäftigte, die eng am Patienten arbeiten, ihre Arbeits-/Bereichskleidung täglich wechseln und situationsbedingt zusätzlich patientenbezogene Schutzkittel/Schürzen über der Bereichskleidung tragen.

Das National Institute for Health and Care Excellence (NICE, Großbritannien) hat in seinen Empfehlungen (Prevention and control of healthcare-associated infections in primary and community care [2]) die „bare below elbows“-Empfehlung herausgegeben, nach der neben Verzicht auf Schmuck an Händen und Unterarmen das Tragen kurzärmeliger Kleidung empfohlen wird.

Kurzärmelige Kasacks ohne Knopfleisten sind laut RKI auch für Ärztinnen und Ärzte mit engem Patientenkontakt als Bereichskleidung besonders praktikabel, da sie nicht auf- und zugeknöpft werden müssen und es keine Ärmel oder Bündchen gibt, die man kontaminieren könnte.

Angst vor Ansteckung durch multiresistente Keime

Trotz dieser (bekannten) Empfehlungen, die teilweise schon einige Jahre alt sind, schafft Asklepios erst jetzt als erster Klinikbetreiber in allen seinen bundesweit rund 100 medizinischen Einrichtungen den traditionellen Arztkittel ab. An seine Stelle soll eine Kurzarmbekleidung für Ärzte, das so genannte Kasack, treten.

Während in den meisten medizinischen Diensten Kurzarmbekleidung seit langem die Regel ist, tragen die Ärzte zumeist noch einen klassischen Kittel.  „Durch die Abschaffung des Arztkittels am Krankenbett möchten wir unserer Vorreiterrolle in Sachen Patientensicherheit, Infektionsprävention und Innovation im  Krankenhausbetrieb weiter gerecht werden“, sagt Kai Hankeln,  Konzerngeschäftsführer bei der Asklepios Kliniken GmbH und verantwortlich für die Bekleidungsumstellung bei Asklepios. „Bestätigt fühlen wir uns in diesem Vorhaben auch durch eine repräsentative Studie, die wir im September zum Tag der Patientensicherheit in Auftrag gegeben hatten. Das Ergebnis: 65 Prozent der Befragten fürchten sich vor Ansteckung mit einem multiresistenten Keim bei einem Aufenthalt im Krankenhaus“, ergänzt Hankeln.

Alle Berufsgruppen erhalten neue Kleidungskollektion

Asklepios nutzt den Hygiene-Vorstoß gleichzeitig für die Einführung eines einheitlichen Erscheinungsbildes. Einhergehend mit der Abschaffung des Arztkittels bei Asklepios sollen auch alle anderen Berufsgruppen im Unternehmen eine neue Kleidungskollektion erhalten. Und zusätzlich soll neue Wäsche für die Patienten - vom Patientenhemd, über die Bettwäsche bis hin zum Handtuch – angeschafft werden.

Das heißt konkret: Mehr als  30.000 Mitarbeiter, darunter über 4.000 Ärzte, erhalten eine neue Kleidungsausstattung. Und für die mehr als 1,7 Millionen Patienten pro Jahr wird entsprechende neue Wäsche bestellt. Spätestens ab April dieses Jahres werden die Einrichtungen in der Asklepios Gruppe nach und nach mit der neuen Bekleidung und Wäsche ausgestattet, so dass bis längstens Juni 2017 die Umstellung abgeschlossen sein soll. Als erstes Haus wird die Asklepios Klinik Harburg ausgestattet werden.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, ob die neue Strategie zu Mehrkosten führt.

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Neue Strategie spart auch Geld

„Dabei haben wir etwas geschafft, was bei solchen Projekten nur selten gelingt: Wir sparen durch die Zentralisierung in der Bekleidungsbeschaffung einen mittleren einstelligen Millionenbetrag pro Jahr ein, stellen unseren Mitarbeitern aber gleichzeitig eine deutlich bessere Stoffqualität als bisher zur Verfügung. Geld, das wir weiter in die Verbesserung unserer medizinischen Dienstleistung investieren können“, sagt Reinhard Wiedemann, Leiter des Konzernbereichs Einkauf bei Asklepios.

Die neue Berufsbekleidung hat einen besonderen Gewebemix:  Außen ein hoher Polyesteranteil, innen ein hoher Baumwollanteil. Dadurch bietet sie einen hohen Tragekomfort durch einen hohen Luftaustausch und viel Flexibilität, bei gleichzeitig besten Reinigungsvoraussetzungen. Die Stoffe sind zudem formaldehydfrei und entsprechen der Öko-Tex 100 Klasse, die auch für Babybekleidung vorgeschrieben ist. Der Hersteller produziert ausschließlich in Deutschland und hat sich der Ressourcenschonung sowie dem aktivem Umwelt- und Verbraucherschutz verschrieben. Er trägt das Zertifikatssiegel „BLUESIGN“, das nur Materialien zulässt, die weder Mensch noch Umwelt belasten.

Asklepios Pflegedirektor Thomas Krakau betont: „Wir sind davon überzeugt, dass eine moderne, zeitgemäße Berufsbekleidung nicht nur die Verbundenheit unserer Mitarbeiter mit dem Unternehmen sondern auch das Vertrauen der Patienten in unsere Dienstleistung stärkt – egal ob wir sie im bayerischen Bad Tölz oder in Westerland auf Sylt erbringen, ob in St. Augustin bei Bonn oder Schwedt an der Oder. Mitarbeiter, die unsere neue Berufsbekleidung bereits probehalber getragen haben, waren durchweg äußerst angetan, sowohl von der Qualität, der Funktionalität als auch dem Design.“

Ärztekammer begrüßt den Vorstoß

Die Ärztekammer Westfalen-Lippe begrüßt den Vorstoß des Klinikkonzerns Asklepios, aus hygienischen Gründen statt Arztkitteln mit langen Ärmeln kurzärmelige Berufskleidung für Ärzte einzuführen. „Hygiene geht in jedem Fall vor“, betonte Kammerpräsident Dr. Theodor Windhorst. Die kurzen Ärmel trügen dazu bei, mit einfachen Mitteln den Schutz der Patienten vor Infektionsübertragung und damit vor unkontrollierter Ausbreitung von Krankheitserregern weiter voranzubringen. Dies belegten auch Studien. „Viele Kolleginnen und Kollegen praktizieren das im Arbeitsalltag mit kurzen Ärmeln an ihrer Berufskleidung längst.“

„Weniger Infektionen bedeuten weniger Antibiotika-Einsatz, das wiederum hilft, die gefährliche Resistenzbildung bei Krankheitserregern zu verhindern“, sieht Dr. Windhorst zahlreiche Vorteile, wenn der Arztkittel künftig im Schrank bleibt und allenfalls zu Anlässen ohne direkten Patientenkontakt angezogen wird.

„Als Statussymbol ist ein Kittel ohnehin fehl am Platz“, ist der Kammerpräsident überzeugt. Schließlich gebe es andere Möglichkeiten, Ärztinnen und Ärzte als solche kenntlich zu machen, angefangen beim selbstverständlichen Namensschild an der Berufskleidung. (Ärztekammer Westfalen-Lippe, Asklepios, red)

Literatur:

[1] Wiener-Well Y, Galuty M, Rudensky B et al. (2011) Nursing and physician attire as possible source
of nosocomial infections. Am J Infect Control 39:555–559
[2] Healthcare-associated infections: prevention and control in primary and community care. NICE guidelines [CG139], Published date: March 2012 (letzter Zugriff am 2.2.2016)

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