Interview mit dem DGIM-Vorsitzenden Prof. Dr. Claus Vogelmeier

„Wir müssen von unserem Elfenbeinturm weg!“

Im Interview mit dem Deutschen Ärzteverlag erläutert der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM), Prof. Dr. med. Claus Vogelmeier, unter anderem das Leitthema des diesjährigen Kongresses der Fachgesellschaft „Digitale Medizin – Chancen, Risiken, Perspektiven“.

Interview

Prof. Dr. med. Claus Vogelmeier | Bernd Schunk - DÄV

Das Leitthema des Kongresses lautet „Digitale Medizin – Chancen, Risiken, Perspektiven“. Wie kann man Ihrer Meinung nach in der Inneren Medizin die Chancen nutzen, ohne dass die Risiken zu unerfreulichen Konsequenzen führen?

Prof. Dr. Claus Vogelmeier: Das ist eine sehr interessante Frage, die viele verschiedene Perspektiven aufweist. Es gibt ja nicht die eine digitale Medizin, sondern es gibt ganz unterschiedliche Arten von digitaler Medizin, die alle unterschiedliche Risiken haben. Grundsätzlich müssen wir wachsam sein, wenn es beispielsweise um Datensicherheit geht. Ich denke da an Hackerangriffen auf Krankenhäuser – das ist ja alles schon passiert.

Digitalisierung

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Ein zweites Thema ist der Datenschutz: In Zeiten der digitalen Medizin brauchen wir neue Konzepte für den Datenschutz. Die herkömmlichen Formate funktionieren da nicht mehr. Außerdem müssen wir sicherstellen, dass alles, was heute an digitaler Medizin passiert, auch geprüft ist. Das ist im Bereich der verschiedenen Apps zum Beispiel ein großes Problem. Gesundheits-Apps werden von vielen Menschen genutzt, ohne dass jemand überprüft hat, ob sie qualitativ den Anforderungen genügen. Ein anderes Thema ist der Bereich künstliche Intelligenz (KI) – beispielsweise auch im Krankenhaus, in Notaufnahmen oder auf Intensivstationen, wo KI direkte Konsequenzen für die Diagnostik und Behandlung von Patienten hat. Da muss natürlich auch immer noch der gesunde ärztliche Menschenverstand eingesetzt werden, damit man merkt, wenn etwas nicht richtig passt. Das sind die wesentlichen Aspekte, die man hier berücksichtigen sollte.

Komorbidität/Multimorbidität

Eines der Schwerpunktthemen des Kongresses ist Komorbidität/Multimorbidität – wie wird dieses Phänomen die Innere Medizin in Zukunft bestimmen und welche Chancen bietet gerade in diesem Bereich die digitale Medizin?

Prof. Dr. Claus Vogelmeier: Zum einen ist Komorbidität/Multimorbidität das zentrale Thema der Zukunft. Wir leben in einer alternden Gesellschaft. Damit gibt es auch immer ältere Menschen, die über ihre gesamte Lebenszeit auch ein Risiko für verschiedene chronische Krankheiten entwickeln werden oder schon entwickelt haben. Wir werden uns deshalb mit den Themen Multimorbidität, Polypharmazie und Priorisierung beschäftigen. Diese ganzen Problemfelder kann man mit digitaler Medizin adressieren – zum Beispiel, um komplexe Zusammenhänge zu erkennen.

Wenn ein Patient mehrere Diagnosen hat, muss man herausarbeiten, was gerade das führende Problem ist. Dazu muss eine Reihe von Parametern berücksichtigt werden, und dabei kann die digitale Medizin helfen. Ganz banal kann digitale Medizin aber auch benutzt werden, um vor Medikamenteninteraktionen zu warnen. Darüber hinaus ist es sicher in Zukunft ganz wichtig, dass man im Zusammenhang mit sogenannten Big Data-Analysen versucht herauszuarbeiten, welche Therapiemaßnahmen bei welchen Patienten besonders gute Ergebnisse liefern – da sind wir wieder bei der Priorisierung. Das kann man potenziell angehen, indem man große Kollektive von Patienten über künstliche Intelligenz evaluiert.

Neue Veranstaltungsformate

Wird es beim 125. Kongress der DGIM neue Veranstaltungsformate geben? Worauf kann sich der Internistennachwuchs freuen?

Prof. Dr. Claus Vogelmeier: Wir haben das Potpourri an Veranstaltungsformaten im Wesentlichen unverändert gelassen. Wir haben die Stand-alone-Symposien wieder abgeschafft und dafür eine ganze Reihe von Hauptsitzungen definiert, weil das die Chance bietet, eben nicht nur einen Sprecher zu hören, sondern über ein bestimmtes Thema wie die digitale Medizin Ansichten, Meinungen und Informationen von verschiedenen Seiten zu bekommen. Der internistische Nachwuchs ist für uns ein ganz zentraler Punkt: Das Forum „Junge Internisten“ ist ein großer Schwerpunkt beim Kongress mit sehr vielen Veranstaltungen und zieht sich wie ein roter Faden durch den ganzen Kongress durch.

Das ist ein offenes Format mit einem eigenen Bereich, der für die jungen Internisten reserviert ist. Da reichen die Veranstaltungen von Karriereberatung über propädeutische Themen bis hin zu neuen wissenschaftlichen Daten. Und etwas, das mir persönlich wichtig ist: Am Montagabend wird es zum ersten Mal beim DGIM-Kongress einen Science-Slam geben. Dabei geht es nicht nur darum, Wissen zu vermitteln, sondern auch darum, sich auf hohem Niveau mit wissenschaftlichen Inhalten zu unterhalten. Meine Universitätsstadt Marburg ist ja eine der Geburtsstätten von diesem Format in Deutschland – deshalb wollte ich das auf dem Kongress unbedingt haben. Wir hoffen, dass wir dadurch auch einige junge Leute gewinnen können.