Wirkmechanismus aufgeklärt

Wie wirken Antidepressiva?

Freiburger Forscher/-innen finden gemeinsam mit internationalen Kollegen und Kolleginnen einen neuen Mechanismus, über den Antidepressiva im Gehirn wirken. Die Entdeckung könnte die Entwicklung neuer Therapien ermöglichen.

Antidepressiva

Antidepressiva docken bei Nervenzellen an einer bislang unbekannten Stelle an | © WavebreakMediaMicro - stock.adobe.com

Wissenschaftler/-innen des Universitätsklinikums Freiburg haben gemeinsam mit internationalen Kollegen nachgewiesen, dass Antidepressiva bei Nervenzellen an einer bislang unbekannten Stelle andocken und so ihre stimmungsaufhellende Wirkung entfalten. Indem sie auf den Nervenzellen an den Rezeptor des sogenannten Brain derived neurotrophic Factor (BDNF) binden, komme es zu einer verbesserten Aktivität in Hirnregionen, die bei depressiven Patienten beeinträchtigt sei. Die Wirkweise war besonders gut, wenn der Cholesterinspiegel im Blut normal war. Die Erkenntnisse ermögliche nun die gezielte Suche nach Wirkstoffen, die an den BDNF-Rezeptor binden.

Bisher unklar, wie es wirkt

„Mit dem BDNF-Rezeptor als Andockstelle können wir erstmals direkt erklären, wie Antidepressiva wirken und warum es so lange dauert, bis die Wirkung einsetzt“, erklärt Prof. Dr. Claus Normann, Forschungsgruppenleiter an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Freiburg. Bisher ging man davon aus, dass sie über eine Erhöhung des Botenstoffes Serotonin im Gehirn wirken; es blieb jedoch völlig unklar, wie das genau funktioniert.

Depressionsrisiko für Kinder und Jugendliche

Erstmals ist es in einer Studie anhand eines genetischen Profils gelungen, das Erkrankungsrisiko für eine Depression bei Kindern und Jugendlichen vorauszusagen. Über 2.000 Kinder und Jugendliche wurden genetisch, mit Fragebögen und klinischen Interviews untersucht.

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Das ändert sich jetzt mit der Studie einer internationalen Arbeitsgruppe unter Mitarbeit von Normann, Dr. Stefan Vestring und Dr. Tsvetan Serchov von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Freiburg. In ihrer Forschungsarbeit konnten sie bei Mäusen zeigen, dass Antidepressiva direkt an den Rezeptor für das Wachstumshormon BDNF binden. Dadurch komme es zu einer verbesserten Aktivität in Hirnregionen, die bei depressiven Patienten beeinträchtigt sei. Das gelte für unterschiedliche Arten von Antidepressiva wie Selektive Serontonin-Wideraufnahmehemmer, kurz SSRI, oder Ketamin.

Neue, positive Informationen wieder aufnehmen

„Das Gehirn kann durch die Stimulation des BDNF neue, positive Informationen aus der Umwelt oder bei Psychotherapien wieder besser aufnehmen und erholt sich aus seinem depressiven Zustand“, sagt Normann. Die Forscher/-innen zeigten, dass die Antidepressiva über den BDNF-Rezeptor in einen zentralen Lern- und Anpassungsmechanismus des Gehirns eingreifen, der als synaptische Plastizität bezeichnet wird. „Interessanterweise benötigt diese Bindungsstelle einen normalen Cholesterinspiegel, um optimal aktiv werden zu können.“ Wie das Team zeigte, verformen hohe, aber auch zu niedrige Cholesterinspiegel den BDNF-Rezeptor, sodass die Wirkstoffe schlechter binden.

Die Erkenntnisse bilden eine Grundlage zum Verständnis der Depression und zur Entwicklung neuer Medikamente, sind die Forscher/-innen überzeugt. Durch eine zielgerichtete Therapie könnten sich hier neue Perspektiven für eine nebenwirkungsärmere und effektivere Behandlung schwerer Depressionen ergeben.

 

Literatur:

Plinio C. Casarotto, Mykhailo Girych, Senem M. Fred, et al.: Antidepressant drugs act by directly binding to TRKB neurotrophin receptors. Cell, 2021, DOI:  doi.org/10.1016/j.cell.2021.01.034.


Quelle: idw/ Uniklinik Freiburg