Motto: „Find the missing millions“

Welt-Hepatitis-Tag am 28. Juli 2018



Der diesjährige Welt-Hepatitis-Tag steht unter dem Motto „Find the missing millions“. Warum bleiben so viele Infektionen mit Hepatitis-Viren unentdeckt und was würde es bedeuten, wenn mehr diagnostiziert würden?
Es gibt praktisch keine Screeningprogramme, so auch nicht in Deutschland. Die deutsche Leberstiftung kämpft seit Jahren vergeblich um die Aufnahme des Lebertestes GPT/ALT in den Check-up 35, den ärztlichen Gesundheitscheck ab einem Alter von 35 Jahren. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat bis zum Jahr 2030 klare Ziele zur Eliminierung der Hepatitis C formuliert: 90 Prozent diagnostizieren, 80 Prozent therapieren, die Sterblichkeitsrate um 65 Prozent senken. Dieses WHO-Ziel kann in einigen Ländern erreicht werden, andere Länder sind jedoch weit davon entfernt. Bei der Hepatitis C sind die Heilungsraten mit den neuen Therapien inzwischen hoch, das heißt deutlich über 90 Prozent. Die WHO-Eliminationsziele der Hepatitis C bis 2030 können jedoch nur erreicht werden, wenn wesentlich mehr Patienten therapiert werden, als Neuinfektionen auftreten. Dies ist nur mit der Einführung flächendeckender Screeningprogramme zu realisieren – und das gilt auch für Deutschland.

Wie kann man sich vor den gefährlichen Infektionen mit Hepatitis B und C schützen und wie gut sind die Behandlungsmöglichkeiten?
Die chronische Hepatitis B ist nicht heilbar, aber die Vermehrung des Virus in der Leber kann durch Dauermedikation effektiv unterdrückt werden, wodurch ein Fortschreiten der Krankheit verhindert wird. Allerdings gibt es gegen Hepatitis B eine Impfung. Diese wird im Kleinkindesalter durchgeführt. Wichtig ist es, allen Menschen diese Impfung zukommen zu lassen.

Eine Impfung gegen Hepatitis C ist bisher leider nicht verfügbar. Dank der neuen Therapien wurde die Hepatitis C als erste chronische Virusinfektion des Menschen heilbar. Durch die hohen Heilungsraten von inzwischen über 90 Prozent für praktisch alle Krankheitsbilder der Hepatitis C erscheint eine Elimination durch Therapie alleine auch ohne Impfung möglich. In diesem Zusammenhang sei auch auf die großen Kostenunterschiede für Hepatitis C-Therapien zwischen sogenannten „high“ und „low income countries“ hingewiesen: In Ländern mit niedrigem Einkommensniveau („low income countries“) erlauben Herstellerfirmen die Produktion von kostengünstigen Generika durch niedrige Lizenzgebühren. Während ein Therapiezyklus in der westlichen Welt noch über 30.000 Dollar kostet, sind es in „low income countries“ weniger als 100 Dollar.

Welches sind die größten Herausforderungen in der Klinik bei Hepatitis-Infektionen und welche Forschungsansätze verfolgen Sie, um dem zu begegnen?
Eine Virushepatitis kann durch fünf verschiedene Viren ausgelöst werden: A, B, C, D und E. Nur die Hepatitis A kann bisher keine chronische Hepatitis auslösen. Eine chronische Hepatitis kann über Jahre zu einer Narbenleber, der sogenannten Leberzirrhose führen, auf deren Boden ein Leberkrebs entstehen kann. Die Hepatitis D stellt die schwierigste Form dar. Es handelt sich immer um eine Doppelinfektion mit dem Hepatitis B- und D-Virus, da das Hepatitis D-Virus sich nicht ohne Hilfe des Hepatitis B-Virus vermehren kann. Eine spezifische und effektive Therapie gegen das Hepatitis D-Virus gibt es bisher nicht. Interferone helfen nur einem Teil der Patienten. Neue Therapien für Hepatitis D sind daher dringend erforderlich und müssen mit hoher Priorität entwickelt werden. Außerdem ist Hepatitis B bisher nur durch eine Dauertherapie in ihrem Progress aufzuhalten, aber nicht heilbar. Große Forschungsanstrengungen werden daher auch für neue Hepatitis B-Therapien unternommen mit dem Ziel einer Heilung. Diese Programme stehen national und international unter dem Motto „HBV-CURE“. Die chronische Hepatitis E ist in den Tropen vor allem eine akute Infektionskrankheit. In gemäßigten Regionen wie Europa kann aber der Genotyp 3 des Hepatitis E-Virus bei Patienten mit geschwächtem Immunsystem zu einer chronischen Infektion führen. Die Aufklärung der Epidemiologie sowie die Entwicklung neuer Therapien für die chronische Hepatitis E stehen im Fokus aktueller Forschung. Alle diese Themen werden auch von der TTU Hepatitis des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) bearbeitet.

Ziel der nächsten Jahre muss es sein, die verschiedenen Virushepatitiden so früh und effektiv zu behandeln, dass Leberversagen, Leberkrebs und Transplantationen als Folgen dieser Erkrankungen verhindert werden.
 
Dr. Jördis J. Ott ist Wissenschaftlerin in der Abteilung „Epidemiologie“ des HZI mit den Forschungsschwerpunkten Hepatitis und impfpräventable Krankheiten.

Frau Dr. Ott, nach wie vor bleiben viele Hepatitis-Infektionen unentdeckt, weit über eine Million Menschen sterben jährlich an Hepatitis B oder C. In welchen Regionen der Erde treten diese Infektionen besonders häufig auf und warum?
In manchen Ländern Afrikas kommt die chronische Infektion mit dem Hepatitis B-Virus (HBV) in der Bevölkerung relativ häufig vor, das heißt die HBV-Prävalenz ist hoch. Auch beim Hepatitis C-Virus (HCV) gibt es spezifische Gebiete und Länder, die stark von der Infektion betroffen sind, bekannt ist es von Ägypten. Dies hat verschiedene Ursachen: Sie können erregerspezifisch sein, zum Beispiel was den prä-dominanten Genotyp von HCV oder HBV in einer Region betrifft. Bei HBV kommt auch die Art, wie und in welchem Alter die Infektion erfolgte, zum Tragen. Je früher im Leben sich ein Mensch damit infiziert, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Infektion, wenn unbehandelt, chronisch wird. Dies ist aus medizinischer und gesundheitspolitischer Sicht besonders gravierend, da gerade in diesen Ländern die Möglichkeiten einer genauen Diagnose der Erkrankung und die Behandlungsmöglichkeiten eingeschränkt sind. Hinzu kommt durch höhere Prävalenz anderer Infektionen, zum Beispiel HIV, auch das Potenzial für Ko-Infektionen.