Universitäten Bern und Zürich

Weiterbildung zu geschlechtsspezifischer Medizin

Die Universitäten Bern und Zürich wollen gemeinsam ab Mai 2020 einen, in Europa, einzigartigen Weiterbildungsstudiengang in der Gendermedizin anbieten.

Herz

Das Herz altert bei Männern und Frauen unterschiedlich: Während das männliche Herz im Alter größer wird, verkleinert sich das Frauenherz und pumpt stärker. Entsprechend sollten die Normalwerte für die Herzfunktion alters- und geschlechtsspezifisch angepasst werden. | USZ

Dass Krankheiten bei Mann und Frau unterschiedlich auftreten und anders verlaufen, ist zunehmend belegt. Nun wollen die Universitäten Bern und Zürich die geschlechtsspezifische Medizin voranbringen und bieten ab Mai 2020 gemeinsam einen Weiterbildungsstudiengang in Gendermedizin an. Dieser soll dazu beitragen, Geschlechterunterschiede bei der Behandlung von Patientinnen und Patienten zu berücksichtigen. Der Studiengang ist laut Angaben der Universitäten in dieser Form europaweit einzigartig.

Geschlechtsspezifische Unter- bzw. Fehlversorgung

Noch zu wenig bekannt ist, dass Herzinfarkte bei Frauen häufig andere Symptome hervorrufen. „Dies führt dazu, dass Herzinfarkte bei Frauen oft nicht richtig eingeschätzt und erkannt werden und wertvolle Zeit vergeht, bis medizinischen Hilfe in Anspruch genommen wird“, erläutert Prof. Cathérine Gebhard, Kardiologin am Zürcher Universitätsspital und Vorsitzende der Programmleitung des neuen Certificate of Advanced Studies (CAS) „Sex- and Gender-Specific Medicine“. Den umgekehrten Fall gebe es auch, dieser sei aber eher selten, erklärt Gebhard. Bei ‚typischen‘ Frauenkrankheiten wie etwa der Osteoporose sei der Mann das unter- beziehungsweise fehlversorgte Geschlecht.

Herz

Mit einer kurzen Untersuchung im Magnetresonanztomographen kann das Risiko für schwerwiegende Komplikationen bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit wesentlich besser eingeschätzt werden als mit bisher eingesetzten Parametern.

weiterlesen

Unterschiede bei Medikamenten

Auch bei der Wirkung von Medikamenten gibt es Unterschiede: Wirkstoffe werden im weiblichen Körper häufig langsamer abgebaut. Dennoch sind Frauen in Arzneimittelstudien nach wie vor unterrepräsentiert. Jüngst analysierte Zahlen der US-Arzneimittelbehörde FDA für die Periode 2004 bis 2013 zeigen, dass bei Frauen über 50% häufiger unerwünschte Wirkungen nach Medikamenteneinnahmen auftreten als bei Männern.

Die Präzisionsmedizin der Zukunft müsse gezielt auf die Bedürfnisse der einzelnen eingehen, sagt Gebhard: „Ein wichtiger erster Schritt ist die Berücksichtigung von Geschlechterunterschieden bei der Behandlung von Patientinnen und Patienten.“

Erkenntnisse fließen nur langsam in die Behandlung ein

Die Erkenntnisse zu geschlechtsspezifischen Aspekten der Medizin nehmen jedes Jahr um mehrere Tausend Fachpublikationen zu. Dennoch fließen sie nur langsam in die Behandlung von Patientinnen und Patienten ein. Die Integration in die medizinische Grundausbildung steht noch in den Anfängen. Prof. Daniel Candinas, Vizerektor Forschung der Universität Bern und Klinikdirektor der Universitätsklinik für Viszerale Chirurgie und Medizin am Inselspital Bern, und Prof. Beatrice Beck Schimmer, Direktorin Universitäre Medizin Zürich an der Universität Zürich, haben deshalb als Schweizer Premiere gemeinsam den CAS-Weiterbildungsstudiengang in „Sex- and Gender-Specific Medicine“ initiiert.

Belegung einzelner Module ist möglich

Ab Mai 2020 werden in insgesamt elf Modulen in- und ausländische Expertinnen und Experten den Teilnehmenden geschlechtsspezifische Aspekte in den verschiedenen medizinischen Fachrichtungen sowie in der Forschung aufzeigen, die neuste Evidenz diskutieren und Forschungslücken thematisieren. Neben dem gesamten CAS können auch nur einzelne Module besucht werden. Der Weiterbildungsstudiengang richtet sich an Medizinerinnen und Mediziner sowie Fachpersonen aus verwandten Bereichen, die ihre Kenntnisse der geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Medizin vertiefen und ihre Arbeit am neuesten Forschungsstand ausrichten wollen.

9.400 CHF für das gesamte CAS-Programm

Organisatorisch wird er an der Universität Bern angesiedelt sein, aber an beiden Standorten der Universitäten Bern und Zürich werden Module angeboten. Die Kosten betragen für das CAS-Programm CHF 9.400 und einzelne Module je CHF 960. Es wird in den Sprachen Deutsch und Englisch unterrichtet. Der Anmeldeschluss für das Programm ist der 31. März 2020.

In dem Weiterbildungsstudiengang werden obligatorische Module wie die geschlechtsspezifische Medizin, Kardiovaskuläre Medizin und die Endokrinologie und Metabolismus unterrichtet. Die Wahlpflichtmodule sind Studiendesign und Forschung, Onkologie, Neurologie und Psychiatrie, Pharmakologie, Anästhesie und Intensivmedizin, Muskuloskelettale Medizin, Autoimmunität und Gender-Forensik, Hausarztmedizin/Gesundheitsversorgung und Infektiologie, Pneumologie und Urologie. Als Abschlusskolloquium muss eine Präsentation gehalten werden und eine Diskussion der Abschlussarbeiten.

„Beim CAS Sex- and Gender-Specific Medicine handelt es sich um einen umfassenden Studiengang, der in Europa einzigartig ist und direkt dem Wohl der Patientinnen und Patienten zugutekommen soll“, betont Daniel Candinas. „Wir freuen uns auf diese Zusammenarbeit“, sagt Beatrice Beck Schimmer. „Die Universitäten Bern und Zürich bündeln ihre ausgewiesenen Kompetenzen, um die Erkenntnisse der geschlechtsspezifischen Medizin in die Schweizer Praxen und Spitäler zu bringen.“


Quelle: idw/Universität Bern, 28.01.2020