Weibliche Genitalverstümmelung

Dr. Cornela Strunz: „Oft bin ich die Erste, mit der die Betroffenen sprechen“

Welche operativen Möglichkeiten gibt es?
Dr. Cornelia Strunz: Den meisten Frauen können wir operativ sehr gut helfen. Wie wir ihnen helfen, hängt aber auch von der Art der Beschneidung ab. Davon gibt es vier Typen. Beim Typ I wird das Präputium entfernt, hier würde ich von einer Operation abraten, da durch die Operation wieder eine neue Narbe auf der Vorhaut entsteht. Beim Typ II ist die Klitoris und die kleinen Schamlippen beschnitten. Wenn sich im Bereich der Klitoris ein Narbenstrang ertastet, kann man diesen abtragen und den Rest der Klitoris wieder so rekonstruieren, dass sie auch wieder eine Empfindung bekommt. Beim Typ III ist alles so zugenäht, dass nur noch eine kleine stecknadelkopfgroße Öffnung bleibt. Diese Frauen haben die größten Probleme, zum Beispiel kann es eine halbe Stunde dauern, bis die Blase entleert ist. Auch hier können wir alles so wiederherstellen, dass sich die Frauen schnell wieder in ihrem Körper wohlfühlen können.

Wie erleben Sie diese Frauen, wenn sie zum ersten Mal zu Ihnen kommen?
Dr. Cornelia Strunz: Meistens sind sie verängstigt und ganz schüchtern. Es dauert immer ein bisschen, bis sie sich öffnen. Viele Frauen fühlen sich nicht nur körperlich verstümmelt, sondern auch ihrer Weiblichkeit beraubt. Sie fühlen sich nicht mehr wohl in ihrem Körper. Sie haben Probleme, sich einem Mann gegenüber zu öffnen, weil sie sich für ihr Aussehen im Genitalbereich schämen. Aber wenn sie operiert und entlassen worden sind, dann sind sie total glücklich und dankbar, meistens schon direkt nach der Operation, wenn sie im Aufwachraum wach werden. Eine riesige Last fällt von ihren Schultern und sie fangen meist sofort an, aus Dankbarkeit zu weinen.

Wie verändert sich das Leben der Frauen nach der Operation?
Dr. Cornelia Strunz: Gerade erst hatte ich so ein Beispiel von einer Frau aus Äthiopien, die in Süddeutschland lebt. Sie hat sich nach Monaten dazu durchringen können, sich operieren zu lassen. Es ist auch alles wunderbar verlaufen. Aber am Anfang konnte sie nach der Operation nicht von einem Gynäkologen untersucht werden, weil sie große Angst vor Berührungen hatte. Ich habe sie dann noch einmal selbst untersucht und mit meiner somalischen Dolmetscherin auf sie eingeredet, dass sie jede Berührung zulassen kann und alles gut verheilt ist. Beim nächsten Anruf aus Süddeutschland erfuhr ich, dass die Frau im dritten Monat schwanger ist, und jetzt habe ich eine E-Mail bekommen, dass sie einen gesunden Jungen zur Welt gebracht hat. Das sind natürlich Verläufe, über die ich mich wahnsinnig freue. Da merke ich, dass wir mit unserer Art, wie wir mit den Frauen umgehen, gut und sensibel genug waren, dass sie wieder Berührungen zulassen und ein normales Leben führen können.

Was raten Sie anderen Ärzten, die in ihrem Berufsalltag mit FGM konfrontiert werden?
Dr. Cornelia Strunz: Nicht weggucken und schweigen, sondern die Frauen ansprechen, wenn man sieht, dass sie Probleme oder eine Narbe im Genitalbereich haben. Kollegen, die da einen Rat oder andere Unterstützung brauchen, können mich auch immer gern anrufen. Wir führen auch zweimal im Jahr ein Intensivseminar durch, bei dem wir Ärztinnen und Ärzte aufklären und informieren. Das Thema ist ja nicht im Lehrplan des Studiums vorgesehen, und viele Ärzte oder Hebammen sind deswegen natürlich überfordert.

Sie kämpfen auch gegen uralte Traditionen und religiöse Überzeugungen an. Was kann man überhaupt von Europa aus tun, um diese Überzeugungen zu durchbrechen und zumindest die jungen Mädchen vor Ort vor der Beschneidung zu schützen?
Dr. Cornelia Strunz: Das ist super schwierig und gerade die Aufklärung vor Ort ist sehr wichtig. Ein Schritt wäre, die Beschneiderinnen umzuschulen und ihnen einen anderen Job zu verschaffen. Das ist ja in den jeweiligen Ländern ein hoch angesehener Beruf. Diese Frauen werden verehrt und verdienen den Lebensunterhalt des ganzen Stammes damit. Natürlich ist Bildung ganz wichtig; auch die Mädchen – nicht nur die Jungen – müssen zur Schule gehen. Das ist das Allerwichtigste, damit die Mädchen auch ein selbstbestimmtes Leben führen können. Bei den Frauen, die in Deutschland leben, müssen wir auch ein Umdenken bewirken, damit sie sich von FGM abwenden und ihre eigenen Töchter nicht beschneiden lassen. Wenn wir das erreichen, haben wir schon sehr viel geschafft.

Wie wird das Desert Flower Center finanziert?
Dr. Cornelia Strunz: Wenn die Frauen krankenversichert sind, wird die Behandlung durch die Krankenkassen bezahlt. Wir wollen aber auch jede nicht versicherte Frau behandeln. Ich bin sehr froh, dass wir diesen Förderverein vom Krankenhaus Waldfriede gegründet haben. Über diesen Verein akquirieren wir Spenden, um auch nicht versicherten Frauen zu helfen.

 

Kontakt und weitere Informationen:

Desert Flower Center Waldfriede Berlin-Zehlendorf,
Argentinische Allee 40, 14163 Berlin
Web: www.dfc-waldfriede.de  
E-Mail: desertflower@waldfriede.de  
Telefon: 030 81810 – 8582
Spendenkonto:
Förderverein Krankenhaus Waldfriede e.V.
Bankverbindung: DKB Bank
IBAN: DE24120300001020145015
BIC: BYLADEM1001
Stichwort: Desert Flower Center