Gesundheitshelfer Smartphone

Von der Trauma- bis zur Tinnitus-App

Smartphones und mobile Endgeräte liefern beim „Crowdsensing“ wertvolle Daten. Informatiker der Universität Ulm helfen nun dabei, diese für die medizinische Forschung besser nutzbar zu machen.

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Mithilfe der Tinnitus-App liefert das Smartphone wertvolle Daten über Faktoren, die die Tinnitus-Stärke beeinflussen. | Elvira Eberhardt/Uni Ulm

Als Stressquelle und Suchtmittel haben sie unter Medizinern einen eher zweifelhaften Ruf. Doch Smartphones können als Gesundheitshelfer auch wertvolle Dienste leisten. Sie werden bereits heute eingesetzt, um weltweit und unmittelbar Daten zu sammeln, die medizinisch verwertbar sind. Wissenschaftler der Universität Ulm arbeiten seit Jahren an der Entwicklung von Softwaretechnologien für maßgeschneiderte „Crowdsensing“-Apps, um die Datensammlung für medizinische und psychologische Studien praktikabler und komfortabler zu machen.

„Ob in der Trauma- oder der Tinnitusforschung können mithilfe von Crowdsensing wertvolle Erkenntnisse über Krankheitsbilder und -verläufe gewonnen werden“, erklärt Prof. Manfred Reichert, Leiter des Institutes für Datenbanken und Informationssysteme an der Universität Ulm. Der Informatiker forscht mit seinem wissenschaftlichen Mitarbeiter Dr. Rüdiger Pryss zum Einsatz mobiler Informationssysteme in der Medizin. Im Mittelpunkt steht dabei die Entwicklung generischer Methoden und Konzepte, mit denen maßgeschneiderte Anwendungen benutzerfreundlich programmiert werden können. „Wir wollen damit Ärzten, Psychiatern und anderen medizinischen Nutzergruppen ein digitales Befragungsinstrument an die Hand geben, das sie passgenau an ihre jeweilige ‚Forschungslogik‘ anpassen können“, so Pryss, der am Institut zum Thema generische „Crowdsensing“-Konzepte habilitiert.

Gemeinsam mit Forschern aus Konstanz haben sie bereits Apps mitentwickelt, mit denen sich beispielsweise die Stressbelastung in der Schwangerschaft erfassen lässt. In einem anderen früheren Projekt ging es um Kindersoldaten in Afrika, die vor Ort mithilfe digitaler Fragebögen zu Traumaerfahrungen und Gewalterlebnissen befragt wurden. „Die Papierfragebögen hätten die Wissenschaftler nie über die Grenze bekommen. Die digital erfassten Daten waren dagegen sofort im Netz und standen den Kollegen in Deutschland unmittelbar zur Auswertung zur Verfügung“, erinnert sich Reichert.

„TrackYourTinnitus“-App

Das letzte App-Projekt widmete sich einem zwar medizinisch weitaus weniger gravierenden, dafür umso verbreiteteren medizinischen Phänomen: dem Tinnitus. Die Ulmer Forscher haben in Zusammenarbeit mit der Tinnitus Research Initiative und anderen Kooperationspartner mit der „TrackYourTinnitus“-App eine mobile Anwendung entwickelt, mit der die Nutzer nicht nur die individuelle Tinnituserfahrung (‚gefühlte‘ Lautstärke und Belastung durch den Tinnitus) erfassen können, sondern auch Angaben zu Stress und Gefühlen im Tagesverlauf. Automatisch über das Smartphone können zudem Umweltgeräusche sowie Zeit- und Positionsangaben ermittelt werden.

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Mit Tinnitracks gibt es ab sofort eine individuelle und selbstbestimmte Therapiemethode für die mehr als 3,2 Millionen Tinnitus-Betroffenen in Deutschland.

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Verarbeitet wurden diese Daten in anonymisierter Form und unter Berücksichtigung strengster Datenschutzstandards. Aus den weltweit mehr als 500.000 Datensätzen von Tinnitus-Betroffenen ist es mittlerweile gelungen, klare Effekte aufzudecken. So fanden die Wissen-schaftler beispielsweise heraus, dass Stress, Stimmung und Tageszeit die wahrgenommene Lautstärke des Tinnitustones sowie die damit einhergehende Belastung beeinflussen. „Vor allem während der stillen Nachtstunden fühlen sich die Betroffenen vom Tinnitus stark gestört“, konkretisiert Pryss. Veröffentlicht wurden diese Ergebnisse bereits in mehreren Fachartikeln.

Die technologische Herausforderung besteht vor allem darin, anwendungsorientierte Lösungen zu finden, die ohne großen Aufwand von den wissenschaftlichen Nutzern selbst umgesetzt werden können. „Aufgrund der großen Dynamik und des hohen Anpassungsbedarfs, beispielsweise was Updates betrifft, ist das traditionelle Software-Engineering nicht geeignet“, beschreibt Institutsleiter Reichert die Problematik. Das Ulmer Forscherteam setzt dabei auf generische Methoden und Konzepte. Mit deren Hilfe sollen Wissenschaftler, die über das „Crowdsensing“ Daten für die medizinische Forschung gewinnen möchten, Nutzeroberflächen einfach und passgenau für die jeweiligen Fragestellungen gestalten können. Die Informatiker haben dafür eine Art „App-Automat“ entwickelt, der ganz individuelle Softwarelösungen findet, und zwar zugeschnitten auf jeweils spezifische Befragungsdesigns.

Die eigene Krankheitssituation besser einschätzen

Von der Ulmer Forschung, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Europäischen Union gefördert wird, profitieren nicht nur die Initiatoren medizinischer Crowdsensing-Studien, sondern auch einzelne Smartphone-Nutzer. So können die über das Smartphone gewonnenen Daten Patienten dabei helfen, die eigene Krankheitssituation besser einzuschätzen und herauszufinden, welche Faktoren das Krankheitsgeschehen individuell beeinflussen. „Außerdem wird es damit möglich, passgenau zu bestimmten Symptomen über passende Behandlungsmöglichkeiten zu informieren“, erläutert Pryss.

Letztendlich könnten solche technischen Hilfen vielleicht sogar helfen, Gesundheitskosten zu senken. Mit Folgeprojekten wie „Track your Diabetes“ oder einem App-Projekt zum „Mindful Walking“ für die AOK, das Menschen alltagsnah zu mehr Bewegung animieren soll, haben die Ulmer Informatiker weitere wichtige Anwendungsgebiete auf dem Schirm.

www.trackyourtinnitus.org/de/

Quelle: idw/Universität Ulm, 06.12.2017


 

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