Deutsches Herzzentrum Berlin

Unterschätzte Gefahr - Aortendissektion

Die Anzahl der Menschen, die an einer lebensbedrohlichen Aortendissektion erkranken, ist wahrscheinlich doppelt so groß, wie bisher angenommen. Dies ergab eine kürzlich veröffentlichte Studie des Deutschen Herzzentrums Berlin (DHZB).

Aortendissektion

Aortendissektion: *Riss der Intima | © J. Heuser, eigenes Werk, CC BY-SA 3.0

Hinter dem komplizierten Begriff „akute Typ A-Aortendissektion“ steht ein Einriss und Ablösung der inneren Wandschicht der Hauptschlagader (Aorta) direkt am Herzen. In den Zwischenraum fließt Blut und vergrößert den Riss immer weiter, sodass Abzweigungen wie zum Gehirn verschlossen werden können. Die größte Gefahr jedoch ist die Einblutung in den Herzbeutel, was schnell zum Herzstillstand führen kann. Wahrscheinlich sterben jährlich hunderte Patienten an dieser Erkrankung, weil sie zu spät oder gar nicht erkannt wird. Ein spezielles Konzept des DHZB zur Koordination von Diagnose und Behandlung konnte bereits 2016 dazu führen, dass deutlich mehr Menschen gerettet werden als zuvor.

Die Aortendissektion muss so schnell wie möglich in einem spezialisierten Herzzentrum operiert werden, da sie unbehandelt in den meisten Fällen innerhalb von 48 Stunden tödlich verläuft. Doch eine schnelle und sichere Diagnose der Erkrankung ist nicht leicht. Die Symptome können auch von erfahrenen Notärzten als Anzeichen des häufiger vorkommenden Herzinfarkts missdeutet werden. Erst eine CT kann Klarheit schaffen – diese Untersuchung steht jedoch nicht überall und schnell genug zur Verfügung. Denn wird die Aortendissektion wie ein Herzinfarkt behandelt, kann es fatale Folgen nach sich ziehen. „Vereinfacht gesagt ist ein Herzinfarkt die Folge eines Blutgerinnsels und wird deshalb mit Medikamenten behandelt, die das Blut verdünnen. Bei der Aortendissektion wird die Blutung dadurch noch beschleunigt und die weitere Versorgung erheblich erschwert“, erläutert Stephan Kurz, Kardioanästhesist und Notarzt am DHZB.

Doppelt so viele Fälle wie bisher angenommen

Unter seiner Leitung analysierte ein Team des DHZB die Patientenakten und Notarztprotokolle von über 1.600 Patienten, die wegen einer Typ A-Dissektion am DHZB behandelt wurden. Weitere 14.000 Autopsieberichte der Charité und des Vivantes-Netzwerk wurden ausgewertet, um zu erfassen, wie viele Patienten in Berlin und Brandenburg an einer Aortendissektion verstorben sind. Die Ergebnisse wurden im International Journal of Cardiology veröffentlicht. Sie zeigen dringenden Handlungsbedarf, denn die mittlere Zeit zwischen dem Auftreten der ersten Symptome bis zum Beginn der Operation liegt bei über acht Stunden. Des Weiteren fand das Team um Kurz heraus, dass eine Aortendissektion wahrscheinlich viel häufiger auftritt, als bisher angenommen. So liegt die Anzahl der vom Statistischen Bundesamt ermittelten jährlichen Fälle bei 4,6 auf 100.000 Einwohner. Die Hochrechnung der Studie ergab einen mehr als doppelt so hohen Wert von 11,9 Fällen auf 100.000 Einwohner.

Bildgebende Verfahren

Die thorakale und die lumbale MRT können den prävertebralen Raum besser als die Computertomographie bei Standarduntersuchungsprotokollen erfassen und pathologische Veränderungen nebenbefundlich darstellen.

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„Anhand unserer Daten müssen wir von einer Dunkelziffer von über 200 Menschen ausgehen, die in Berlin und Brandenburg jedes Jahr verstorben sind, weil eine akute Aortendissektion zu spät erkannt oder falsch behandelt wurde“, verdeutlicht Kurz. Bereits seit 2015 hat das DHZB daher das europaweit einzigartige Konzept eines „Aortentelefons“ erarbeitet, die Berliner und Brandenburger Ärzten zur Seite steht. Mithilfe dieser Hotline soll die Zeit vom Ereignis zur OP nicht nur verkürzt, sondern auch besser genutzt werden. Ein Arzt des DHZB steht unter der einheitlichen Nummer rund um die Uhr zur Verfügung und unterstützt die regionalen Rettungsstellen. Er leistet medizinischen und organisatorischen Support für die Kollegen vor Ort, wobei er gleichzeitig auch Vorbereitungen für den Eingriff am DHZB selbst koordiniert.

Es wurden Standardverfahren zur bildgebenden Diagnostik und Medikation erarbeitet, sowie mit Rettungsdiensten, leitenden Notärzten und Rettungsstellen der Kliniken in Berlin und Brandenburg abgestimmt. „Dabei ging es uns auch darum, die Kolleginnen und Kollegen weiter für eine Erkrankung zu sensibilisieren, die weit seltener, aber deshalb nicht weniger schwerwiegend ist als ein Herzinfarkt“, so Kurz. Auch die Versorgung und Weiterbehandlung auf der Intensivstation am DHZB selbst wurden weiter verbessert und standardisiert. Auf der Notfall-Website des DHZB stehen alle entsprechenden Daten zur Verfügung. Das Konzept führte am DHZB bereits zu einer deutlichen Verbesserung, von durchschnittlich 80 operierten Patienten wegen einer Typ A-Dissektion in den Vorjahren auf 138 in 2016. Auch die Zeitspanne der ersten Symptome bis zum Operationsbeginn konnte durchschnittlich um 20 Prozent gesenkt werden.


Literatur:

V. Falk V, Kempfert J, Gieb M et al. (2017): Insight into the incidence of acute aortic dissection in the German region of Berlin and Brandenburg. International Journal of Cardiology, Volume 241, Pages 326–329, DOI: 10.1016/j.ijcard.2017.05.024.

Quelle: Deutsches Herzzentrum Berlin, 10.07.2017, International Journal of Cardiology