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Tumoren am Gleichgewichtsnerv: Gezielte Bestrahlung bietet Vorteile

Gesichtslähmungen, Hörverlust und Krankenhausaufenthalte sind nach der stereotaktischen Radiochirurgie von Vestibularisschwannomen seltener als nach dem operativen Entfernen. Das ist das Fazit der Nutzenbewertung, die das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) durchgeführt und abgeschlossen hat.

Vestibularisschwannome

Vestibularisschwannome sind gutartige, meist langsam wachsende Tumoren, die vom Gleichgewichtsnerv (Nervus vestibularis) ausgehen. Sie führen unter anderem zu Schwindelgefühlen. | eddows stock.adobe.com

Die stereotaktische Radiochirurgie bei gutartigen Tumoren am Gleichgewichtsnerv (Vestibularisschwannomen) bietet den betroffenen Patientinnen und Patienten mehr Vorteile als die mikrochirurgische Resektion: Nach einer gezielten Bestrahlung, einmalig und hoch dosiert, kommt es seltener zu Gesichtslähmungen, Hörverlust und Krankenhausaufenthalten als nach einer Operation. Allerdings ist wegen der kurzen Laufzeit der verfügbaren Studien unklar, ob und inwieweit diese Vorteile, insbesondere hinsichtlich Hörverlust Bestand haben. Überdies fehlt es an Daten zu schwerwiegenden Komplikationen.

Vestibularis-Schwannom

Bei Neurofibromatose Typ 2 bilden sich gutartige Hirntumoren beidseitig am Hör- und Gleichgewichts-Nerv (sog. Vestibularis-Schwannome). Wenn diese wachsen, kann es zunehmend zu Tinnitus und Schwindel, sogar Hörverlust kommen. Ist die medikamentöse Antikörpertherapie eine Therapiealternative?

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Aus der Nutzen-Schaden-Abwägung der vorliegenden Studienergebnisse ergibt sich insgesamt ein Anhaltspunkt für einen höheren Nutzen der stereotaktischen Radiochirurgie (SRS) bei Patientinnen und Patienten mit behandlungsbedürftigen Vestibularisschwannomen im Vergleich zur mikrochirurgischen Resektion. So lautet das Fazit der Nutzenbewertung, die das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) im Auftrag des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) durchgeführt und jetzt abgeschlossen hat.

Einmalige Bestrahlung als Alternative zur Operation

Vestibularisschwannome sind gutartige, meist langsam wachsende Tumoren, die vom Gleichgewichtsnerv (Nervus vestibularis) ausgehen und meist ab einem Alter von etwa 50 Jahren einseitig auftreten. Die Folge sind häufig Hörverlust, Tinnitus, Schwindelgefühle und Gesichtslähmungen. Für die Therapieentscheidung spielen vor allem Größe, Lage und Wachstum des Tumors eine Rolle, sowie die Krankengeschichte und die Patientenpräferenz.

Insbesondere bei kleinen, nicht wachsenden Tumoren, die noch keine Symptome hervorrufen, ist beobachtendes Abwarten (engl. watchful waiting) möglich, erfordert aber eine regelmäßige Magnetresonanztomografie etwa alle zwölf Monate. Bei deutlichen Beschwerden und/oder größeren Tumoren wird meist operiert. Eine Bestrahlung kommt infrage bei älteren Patientinnen und Patienten mit behandlungsbedürftigem Vestibularisschwannom und bei erhöhtem Operationsrisiko: Das Tumorgewebe im Kopf wird bei der einzeitigen stereotaktischen Radiochirurgie einmalig hoch dosiert und präzise mithilfe von Linearbeschleunigern oder Kobalt-60-Gamma-Strahlungsquellen bestrahlt. Weil sich die SRS grundsätzlich ambulant durchführen lässt, entfallen Krankenhausaufenthalte zumeist.

Vorteile von SRS

Ergebnisse aus drei nicht randomisierten prospektiven vergleichenden Studien mit einer Nachbeobachtungszeit von etwa zwei Jahren lieferten Ergebnisse zu patientenrelevanten Therapiezielen. Schwerwiegende Komplikationen wurden in diesen Studien aber nicht erfasst. Für Therapieziele wie Mortalität, Symptome wie Schwindelgefühl, Kopfschmerzen, Tinnitus, Gleichgewichtsstörungen oder Krankheitsfolgen (zum Beispiel Arbeitsunfähigkeit) sowie Nebenwirkungen, etwa Komplikationen der Therapie und wiederholte Behandlungen (Reinterventionen), sowie gesundheitsbezogene Lebensqualität zeigten sich keine Vorteile der SRS im Vergleich zu mikrochirurgischen Resektion.

Allerdings war die Chance, eine Gesichtslähmung zu erleiden, bei einer Behandlung mit SRS etwa 17-mal geringer als bei einer mikrochirurgischen Resektion. Ebenfalls große Effekte zeigten sich für den Endpunkt Hörvermögen: Die Chance, dass funktionelle Hörvermögen zu erhalten, war bei einer Behandlung mit SRS etwa 23-mal höher als bei einer mikrochirurgischen Resektion. Die mittlere Krankenhausverweildauer bei einer SRS betrug in den Studien 2,5 Tage beziehungsweise erfolgte ambulant, also ohne Klinikaufenthalt. Im Vergleich dazu ist mit einer mikrochirurgischen Resektion stets ein Klinikaufenthalt verbunden, in den Studien 12,5 Tage beziehungsweise 5,1 Tage.

Studiendesigns bringen Anhaltspunkte

Zusammenfassend steht den deutlichen Vorteilen der SRS im Vergleich zur mikrochirurgischen Resektion – jeweils Anhaltspunkte für höheren Nutzen wegen seltenerer Gesichtslähmungen, selteneren Hörverlusten und weniger Krankenhausaufenthalten – kein Anhaltspunkt für einen höheren Schaden gegenüber.

In keiner Studie wurden die Patientinnen und Patienten aktiv nach vorab geplanter Regel auf die Behandlungsarme verteilt, sondern vor allem gemäß dem Wunsch der Patientinnen und Patienten. Deshalb unterscheiden sich Vergleichsgruppen in Anzahl, Alter oder auch in der Tumorgröße bei den Studienteilnehmerinnen und -teilnehmern. Allerdings lagen in allen Studien große Effekte vor, die sich nicht allein durch Verzerrung erklären lassen. Zudem wurden in einer der drei Studien prognostisch relevante Faktoren in der Auswertung berücksichtigt. Daher waren Nutzenaussagen in Form von Anhaltspunkten möglich.


Quelle: IQWiG 18.10.2021