Akademisierung

Trendberuf Physician Assistant

Der Physician Assistant ist ein in Deutschland noch relativ junges, akademisches und medizinisches Berufsbild. In den Vereinigten Staaten existiert es schon seit mehr als 50 Jahren, im dortigen Gesundheitswesen ist es fest verankert und erfreut sich großer Akzeptanz.

Trendberuf Physician Assistant

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Wie die Deutsche Presseagentur am 20. März 2019 meldet, will Frankreich ab 2020 den Numerus clausus für Medizinstudenten abschaffen. 20 Prozent mehr ausgebildete Ärzte erhofft man sich im Nachbarland. Auch in Deutschland wird viel über mehr Studienplätze in diesem Fach diskutiert, um des wachsenden Fachkräftemangels Herr zu werden.Indes: Bis solche Maßnahmen greifen, vergeht viel Zeit. Zeit, die bei der Sicherung der Patientenversorgung nicht mehr da ist. Es gibt Alternativen. Der Physician Assistant ist ein in Deutschland noch relativ junges, akademisches und medizinisches Berufsbild. In den Vereinigten Staaten existiert es schon seit mehr als 50 Jahren, im dortigen Gesundheitswesen ist es fest verankert und erfreut sich großer Akzeptanz. Auch einige europäische Länder setzen schon längere Zeit erfolgreich darauf – so etwa die Niederlande und Großbritannien. Hierzulande wird das Bindeglied zwischen Pflegeberufen und Ärzten immer besser angenommen. Das Umdenken findet vor allem dort statt, wo Physician Assistants in der Praxis tätig sind, als wichtige First Mover haben sich die Krankenhäuser hervorgetan. Immerhin: Das Jobportal Gehalt.de zählt den Physician Assistant zu den acht Trendberufen 2019. Deren wichtigstes Merkmal ist die Zukunftssicherheit, Ergebnis eines hohen und langfristigen Bedarfs im jeweiligen Segment. Das Jobportal nennt auch das durchschnittliche Gehalt für Physician Assistants: 55.400 Euro brutto. Zwei wesentliche Argumente, die diesen vergleichsweise neuen Beruf im Gesundheitswesen sehr attraktiv erscheinen lassen.

Berufliche Qualifikation

Das Berufsbild des Medizinassistenten – so die geläufige deutsche Übersetzung des Physician Assistant – befindet sich aktuell noch in der Entwicklung. Das bedeutet auch, dass es nicht staatlich geregelt ist und es auch – anders als in der Pflege oder etwa bei den Physiotherapeuten – kein Berufsgesetz gibt. Verschiedene Stellen bieten ein Studium an. An der Carl Remigius Medical School, die zum Fachbereich Gesundheit & Soziales der Hochschule Fresenius gehört, haben Interessenten die Wahl zwischen der primärqualifizierenden Variante über acht und dem berufsbegleitenden Studiengang über sechs Semester. Beide setzen keinen Numerus clausus voraus. Studienstandorte sind Frankfurt am Main, Hamburg und München. Wer sich für die berufsbegleitende Variante entscheidet, muss einen abgeschlossenen Gesundheitsberuf nachweisen. Zu diesen gehören neben Pflege- und therapeutischen Hilfsberufen, nichtärztlichen Heilhilfsberufen auch die medizinisch-technischen Assistenzberufe, also Operationstechnischer Assistent (OTA), Anästhesietechnischer Assistent (ATA), Chirurgisch-Technischer Assistent (CTA), Medizinisch-technischer Assistent Funktionsdiagnostik (MTAF), Medizinisch-technischer Laboratoriumsassistent (MTLA oder MTA-L) und Medizinisch-technischer Radiologieassistent (MTRA, MTA-R oder RTA). Über das Bestehen einer Äquivalenzprüfung werden vier Fachsemester (von zehn Semestern Regelstudienzeit) anerkannt. Aufgrund der Zuordnung zum ärztlichen Dienst als qualifizierte Entlastung der Ärzteschaft orientieren sich die Studiengangsschwerpunkte an denen des Medizinstudiums. Dabei werden die Inhalte von Vorklinik, Klinik und Famulatur berücksichtigt. Zentrale Fächer sind Anatomie, Pathophysiologie, Untersuchungsverfahren sowie fach- und fallspezifisches Handeln in der operativen und konservativen Medizin. Charakteristisch für den Studiengang ist die enge Verzahnung zwischen Theorie und Praxis. In fünf Blockpraktika mit insgesamt 42 Praktikumswochen beziehungsweise 1.680 Stunden wenden die Studierenden das an, was sie in den Vorlesungen und Seminaren vorher gelernt haben. Die fünf integrierten Praktika können sie sich nach ihren individuellen Anforderungen einteilen. Die Präsenzzeiten sind außerdem so ausgestaltet, dass die Studierenden, die weiter in ihrem Beruf tätig sind, eine bestmögliche Vereinbarkeit zwischen Studium und Arbeitsalltag realisieren können. Es ist grundsätzlich davon auszugehen, dass neben dem Studium rund 50 Prozent der Vollzeitstelle weiter bestehen können.

Übernahme delegierter ärztlicher Tätigkeiten

Das Studium schließt mit dem Bachelorabschluss ab (Bachelor of Science). Mit dem Abschluss dürfen die Medizinassistenten ärztliche Aufgaben auf Delegationsbasis übernehmen. Sie gehören zum ärztlichen Team und übernehmen eine wichtige Schnittstellenfunktion zu anderen Gesundheitsberufen. Eine zentrale Funktion des Physician Assistant liegt in der Entlastung der Ärzteschaft. Der Arzt kann sich wieder auf seine wesentlichen Aufgaben fokussieren und wieder näher am Patienten arbeiten. Mit der Entlastung geht eine spürbare Reduzierung der Überstunden und eine Normalisierung der Arbeitszeiten einher, was ebenfalls unmittelbar dem Patienten zugutekommt: Der Arzt kann seine täglichen Aufgaben mit der nötigen Ruhe und Konzentration in Angriff nehmen. Das entspricht dem, was Ärzte in Deutschland zu Recht mit immer größerem Nachdruck einfordern. Mit der Übernahme administrativer Tätigkeiten entlasten Physician Assistants auch die Pflegeberufe, die sich dadurch wieder verstärkt ihren Kernaufgaben widmen können. Die konkreten Aufgaben, die von den Medizinassistenten übernommen werden, verteilen sich auf unterschiedliche Bereiche, die den täglichen Kreislauf des Krankenhausbetriebes widerspiegeln. Sie bereiten die Erstanamnese vor, erarbeiten Verdachtsdiagnosen, unterstützen bei der Anamnese und nehmen unter Kontrolle des betreuenden Arztes auch körperliche Untersuchungen vor. Sie übernehmen kleinere Eingriffe, entnehmen Blut oder legen Verweilkanülen an und assistieren den Ärzten bei operativen Eingriffen. Sie rücken in eine zentrale Rolle bei organisatorischen und administrativen Aufgaben und sind für den wichtigen Bereich der medizinischen Dokumentation zuständig. Soft Skills sind in der Schnittstellenfunktion ebenfalls sehr gefragt: Physician Assistants sind die Kommunikationsstelle zwischen den Abteilungen und zwischen Abteilung und Patient. Aktuell kommen auch Aufgaben in der aktiven Beratung von Patienten und der Erstellung individueller Behandlungspläne hinzu

 

Akzeptanz nach praktischer Erfahrung

Die beruflichen Perspektiven sind für die Medizinassistenten sehr gut, fast alle Absolventen – ob nun primärqualifiziert oder nach berufsbegleitendem Studium – haben bereits gegen Ende des Studiums ihren künftigen Platz sicher. Das liegt vor allem daran, dass Kliniken nach ihren eigenen Erfahrungen während der Praktikumszeiten nicht mehr auf die Mitarbeit verzichten möchten. Studierende der Carl Remigius Medical School berichten, dass viele Häuser überrascht sind, wie viel sie bereits zu einem relativ frühen Zeitpunkt des Studiums beherrschen – neben der Theorie. Die Erfahrungen der Krankenhäuser hängen natürlich stark davon ab, wie gut sie selbst die Physician Assistants einbinden und wie die Delegation sowie Supervision seitens der Ärzte abläuft. Die Tätigkeitsbereiche des Physician Assistant sind aber nicht auf den stationären Bereich in einem klassischen Krankenhaus beschränkt. Denkbar ist auch eine Anstellung etwa in einer Rehabilitationsklinik oder im vor- und nachstationären Bereich. Nach skandinavischem Vorbild ist überdies die Funktion eines „Gemeinde-PA“ vorstellbar. Er könnte zur Entlastung des niedergelassenen Allgemeinarztes beitragen und so gerade in ländlichen Regionen den Fachkräftemangel lindern. Hier wären Aufgaben in der Anamnese- und Befunderhebung oder auch bei der ambulanten Wundversorgung zu übernehmen – immer in enger Abstimmung mit dem Arzt. Demografischer Wandel, Landflucht, rasanter technischer Fortschritt: Das Gesundheitswesen befindet sich schon inmitten bewegter Zeiten. An der besonderen Dynamik in der Branche wird sich so schnell auch nichts mehr ändern, und es sind Lösungen gefragt. Das Berufsbild Physician Assistant trägt mit der dringend erforderlichen Entlastung der Ärzte einen wesentlichen Teil zur Sicherstellung des aktuell noch hohen Niveaus der Patientenversorgung in Deutschland bei.

 

Entnommen aus MTA Dialog 5/2019