Gefährlicher Gendefekt

Tandem-OP an der Bauchspeicheldrüse

Die Abiturientin Lea-Renée und ihre Mutter Daniela Futterlieb, die beide an einer seltenen Form einer vererbbaren, chronischen Pankreatitis erkrankt waren, lassen sich im Evangelischen Klinikums Bethel an der Bauchspeicheldrüse operieren.

Tandem-OP

Daniela Futterlieb (44) und ihre Tochter Lea-Renée (19) freuen sich über ihre schnelle Genesung und Entlassung. Ihr Operateur, Prof. Jan Schulte am Esch, hat beim Foto-Shooting den nötigen Sicherheitsabstand eingehalten. | EvKB

Einträchtig und gut gelaunt sitzen sie auf der Bettkante in Zimmer 228 der Normalstation der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie des Evangelischen Klinikums Bethel (EvKB). Man sieht ihnen kaum an, dass sie beide vor acht beziehungsweise neun Tagen einen großen Baucheingriff hatten. Mutter und Tochter haben jetzt die gleiche 25 cm lange Narbe - aber dafür die Chance auf ein längeres Leben.

Bauchspeicheldrüsenkrebs ist besonders aggressiv und schwer behandelbar. Die Entdeckung wachstumsfördernder Genfusionen in den Tumoren eröffnet jetzt neue Therapieansätze – das konnten Wissenschaftler des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen (NCT) Dresden und des NCT Heidelberg zeigen.

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Seit sie 14 Jahre alt ist, hat Abiturientin Lea-Renée aus Bielefeld immer wieder starke Schmerzen in Oberbauch und Rücken, begleitet von Krämpfen und Erbrechen. Für ihre Mutter Daniela Futterlieb damals ein Alarmsignal. Sie weiß, was diese typischen Symptome bedeuten könnten: Ihr Vater ist im Alter von 62 Jahren, ihre Oma bereits mit 49 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorben: Ihr Bruder (heute 42) ist ebenfalls betroffen, hatte bereits mit 18 Jahren entzündliche Schübe der Bauchspeicheldrüse und infolgedessen krankhafte Veränderungen des Organs. Als bei Daniela Futterlieb 2015 aufgrund massiver Beschwerden die Gallenblase entfernt wird, entdeckt man im Rahmen der Diagnostik auch bei ihr Steine in Gallengang und Bauchspeicheldrüse. Auf Empfehlung wenden sich Mutter und Tochter an das Bauchzentrum Bielefeld im Evangelischen Klinikum Bethel. Hier werden Patienten mit Bauchspeicheldrüsenerkrankungen interdisziplinär betreut.

Das Organ verdaut sich selbst

Nach ausführlicher Diagnostik und genauer Erfragung der Familiengeschichte schickt Prof. Martin Krüger, Chef der Klinik für Innere Medizin und Gastroenterologie, die Patientinnen zur genetischen Beratung. Die genetische Analyse des Blutes bestätigt: Beide haben eine seltene Form einer vererbbaren, chronischen Pankreatitis (Bauchspeicheldrüsenentzündung). Eine Genmutation bringt dabei die Verdauungsenzyme der Bauchspeicheldrüse aus dem Gleichgewicht. Die mögliche Folge: Das Organ verdaut sich selbst, es vernarbt und verhärtet infolge der ständigen Entzündungen. Dies kann nicht nur zum Organausfall und damit zu Diabetes mellitus führen, sondern erhöht auch das Krebsrisiko massiv - auf circa 40 Prozent bis zum 70. Lebensjahr.

Die Therapieempfehlung bei dieser Erkrankung richtet sich immer individuell nach den klinischen Symptomen, dem Krankheitsverlauf und Zustand des Organs. Prof. Krüger und sein Kollege Prof. Jan Schulte am Esch, Chef der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie am EvKB, raten den Patientinnen zur OP, denn bei beiden ist die Bauchspeicheldrüse bereits deutlich geschädigt. „Uns war schnell klar, dass wir das zusammen durchstehen wollen und so haben wir den Termin für die ‚Tandem-OP‘ auf Ende Juni gelegt, damit Lea vorher das Abitur noch machen kann“, erzählt Daniela Futterlieb.

Organerhaltender Eingriff

Prof. Schulte am Esch kann den Eingriff organerhaltend durchführen - erst bei Tochter Lea, einen Tag später bei Mutter Daniela. „Um das Krebsrisiko zu reduzieren, muss man die chronische Entzündung aufhalten. Hierzu wird der Bauchspeicheldrüsenkopf entfernt, denn er ist der Motor der Erkrankung. Durch diesen komplexen Eingriff kann man den ersten Teil des Verdauungstraktes hinter dem Magen - den Zwölffingerdarm - und damit eine natürliche Magen-Darm-Passage erhalten“, erklärt der Bauchchirurg den Eingriff.

Zur Unterstützung der Verdauung müssen die Patientinnen nun lediglich täglich Enzyme einnehmen, weiterhin auf eine ausgewogene, fettarme Ernährung achten und auf Alkohol und Zigaretten verzichten, denn beides erhöht das Karzinomrisiko erheblich. Beide Frauen wollen ihre Reha - Ernährungsberatung und Physiotherapie - ambulant von zu Hause aus machen und Lea ist sicher, bis zum Ausbildungsbeginn zur Immobilienkauffrau Anfang August wieder topfit zu sein.

 
Quelle: EvKB, 31.07.2020