Interview

Sport in Zeiten von Corona

Im Interview erläutert Prof. Henning Wackerhage von der TU München die Wechselwirkungen zwischen Sport und Corona-Epidemie.

Henning Wackerhage, Professor für Sportbiologie an der Technischen Universität München (TUM)

Prof. Dr. Henning Wackerhage und sein Mitarbeiter Dr. Martin Schönfelder (am Mikroskop) | Andreas Heddergott/TUM

Für den Sport ist die aktuelle Corona-Epidemie die größte Herausforderung der letzten 100 Jahre. Henning Wackerhage, Professor für Sportbiologie an der Technischen Universität München (TUM), hat daher zusammen mit Kolleginnen und Kollegen der Universitäten Gießen, Glasgow, Hildesheim, Mainz und Padua sowie des Max-Planck-Instituts für Biochemie die Wechselwirkungen zwischen Sport und Corona-Pandemie analysiert. Im Interview erläutert er ausgewählte Ergebnisse der Untersuchung.

Keine Experimente mit der alten und chronisch kranken Bevölkerung

Das Coronavirus hat die Gesellschaften fest im Griff. Mit Hochdruck wird derzeit an dem Ausstiegskonzept aus dem Maßnahmenpaket zur sozialen Distanz gearbeitet. Alte und chronisch kranke Menschen sollen jedoch weiterhin zu Hause bleiben. Das EbM-Netzwerk fordert nachdrücklich eine Politik-unabhängige, prospektiv geplante Begleitforschung der Implikationen der verordneten Maßnahmen.

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Welche Rolle haben Sportveranstaltungen bei der Ausbreitung der Corona-Pandemie gespielt?
Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass Italiens Patient 1 sehr viele Menschen getroffen hat und, bevor er selbst erste Symptome bekam, bereits eine größere Anzahl Menschen in Bergamo angesteckt hatte. Auch die haben das Virus dann wohl bereits weitergegeben, und dann kam das große Ereignis, das erste Champions-League-Spiel des Vereins Atalanta Bergamo gegen den FC Valencia.

Die Menschen in Bergamo dachten damals noch, dass das SARS-CoV-2-Virus irgend so ein Virus in China sei. Bedenken gab es da kaum. Und es gab ja auch noch weitere Großereignisse, wie beispielsweise das Spiel FC Liverpool gegen Atlético Madrid. Alles Ereignisse wo 40, 50 oder 60.000 Menschen zusammenkamen. Unter den Zuschauern dürften sich viele angesteckt haben, und die haben dann das Virus mit nach Hause getragen und dort wieder andere infiziert.

Ganz ähnlich ist auch die Ausbreitung des Virus im Skiort Ischgl zu sehen: Dort haben sich auch viele Menschen angesteckt, und dann haben die Menschen das Virus zu Hause wieder weiter verbreitet. Es gab da am 29. Februar einen Flug nach Island mit 15 infizierten Personen, und von denen waren 14 in Ischgl zum Skifahren. Norwegen führte Mitte März 40 Prozent seiner Corona-Infektionen auf Ansteckungen in Österreich zurück. Auch in Bayern hat das Skifahren einiges zu den hohen Fallzahlen beigetragen.

Eine Vielzahl von Maßnahmen

Wie können solche Effekte in Zukunft vermieden werden?
Die Beispiele zeigen, dass Sportereignisse wesentlich dazu beigetragen haben, dass sich das Virus in Europa so stark verbreitet hat. Was lernen wir daraus? Besonders für internationale Sportereignisse, bei denen Menschen aus vielen Ländern zusammenkommen und danach wieder zurückreisen, ist das Risiko groß, dass man sich gegenseitig ansteckt und das Virus global verbreitet. Das ist jetzt natürlich ein großes Problem zum Beispiel für die Ausrichtung der Olympischen Spiele in Tokio.

Die entscheidenden Infektionswege sind Tröpfchen und Aerosole, und die Infektion über Oberflächen. Es gibt ja ganz viele verschiedene Facetten des Sports, wo verschiedene Infektionswege ein Problem sein können. Jetzt muss man sich für jede Sportaktivität gezielt überlegen: Wie kann ich hier Infektionen vermeiden?

Um Fußballstadien wieder öffnen zu können, braucht es eine Vielzahl von Maßnahmen, beispielsweise die sichere Einhaltung von Abständen, möglicherweise Gesichtsmasken gegen Tröpfchen, Desinfektion von Geländern, Schutzmaßnahmen beim Catering und Social Distancing bei der Anreise. Geisterspiele ohne Zuschauer sind da natürlich eine relativ sichere Lösung.