Schlafhygiene

So schädlich ist Schichtarbeit

Immer mehr Menschen arbeiten im Schichtdienst. Das setzt den Körper einem Dauerstress aus, der gesundheitsschädlich ist. Schlafexpertin Thea Herold verrät, was Schichtarbeitende, aber auch Unternehmen und Gesellschaft tun können, um die Situation zu verbessern.

Schichtarbeit

Ein Drittel des Tages sollte dem Schlaf gehören. | Franz Pflügl - Fotolia

Sie operieren oder pflegen Kranke, sie löschen Feuer, jagen Verbrecher oder bewachen Gebäude: Die Zahl der Schichtarbeitenden wächst stetig. Inzwischen arbeitet jeder sechste Arbeitnehmer im Wechseldienst. Doch das Leben in Schichten läuft der inneren Uhr zuwider und schadet deshalb massiv der Gesundheit. „Man muss wach sein, wenn der Körper schlafen will. Man soll schlafen, wenn der Körper wach sein möchte. Das ist paradox und definitiv gesundheitsschädlich“, sagt Thea Herold vom Team der Schlafakademie Berlin und Gründungsmitglied von „Deutschland schläft gesund“. Denn der Körper ist auf den natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus eingestellt: „Mit der anbrechenden Dunkelheit senkt sich unsere Körpertemperatur, der ganze biochemische Haushalt arbeitet daran, den Körper für die Nacht bereit zu machen. Und am Morgen sorgen Stoffe wie Dopamin, Adrenalin und Serotonin dafür, dass wir wach werden und die Aktivitäten des Tages bewältigen können.“

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Der Schlaf am Tag ist nicht so tief und damit weniger erholsam als nächtlicher Schlaf. Drei Punkte schlagen dabei auf die Gesundheit:

  1. Regeneration findet nicht in ausreichendem Maße statt.
  2. Das Immunsystem, das nachts immense Arbeit leistet, indem es unter anderem vor Viren und Bakterien schützt, kann nicht optimal arbeiten.
  3. Auch auf neurologischer Ebene fehlt die Erholung: Denn während des Schlafens konsolidiert sich das Gedächtnis, Neues wird verankert, Wiederholtes mit neuem Wissen verknüpft, die Neuroplastizität, also die Anpassungsfähigkeit ganzer Hirnareale, wird gestärkt. Ist der Schlaf nicht erholsam, wird auch diese Funktion geschwächt.

In der Folge können Ein- und Durschlafstörungen auftreten, Magen-Darm-Beschwerden, Konzentrationsschwäche, gedrückte Stimmung und – ganz einfach – dauernde Müdigkeit.

Ob und wie stark die Beschwerden auftreten, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Dabei spielt auch der individuelle Chronotyp eine Rolle. Unterschieden wird zwischen Abendtyp (Eule), Neutraltyp (das sind die meisten) und Morgentyp (Lerche). Je nachdem, zu welcher Kategorie eine Person gehört, fällt ihr die eine oder andere Schicht leichter oder schwerer. Eine Lerche wird also mit der Frühschicht besser zurechtkommen als die Eule, denn die steht quasi in ihrer biologischen Nacht auf, um pünktlich zum Dienst zu erscheinen. „Schlaf ist sehr individuell, und so sind auch unsere Reaktionen auf Schichtarbeit“, erklärt Herold. Nur eines ist klar: „Gewöhnen“ kann man sich nicht an die Schichtarbeit.

Was Arbeitgeber für Schichtarbeitende tun können

Allerdings können die negativen Auswirkungen auf die Gesundheit der Beschäftigten gelindert werden. Was hilft:

  1. Vorwärtsrotation im Schichtplan, also Frühschicht – Spätschicht – Nachtschicht und nicht andersherum
  2. Schichtpläne mit längeren Freizeiten am Stück, regelmäßig zwei Tage frei
  3. Ein Pausenraum mit Sofa und eine Unternehmenskultur, die den kurzen Schlaf (15 Minuten) zwischendurch fördert
  4. Individuelle Schichtpläne: Der eine verträgt es, eine ganze Woche die gleiche Schicht zu arbeiten, für den Kollegen oder die Kollegin ist der Schichtwechsel nach drei Tagen besser.

Was Arbeitnehmer mit Schichtarbeit tun können

„Für Menschen in Schichtarbeit sind die Ratschläge aus der Schlafhygiene ganz besonders wichtig“, sagt Thea Herold. Dazu gehört:

  1. Optimale Schlafumgebung schaffen: Zimmer verdunkeln, Telefon abschalten, mit der Familie besprechen, dass man ungestört bleibt
  2. Gesunde Ernährung
  3. Einen Ausgleich schaffen: Wer eine sitzende Tätigkeit hat, braucht einen körperlichen Ausgleich. Wer hingegen körperlich anstrengende Tätigkeiten ausübt, benötigt in seiner Freizeit Ruhe, Entspannung und geistigen Ausgleich.
  4. Die sozialen Kontakte organisieren. „Schichtarbeiter sind oft außen vor“, sagt Thea Herold und beschreibt: „Die Geburtstagsfeier beginnt um 19 Uhr, aber meine Schicht fängt um 22 Uhr an. Oder: Man kommt von der zweiten Schicht, wenn die Gäste gerade weg sind.“ Aber Thea Herold weiß aus vielen Gesprächen: Erfahrene Schichtarbeiter sind sehr gut darin, sich mit Familien und Freundeskreis abzustimmen.

Die Schlafexpertin wünscht sich außerdem gesellschaftlich mehr Wertschätzung für schichtarbeitende Menschen und eine Debatte darüber, wo Schichten wirklich nötig sind. „Natürlich muss in Krankenhäusern, bei der Feuerwehr, in der Industrie, im Verkehrswesen und an einigen Orten rund um die Uhr gearbeitet werden.“ Aber angesichts von immer mehr Angeboten rund um die Uhr erinnert Thea Herold: „Uns ist in die Wiege gelegt, dass wir in zwei Dritteln des Tages alles tun können, wozu es uns drängt. Aber ein Drittel gehört dem Schlaf. Wir brauchen diese Zeit um uns zu erholen, um das Erlebte zu verarbeiten und um gesund zu bleiben.“


Quelle: Deutschland schläft gesund e. V.“, 13.06.2019