Ansatzpunkte zur therapeutischen Intervention?

SARS-CoV-2: Kryo-Elektronentomografie bietet Blick auf das Virus

Forscher/-innen des Zentrums für Infektiologie am Universitätsklinikum Heidelberg untersuchten die Struktur und Vervielfältigung des Coronavirus SARS-CoV-2 mit Hilfe von Kryo-Elektronentomografie. Damit lassen sich eventuell Ansatzpunkte zur therapeutischen Intervention finden.

Kryo-Elektronenmikroskop

Die mit Kryo-Elektronenmikroskopen entstandenen Aufnahmen zeigen Details von mit SARS-CoV-2 infizierten Zellen, aus denen 3D-Darstellungen am Computer generiert wurden. Unten: Replikationsorganell, in dem das virale Genom vermehrt wird. | Universitätsklinikum Heidelberg

Die Wissenschaftler/-innen konnten vom Virus hervorgerufene Veränderungen zellulärer Membranen und Organellen beschreiben, die für seine effektive Vervielfältigung entscheidend sind. Die Ergebnisse der detaillierten molekularen Analysen der viralen RNA und einzelner Schritte der Virusvermehrung wurden in einer aktuellen Veröffentlichung beschrieben [1].

Früher Start mit detaillierten molekularen Untersuchungen

Das Coronavirus SARS-CoV-2 ist seit Anfang 2020 als Auslöser der COVID-19-Pandemie bekannt. Seitdem arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Nachdruck an der Frage, wie das Virus die infizierten Zellen verändert, um eine effektive Vermehrung zu erreichen. „Unsere Gruppe untersucht schon länger molekulare Strukturen im Zusammenhang mit Virusinfektionen wie Influenza A und Ebola. Dank unserer Expertise in hochauflösender Kryo-Elektronentomografie, der exzellenten Mikroskope und der guten Zusammenarbeit am Zentrum für Infektiologie konnten wir gleich zu Beginn der Corona-Pandemie mit detaillierten molekularen Untersuchungen zu SARS-CoV-2 starten“, sagt Dr. Petr Chlanda, Forschungsgruppenleiter in der Abteilung Virologie des Zentrums für Infektiologie am Universitätsklinikum Heidelberg.

Bildung sogenannter Replikationsorganellen

Wie auch andere Mitglieder der Familie der Coronaviren, beispielsweise SARS-CoV-1 und MERS-CoV, vermehrt sich SARS-CoV-2 im Zellinneren der infizierten Zellen und baut diese hierfür um. Die Viren induzieren die Bildung sogenannter Replikationsorganellen, das heißt von einer Doppelmembran umgebene Kammern, die für die effektive Vervielfältigung des Virusgenoms eingesetzt werden. Mittels Virusproteinen, sogenannten viralen Ribonukleoproteinen (vRNPs), wird das Virusgenom dann im Cytosol (der „Zellflüssigkeit“) verpackt. Dabei bilden die vRNPs zylindrische Komplexe, in denen die ungewöhnlich lange RNA des Virusgenoms verstaut werden kann. Die Replikationsorganellen liegen in Nachbarschaft zum Golgi-Apparat der Zellen, über den die neugebildeten Viren aus den Zellen ausgeschleust werden.

Vermehrung kann schnell ablaufen

Die Doppelmembran der Replikationsorganellen wird sehr schnell nach Infektion der Zellen aus Membranen des Endoplasmatischen Retikulums gebildet, einem Kanalsystem, das die Zellen auch ohne Virusinfektion zur Proteinsynthese nutzen. Durch deren Umbau hat die virale RNA einen eigenen Raum, in dem notwendige Faktoren für ihre Replikation konzentriert sind und die Vermehrung sehr schnell ablaufen kann. „Die Bildung der Replikationsorganellen bietet dem Virus aber nicht nur optimale Bedingungen zur Vervielfältigung des viralen Genoms, sondern möglicherweise auch Schutz vor Angriffen durch das Immunsystem“, sagt Petr Chlanda.

Teil der 3D-Struktur von Apoferritin

Die Kryoelektronenmikroskopie hat in den vergangenen Jahren entscheidend an Bedeutung gewonnen. Mit einem Standard-Kryoelektronenmikroskop erzielten Biochemiker der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) erstaunlich gute Aufnahmen, die nach eigenen Angaben mit denen weit teurerer Geräte mithalten können.

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Infizierte Zellen chemisch inaktiviert und schockgefroren

Für die Untersuchungen nutzen die Heidelberger Wissenschaftler virus-infizierte Zelllinien eines Partnerlabors der Abteilung. Die infizierten Zellen werden unter Beachtung der Biosicherheit im S3-Labor chemisch inaktiviert und schockgefroren, sodass die Analysen an quasi-unveränderten, aber nicht infektiösen Viruspartikeln durchgeführt werden können. Damit lassen sich Analysen gefahrlos durchführen und zeigen trotzdem den realistischen Zustand der Viren, was bei anderer Behandlung der Proben nicht unbedingt der Fall wäre.

200 Nanometer dünne Schichten untersuchen

Mithilfe von Kryo-Elektronentomografie und Einsatz eines fokussierten Ionenstrahls (FIB, focussed ion beam) lassen sich 200 Nanometer dünne Schichten der virus-infizierten Zellen untersuchen und anhand von Bildverarbeitung 3-D-Bilder rekonstruieren. Damit können Strukturen mit höchster Auflösung und Präzision auf molekularer Ebene untersucht werden. Neben der aktuellen Veröffentlichung wurde auch ein Video der Arbeitsgruppe zur Knospung der Viren in einem Online-Artikel der „New York Times“ veröffentlicht.

Chlandas Arbeitsgruppe ist Teil des vor rund zwei Jahren etablierten Netzwerks „Cryo-EM Network of Heidelberg University“, in dem Kryo-Elektronenmikroskope institutsübergreifend genutzt werden können. „Im Netzwerk wollen wir durch Kooperation die Kompetenzen der Universität Heidelberg stärken und die Studentenausbildung in Kryo-Elektronentomografie verbessern“, sagt Dr. Petr Chlanda.

Möglicherweise Ansatzpunkte zur therapeutischen Intervention

Eine der weiterführenden Fragen der Forscher/innen wird sein, welche Proteine genau an der Bildung der Doppelmembranstrukturen beteiligt sind. „Wenn dies besser verstanden wird, ließen sich hier möglicherweise Ansatzpunkte zur therapeutischen Intervention finden“, sagt Petr Chlanda. Seine Arbeiten sind komplementär zu Analysen des kooperierenden Labors von Prof. Dr. Ralf Bartenschlager (Leiter der Abteilung Molekulare Virologie am Zentrum für Infektiologie). Dieser nutzt als bildgebende Methode unter anderem die Elektronenmikroskopie und veröffentlichte aktuell [2] Ergebnisse zur Frage, wie das Virus und die infizierte Zelle (der Wirt) miteinander interagieren und welche großen zellulären Veränderungen hierdurch auftreten. Beide Arbeiten zeigen auf ihre Weise und mit unterschiedlichen Methoden, wie sich das Virus in der Zelle vermehrt, bevor es zur weiteren Verbreitung freigesetzt wird.

 

Literatur:


1. Klein S, Cortese M, Winter SL, et al.: SARS-CoV-2 structure and replication characterized by in situ cryo-electron tomography. Nat Commun 11, 5885 (2020), DOI: doi.org/10.1038/s41467-020-19619-7.

2. Cortese M, Lee J-Y, Cerikan B, et al.: Integrative Imaging Reveals SARS-CoV-2-Induced Reshaping of Subcellular Morphologies. Cell Host & Microbe 28, December 9, 2020, 853–866, DOI: doi.org/10.1016/j.chom.2020.11.003 ll.

 

Quelle: idw/Universitätsklinikum Heidelberg