Paul-Ehrlich-Institut

Rötelndiagnostik – Tests auf dem Prüfstand

Eine internationale Expertengruppe hat den bisher verwendeten Internationalen Standard für die Diagnostik von Röteln unter die Lupe genommen. Über die Ergebnisse berichtet The Lancet Infectious Diseases.

Röteln

Eine besondere Gefahr stellt eine Rötelninfektion während einer Schwangerschaft dar. Eine mögliche Folge einer Infektion des ungeborenen Kindes ist zum Beispiel eine angeborene Trübung der Augenlinsen. | CDC/Wikimedia

Im Auftrag der WHO und unter Leitung von PD Dr. Micha Nübling, von 2015 bis 2018 für die WHO in Genf tätig und seit 2018 Leiter der Abteilung Grundsatzfragen des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), hat sich eine internationale Expertengruppe mit den diagnostischen Tests für Röteln befasst. "Wir müssen kontinuierlich hinterfragen, ob etablierte Ansätze der biologischen Standardisierung auch für neue diagnostische Entwicklungen ausreichen, die Eignung der WHO-Referenzpräparate muss bei neuen Tests immer wieder überprüft und bestätigt werden", erläutert PD Dr. Micha Nübling.

Die Infektion mit dem Rötelnvirus ist bei Schwangeren ohne ausreichenden Immunschutz sehr gefürchtet, da das Virus bei dem noch ungeborenen Kind zu schweren Schädigungen führen kann (Rötelnembryopathie). Der Immunschutz gegen Röteln beruht auf Antikörpern, die das Immunsystem aufgrund einer früher durchgemachten Infektion oder einer Impfung entwickelt.

Für die Messung der schützenden Antikörper wurden lange sogenannte Neutralisationstests eingesetzt, bei denen die Menge der neutralisierenden Antikörper bestimmt wurde. Diese Testsysteme wurden mit einem Antikörperstandard der WHO kalibriert. Ein vorhandener Immunschutz wurde mit einem unteren Grenzwert an neutralisierenden Antikörpern (10 IU/ml) gleichgesetzt. Jungen Frauen ohne ausreichende Menge neutralisierender Antikörper, fachlich als schützender Titer bezeichnet, wurde dringend eine Impfung gegen Röteln empfohlen, um bei einer Schwangerschaft geschützt zu sein.

Expertengruppe erarbeitete Empfehlungen

Die Neutralisationstests wurden inzwischen von einer Vielzahl weiterer Testmethoden abgelöst, mit denen alle gegen das Rötelnvirus gerichteten Antikörper nachgewiesen werden, nicht nur die neutralisierenden Antikörper. Dies illustriert, dass unterschiedliche Tests jeweils ein etwas anderes Spektrum der gegen das Virus gerichteten Antikörper erkennen können, wodurch die "Eichung" der unterschiedlichen Tests mit einem einzigen Antikörperpräparat nicht mehr so einfach möglich ist: Unterschiedliche Tests können für ein und dasselbe Serum zu verschiedenen Ergebnissen führen, was im Einzelfall verheerende Konsequenzen wie beispielsweise die fälschlicherweise ausgesprochene Empfehlung zum Schwangerschaftsabbruch haben kann.

Die Expertengruppe erarbeitete aus diesem Grund Empfehlungen sowohl für den künftig eingeschränkten Einsatz des WHO-Referenzpräparats als auch für die Interpretation von Ergebnissen für die heutigen Rötelntests. Die Expertengruppe empfiehlt zudem eine kritische Überprüfung des Grenzwertes für Immunschutz. Dies wird manchen jungen Frauen mit niedrigen Antikörperwerten eine möglicherweise unnötige Impfung oder frisch infizierten Schwangeren ohne vermeintlichen Antikörperschutz einen Schwangerschaftsabbruch ersparen. Den Empfehlungen folgte das WHO-Expertenkomittee für biologische Standardisierung.

 

Originalpublikation

Kempster SL, Almond N, Dimech W, Grangeot-Keros L, Huzly D, Icenogle J, Sittana El Mubarak H, Mulders MN, Nübling M (2019): WHO international standard for anti-rubella: learning from its application.
Lancet Infect Dis Sep 06 [Epub ahead of print].

 





Angeborene Trübung der Augenlinsen bei Rötelnembryofetopathie