Aus der Industrie

Roche-Tage 2020 zur Digitalisierung

Am 24.11. fanden die diesjährigen Roche-Tage zum ersten Mal ausschließlich digital statt. Das Symposium „Diagnostik im Dialog LIVE“ wurde von Geschäftsführer Roche Diagnostics Deutschland, Christian Paetzke, eröffnet, der angesichts der Corona-Krise gleich ein großes Dankeschön an alle Mitarbeiter in den Laboren aussprach.

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Roche in Mannheim | Roche

Prof. Dr. Herbert Rebscher, Geschäftsführer von I|G|V RESEARCH – Institut für Gesundheitsökonomie und Versorgungsforschung, war Schirmherr der Veranstaltung. Er führte in das Thema der ersten Session „Digitalisierung im Gesundheitswesen: Wie verändern neue Technologien die Zusammenarbeit der Akteure?“ ein.

Die Keynote Lecture kam von Prof. Dr. Jörg F. Debatin, Chairman des Health Innovation Hub (hih) des Gesundheitsministeriums (Think Tank des BMG zum Thema Digitalisierung). Er ging auf neue Entwicklungen wie die Corona-Warn-App oder auch die RKI-Datenspende-App sowie die Zunahme der Videosprechstunden in der Krise ein. Ein ganz wichtiges Instrument sei auch das DIVI-Intensivregister, das in der Krise auf die Beine gestellt wurde. Letztlich betonte er in seinem Kurzvortrag, dass die Digitalisierung kein Selbstzweck sein sollte, sondern im Dienste des Patienten stehe. Er ging auch auf eine Reihe von Gesetzesinitiativen ein, die sich mit digitalen Inhalten beschäftigen (u.a. ePA).

Haken und Ösen seien normal

In der sich anschließenden Podiums- und Plenumsdiskussion begann Dr. Michael Müller, 1. Vorstandsvorsitzender beim ALM e.V., mit der Sichtweise der Akkreditierten Labore. Digitalisierung, KI, Algorithmen hätten in den Laboratorien schon lange Fuß gefasst. Auch führe der Fachkräftemangel dazu, dass mehr Technologie eingesetzt werde. Es sei wichtig, die Standardisierung und Strukturierung von Daten voranzutreiben. Trotz aller Kritik nannte er z.B. die Corona-Warn-App oder die „Wiederentdeckung“ von DEMIS positive Beispiele. Dass es dabei Haken und Ösen gebe, sei normal.

Dr. Andreas Bobrowski, Vorsitzender des Berufsverbandes Deutscher Laborärzte (BDL), ging in seinem Kurzvortrag auf hemmende Faktoren der Digitalisierung wie z.B. die fehlende Standardisierung oder veraltete Technik ein. So sei man in einigen Bereichen in der Corona-Krise wieder auf das Papierformat zurückgegangen. Bobrowski erwähnte in seinem Vortrag aber auch die treibenden Faktoren wie z.B. Notfalldatenmanagement, elektronische Medikationspläne oder Online-Fallbesprechungen. Allerdings brauche man z.B. europäische Cloudlösungen zur Akzeptanz.

Mitarbeiter nicht vergessen

Dr. med. Markus Thalheimer, Leiter Qualitätsmanagement / Medizincontrolling an der Uniklinik Heidelberg, betonte, dass Corona die Digitalisierung auch im Krankenhaus nach vorne katapultiert habe. Doch er legte Wert auf die Feststellung, dass die eigenen Mitarbeiter nicht vergessen werden dürften. Digitalisierung bedeute auch Restrukturierung. So müssten in seinem Bereich durch die Einführung des LE-Portals (Leistungserbringerportal des MDK) für fünf Mitarbeiter neue Arbeitsfelder gesucht werden. Und z.B. durch das Ausrollen der Spracherkennung für alle Ärzte (für z.B. Arztbriefe, Befunde) würden 60 Mitarbeiter und Externe freigesetzt. Die Digitalisierung werde zu Verwerfungen führen, man müsse deshalb aufpassen, die Mitarbeiter an Bord zu behalten und mitzunehmen. Digitalisierung bedeute auch im Gesundheitswesen einen hohen Aufwand an Umschulung, Qualifizierung und Reorganisation. Rebscher wollte in diesem Zusammenhang jedoch das Wort Disruption nicht verwenden, es gehe um schrittweise Einführungen, man sei in Schritten unterwegs. Aber es seien teilweise neue Geschäftsmodelle nötig.

Dr. Martin Kluxen, Leiter Kompetenzzentrum Medizin beim Verband der Ersatzkassen, fasste die Sichtweise der Kostenträger zusammen. Mit Blick auf die Systemebene gebe es Impulse aus drei Bereichen: KI, Big Data und Robotik. Es gebe neue große Tech-Player und somit könnte eine neue Klasse von Leistungserbringern entstehen. Dabei gehe es auch um die Frage, wer dann die Bewertung von Nutzen und Schaden übernehme und ob im internationalen digitalen Kontext die bisherige GKV-Finanzierung noch funktioniere. Es müssten in diesem Umfeld die neuen Big Data-, KI-Konzepte diskutiert und bewertet werden. Allerdings dürfte durch die Datenmasse der wissenschaftliche Standard nicht untergraben werden. Korrelationen seien eben kein Beweis für Kausalität. Es sei zudem zwingend erforderlich, die digitale Gesundheitskompetenz und Patientensicherheit zu stärken. In der Diskussionsrunde betonte auch Debatin, dass Evidenz und Nutzen entscheidend seien. Ohne einen Nutzen werde es nicht angewendet.

Zweite Session

In der zweiten Session ging es um die Frage: „Welche Chancen und Herausforderungen birgt die digitale Transformation medizinischer Labore? Welche zukünftigen Geschäftsmodelle versprechen Erfolg?“ Die Keynote Lecture kam von Dr. Jean-Luc Dourson aus Luxembourg (BioneXt LAB), der ein interessantes patientenzentriertes Modell aus seinem Land vorstellte (myLAB), bei dem alle Gesundheitsbereiche, auch die Prävention, miteinander verknüpft werden sollen. Außerdem soll der Patient im System visuelle und interaktive Berichte erhalten sowie die Biomarker erklärt bekommen. Dourson betonte, wie wichtig der Datenschutz in solch einem System sei. Man habe deshalb keine Cloud sondern eigene Server.

In der sich anschließenden Diskussion gab Prof. Dr. Paul Cullen, Geschäftsführer MVZ Labor Münster, zu bedenken, dass durch die Strukturen hierzulande die Labore i.d.R. nicht direkt mit den Patienten interagieren. Die Labore müssten aber eine größere Rolle spielen als Mittler. Auch Prof. Dr. Bertram Häussler, Leiter der IGES Gruppe, bestätigte, dass die Kostenträger in Deutschland seit Jahren daran interessiert seien, ein patientenzentriertes System aufzubauen. Allerdings würden aus seiner Sicht die Kostenträger bei präventiven Ansätzen nicht so einfach mitgehen. Für Nina Beikert (Geschäftsführerin Labor Berlin – Charité Vivantes GmbH, Labor Berlin – Charité Vivantes Services GmbH) sei es wichtig, eine Standardisierung hinzubekommen. Gesundheitsdaten müssten portabel sein. Auch müsse man Befunde anders gestalten, wenn man mit Patienten in Kontakt trete. Dies sei aber eine tolle Herausforderung.

In der dritten Session der Roche-Tage 2020 ging es dann um das Thema „Smart Hospital: Wie ändert sich die Behandlung von Patienten im digitalen Krankenhaus?“