Dialog

Rettungssanitäter findet sein Glück in der Schweiz

Darf ich vorstellen?
Hans-Joachim Thiel
Schweiz als Alternative?
Schweiz als Alternative? H.-J. Thiel
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Michael (eigentlich heißt er nicht so, aber er möchte nicht als Abwerber dastehen, und deshalb wurde der Name geändert und auch auf ein Foto von ihm verzichtet), 24 Jahre jung und glücklich.

Ja, er fühle sich in der Schweiz sehr wohl, er habe beruflich und privat seine „Scholle“ und sein Glück gefunden. Schon nach den ersten Sätzen merke ich, dass er nach den zwei  Jahren in unserem südlichen Nachbarland für meine Begriffe ein nahezu perfektes Schwiizerdütsch spricht. Er hat gerade Kollegen der Rettung Sankt Gallen zu Besuch und ihrer Unterhaltung kann ich kaum folgen, nur Fragmente verstehen.

Na ja, er würde dann im weiteren Interview Rücksicht auf mich nehmen und seinen sanften schwäbischen Dialekt vorziehen, erklärt er mir augenzwinkernd. Vielleicht galt dieser Blick aber auch seiner bezaubernden Freundin, einer Schweizerin, die zum Glück für mich auch Hochdeutsch sprechen kann und uns ein Erfrischungsgetränk bringt. Sie macht gerade einen fortführenden Studiengang für „Medizinalfachberufe (Bachelor of Arts)“, der eine abgeschlossene Berufsausbildung im Gesundheitswesen voraussetzt.

Neue berufliche Herausforderung in der Schweiz

Michael hatte das Gymnasium nach der 10. Klasse beendet. Schon während der Schulzeit hatte er sich ehrenamtlich beim THW engagiert und bei dieser Tätigkeit entschieden, eine Ausbildung zum Rettungssanitäter zu machen. Der heißt eigentlich Rettungsassistent und seit dem 01.01.2014 Notfallsanitäter. Die zweijährige Ausbildung absolvierte er im Südschwarzwald und arbeitete danach in der Region nach erfolgreichem Abschluss. Die extreme Arbeitsbelastung und die Vergütung, die aus seiner Sicht nicht wirklich in einem vernünftigem Verhältnis standen, führten zu dem Entschluss, sich einer neuen beruflichen Herausforderung in der Schweiz zu stellen.

Nochmals die Schulbank drücken

Das bedeutete aber auch, zunächst noch einmal neben der Berufstätigkeit die Schulbank zu drücken, um den geforderten Diplomlehrgang an der Höheren Fachschule für Rettungsberufe erfolgreich zu bestehen. Die Alternative wäre nur die Rückkehr nach Deutschland gewesen, da der erfolgreiche Abschluss die Voraussetzung für sein weiteres Berufsleben in der Schweiz war.

„Ja, das war ziemlich heftig“, gab er zu, „aber auch ein Wink des Himmels“, denn da habe er seine jetzige Freundin kennengelernt. Und schon allein deswegen habe sich der Wechsel gelohnt.

Von seiner Tätigkeit in der Leitstelle der Rettung Sankt Gallen, die er vor wenigen Wochen nach fast zweijähriger Arbeit auf einem Rettungswagen begonnen hat, spricht er voller Stolz und mit tiefer Befriedigung. Sie seien der Notrufzentrale der Kantonspolizei beigeordnet, so können z. B. bei Verkehrsunfällen die Rettungseinsätze gemeinsam koordiniert werden. Die Zentrale sei für vier Kantone zuständig und die Rettung St. Gallen eine der größten rettungsdienstlichen Organisationen der Schweiz. Es werden mit insgesamt elf Stützpunkten rund 1.800 km² in vier Kantonen abgedeckt und drei Spitalverbunde (Sankt Gallen, dem Verbund Rheintal Werdenberg Sarganserland und Fürstenland Toggenburg)  versorgt. Etwa 160 Mitarbeiter garantieren eine reibungslose Koordination von rund 15.000 Primäreinsätzen im Jahr. Die geforderte Maximalreaktionszeit von 5 s nach eingehendem Notruf werde mit durchschnittlich 2 s deutlich unterboten. 90 % der lebensbedrohlichen Notfälle erreicht die Rettungsstelle mit dem Prinzip der „nächsten Fahrzeug-Strategie“ innerhalb von maximal 15 Minuten. Das werde durch ein dichtes Netz dezentraler Stützpunkte möglich.

St. Gallen, der Name stammt vom Wandermönch Gallus, ging aus dem 720 gegründeten Kloster hervor und entwickelte sich im 10. Jahrhundert zu einer Stadt. Heute beherbergt sie etwa 80.000 Einwohner und ist das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum der Ostschweiz. Landschaftlich reizvoll am Bodensee gelegen, sind die Stiftskirche und die Stiftsbibliothek in die Liste des Weltkulturerbe aufgenommen.

Wir gehen auf die Terrasse der Wohnung, die im obersten Stock eines neu gebauten Mehrfamilienhauses am Rand von Herisau liegt, und genießen den Ausblick auf die sanften Hügel des Appenzeller Lands. Neben mir steht Michael, 24 Jahre jung und glücklich.

Hans-Joachim Thiel
MedienServiceMedizin
Birenbach

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