InfektionskrankheitenMedizin

Polio: Public Health Response der CDC

Ausbruch in New York
lz
Polio in New York
Weitere Untersuchungen zum Fall in New York. © Feng Yu, stock.adobe.com
Newsletter­anmeldung

Bleiben Sie auf dem Laufenden. Der MTA-Dialog-Newsletter informiert Sie jede Woche kostenfrei über die wichtigsten Branchen-News, aktuelle Themen und die neusten Stellenangebote..


Für viel Aufsehen hatte die Nachricht gesorgt, dass Poliovirus Typ 2 in Stuhlproben eines ungeimpften, immunkompetenten jungen Erwachsenen aus Rockland County, New York, nachgewiesen worden war.

Inzwischen hat die CDC den Fall weiter untersucht und einen ersten Bericht veröffentlicht. Am 18. Juli 2022 benachrichtigte das New York State Department of Health (NYSDOH) die CDC über den Nachweis von Poliovirus Typ 2 in Stuhlproben eines ungeimpften, immunkompetenten jungen Erwachsenen aus Rockland County, New York, der unter akuter Schwäche litt. Der Patient hatte anfänglich Fieber, Nackensteifigkeit, Magen-Darm-Symptome und Gliederschwäche. Er wurde mit Verdacht auf mögliche akute schlaffe Myelitis (AFM) ins Krankenhaus eingeliefert. Das aus dem Impfstoff stammende Poliovirus Typ 2 (VDPV2) wurde in Stuhlproben nachgewiesen, die an den Tagen elf und zwölf nach Beginn der ersten Symptome entnommen wurden. Bisher wurden verwandte Sabin-ähnliche Typ-2-Polioviren im Abwasser im Wohnbezirk des Patienten und im benachbarten Orange County bis zu 25 Tage vor (aus Proben, die ursprünglich für die SARS-CoV-2-Abwasserüberwachung gesammelt wurden) und 41 Tage nach nachgewiesenem Symptombeginn des Patienten gefunden. Daraus lässt sich schließen, dass dieser Erreger bereits länger in der Region zirkulierte und vermutlich eingeschleppt wurde. Der Patient war nicht gegen Polio geimpft.

Entlassung in Reha

Das CDC betont, dass der Patient 16 Tage nach Beginn der Symptome mit anhaltender Schwäche der unteren Extremitäten in eine Rehabilitationseinrichtung entlassen worden war. Ein kombinierter Nasopharynx-/Oropharynx-Abstrich und eine Cerebrospinalflüssigkeitsprobe seien mit RT-PCR-Tests auf Enteroviren und humanes Parechovirus sowie für eine Reihe von häufigen respiratorischen Pathogenen und enzephalitischen Viren negativ ausgefallen. RT-PCR und Sequenzierung einer Stuhlprobe durch das NYSDOH-Labor identifizierten schließlich Poliovirus Typ 2. Die Proben wurden zudem bei den CDC mit RT-PCR und Sequenzierung untersucht. Dadurch wurde das Vorhandensein von Poliovirus Typ 2 in beiden Stuhlproben bestätigt. Eine zusätzliche Sequenzierung identifizierte das Virus als VDPV2 (vaccine derived poliovirus), das sich vom Impfstamm Sabin 2 durch 10 Nukleotidveränderungen in der Region, die das virale Kapsidprotein VP1 kodiert, unterscheidet. Der Ort der Übertragung ist laut CDC unbekannt. Die Herkunft des VDPV2 ist ebenfalls weiterhin unbekannt. Gensequenzierungen hatten jedoch gezeigt, dass es eine Verbindung zu Viren gibt, die im Abwasser in Israel und UK gefunden wurden. Bis zum 10.8.2022 wurde laut CDC kein weiterer Polio-Fall identifiziert. Dennoch gebe es weiterhin ein anhaltendes Risiko für Paralyse bei ungeimpften Personen.

Prof. Dr. Fred Zepp, ehem. Direktor des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin sowie Leiter der Arbeitsgruppe Immunologie & Infektiologie, Universitätsmedizin Mainz und Mitglied der Ständigen Impfkommission (Stiko) erläutert: „Seit Februar dieses Jahres wurden in England, vor allem in der Region London, Polioviren in Abwasserproben identifiziert. Dabei wurden vom Polio Impfstoff Typ-2 abgeleitete Viren, sogenannte Vaccine derived Poliovirus 2 (VDPV2) nachgewiesen. Schon lange ist bekannt, dass neben den Polio-Wildtypviren auch Polio-Impfviren mutieren und insbesondere bei immunologisch gefährdeten Menschen eine Poliomyelitis auslösen können. In den vergangenen Jahren sind in verschiedenen Regionen der Welt Infektionen durch Polio-2-Viren aufgetreten. Dabei hat es sich jedoch nicht um Infektionen durch das Wildtypvirus, sondern immer um Impfstoff-assoziierte Polio-2-Viren gehandelt…“

USA eigentlich poliofrei

Der letzte Fall von Polio in den USA, der durch das Polio-Wildvirus verursacht wurde, ereignete sich 1979. Eigentlich wurde die WHO-Region Amerika 1994 für poliofrei erklärt. Das Auftreten dieses neuerlichen Falls, kombiniert mit der Identifizierung des Poliovirus im Abwasser im benachbarten Orange County, unterstreicht laut CDC die Bedeutung der Aufrechterhaltung einer hohen Impfquote, um paralytisches Polio bei Personen jeden Alters zu verhindern.

Abwasseruntersuchungen auch in Deutschland?

Nach diesen Fällen stellt sich natürlich die Frage, ob auch Polioviren im Abwasser in Deutschland gefunden werden können und ob Abwasserproben hierzulande überhaupt regelmäßig auf das Vorkommen von Polioviren untersucht werden. Dr. Sabine Diedrich, die Leiterin des Nationalen Referenzzentrums für Poliomyelitis und Enteroviren, Robert Koch-Institut (RKI), Berlin betont: „Derzeit gibt es in Deutschland keine flächendeckenden abwasserbasierten Untersuchungen auf Infektionserreger. Die Testung von Abwasser auf Polioviren wird derzeit im Rahmen eines Pilotprojektes am Robert Koch-Institut (RKI) etabliert. Die Analyse unterscheidet sich methodisch von der SARS-CoV-2-Untersuchung und muss weitaus sensitiver sein, um möglichst bereits bei einem infizierten Ausscheider in einer Großstadt valide Ergebnisse zu liefern...Abwasseruntersuchungen sind hier ein wertvolles Mittel, um frühzeitig Infektionen zu erkennen. Das Abwasser auf Polioviren zu untersuchen ist aufwändig und sollte an mehreren Standorten durchführt werden. So kann zwar der Ort des Infektionsgeschehens eingegrenzt werden, jedoch kann die ausscheidende Person damit nicht identifiziert werden.”

Jedoch gibt Prof. Dr. Susanne Lackner, Fachgebiet Abwasserwirtschaft, Technische Universität Darmstadt, zu bedenken: „Wir stehen in Deutschland bei der Abwasserüberwachung allerdings noch recht am Anfang, auch bei SARS-CoV-2. Nun soll die Abwasserüberwachung im Infektionsschutzgesetz verankert werden, das kann einen wichtigen Schub geben. Es gibt allerdings noch viele Aspekte bei der Umsetzung, wie zum Beispiel die Dateninfrastruktur, die nicht abschließend geklärt sind.“ Doch sind die Strukturen dafür überhaupt vorhanden? Lackner bestätigt: „Generell liegt die Herausforderung in Deutschland bei der Abwasserüberwachung vor allem in den Verwaltungsstrukturen. Für ein funktionierendes Abwasserüberwachungssystem müssen Umwelt- und Gesundheitsbehörden eng zusammenarbeiten. Dieser Weg wird bereits beschritten, zusätzlich erschwert jedoch der Föderalismus den Aufbau eines solchen Systems.“

Literatur:
Link-Gelles R, Lutterloh E, Schnabel Ruppert P, et al.: Public Health Response to a Case of Paralytic Poliomyelitis in an Unvaccinated Person and Detection of Poliovirus in Wastewater — New York, June–August 2022. MMWR Morb Mortal Wkly Rep 2022; 71: 1065-1068.

Konopka-Anstadt J, et al.: Development of a new oral poliovirus vaccine for the eradication end game using codon deoptimization. npj Vaccines, 2020, DOI: 10.1038/s41541-020-0176-7.

Diedrich S, et al.: Impfvirus-abgeleitete Polioviren zirkulieren auch in Europa. Epidemiologisches Bulletin, 2022, DOI: 10.25646/9915.

Quelle: CDC/SMC

Artikel teilen

Online-Angebot der MTA Dialog

Um das Online-Angebot der MTA Dialog uneingeschränkt nutzen zu können, müssen Sie sich einmalig mit Ihrer DVTA-Mitglieds- oder MTA Dialog-Abonnentennummer registrieren.

Stellen- und Rubrikenmarkt

Möchten Sie eine Anzeige auf der MTA Dialog schalten?

Stellenmarkt
Rubrikenmarkt
Industrieanzeige