Komplexität als Unsicherheitsfaktor

Plastik im Alltag: Unbekannte Gefahren

Die Forschungsgruppe PlastX unter der Leitung des Instituts für sozial-ökologische Forschung (ISOE) hat Alltagsprodukte aus Plastik untersucht und festgestellt, dass drei Viertel der Produkte schädliche Chemikalien enthalten. Ein Großteil der Substanzen in den Produkten war für die Gruppe zudem nicht identifizierbar.

Plastik

Großteil der Substanzen in den Produkten war nicht identifizierbar. | AdobeStock, vschlichting

Plastik ist langlebig, temperaturbeständig, bruchfest und trotzdem elastisch. Produkte aus Kunststoff sind allgegenwärtig und gelten in vielen Lebensbereichen als unverzichtbar. Diese „Unzerstörbarkeit“ von Plastik sorgte in den letzten Jahren aber auch für viele Gegenstimmen. Es gibt inzwischen viele Möglichkeiten, etwa beim Einkauf, auf frische und unverpackte Lebensmittel zurückzugreifen, anstatt in Plastik verschweißte Produkte zu kaufen.

Beimischung von Zusatzstoffen

Dem formbaren Material, das überwiegend aus Erdöl in einem chemischen Verfahren hergestellt wird, werden je nach Typ und Anwendung verschiedene Zusatzstoffe beigesetzt. Dazu gehören Weichmacher, Stabilisatoren und Farbstoffe. Zudem entstehen während des Produktionsprozesses zahlreiche Neben- oder Abbauprodukte. „In dem komplexen Herstellungsprozess von Kunststoffen entsteht ein regelrechter Cocktail an Substanzen, von denen wir einen Großteil überhaupt nicht kennen“, sagt die Leiterin der Forschungsgruppe PlastX, Carolin Völker.

34 Alltagsprodukte untersucht

In einer Laborstudie hat das Team der Forschungsgruppe PlastX unter der Leitung des ISOE und in Zusammenarbeit mit der Goethe-Universität Frankfurt und der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität Norwegen deshalb in 34 Alltagsprodukten aus Kunststoff die Chemikalien hinsichtlich ihrer Gesamttoxizität und ihrer Zusammensetzung untersucht. Dabei wurden Produkte wie Joghurtbecher, Trink- und Shampoo-Flaschen aus acht verschiedenen Kunststofftypen untersucht. Um mögliche schädliche Effekte der Chemikalienmischung zu analysieren, wurden die Substanzen im Labor aus den Produkten herausgelöst und in Zelltests eingesetzt. Somit wurden erstmals in einer Laborstudie mehrere verschiedene Kunststofftypen in einer Reihe von Biotests kombiniert mit einer chemischen Analytik untersucht und miteinander verglichen.

Drei von vier enthalten schädliche Chemikalien

Die Studie brachte einige wichtige Ergebnisse ans Tageslicht. „Wir fanden in drei von vier getesteten Produkten schädliche Substanzen, darunter Chemikalien, die toxisch auf Zellen wirken oder endokrine, also hormonähnliche Effekte hervorrufen“, berichtet Lisa Zimmermann, Erstautorin der Studie. „Wir haben deutliche negative Auswirkungen in Zelltests beobachtet. Solche Chemikalien sollten nicht in Kunststoffen vorkommen, auch wenn wir nicht wissen, wie sie sich auf unsere Gesundheit auswirken. Es waren insgesamt mehr als 1.400 Chemikalien in den Produkten enthalten. In einzelnen Produkten fanden wir sogar mehr als hundert verschiedene Substanzen. Von diesen 1.400 Substanzen konnten im Labor nur 260 identifiziert werden“, resümiert Zimmermann. Erschreckend, wenn man bedenkt, dass man tagtäglich mit diesen Produkten in Berührung kommt.

Es gibt unbedenklichere Alternativen

In den Plastiktypen Polyvinylchlorid (PVC) und Polyurethan (PUR) fanden sich eine größere Anzahl von Chemikalien und die Effekte waren bedenklicher als etwa die in Polyethylenterephthalat (PET). „Nicht alle der getesteten Plastikprodukte enthielten giftige Chemikalien. Wir sehen also, dass es bereits unbedenklichere Alternativen auf dem Markt gibt“, stellt PlastX-Projektleiterin Carolin Völker fest. „Wie unsere Studie zeigt, kann ein Joghurtbecher giftige Chemikalien enthalten, während ein anderer frei davon ist.“ Weil dies jedoch beim Einkauf nicht zu erkennen sei, sei es wichtig, dass das Thema sicherer Kunststoffe auf die politische Agenda rücke. „Für die Kunststoffproduzenten sollte es verbindliche Auflagen geben, die Inhaltsstoffe transparent zu machen und die Unbedenklichkeit ihrer Produkte zu garantieren“, fordern die Forscherinnen und Forscher.

Vorsicht auch bei Alternativen aus Bioplastik

Als „grüne“ Alternativen zu herkömmlichen Kunststoffen sind seit einigen Jahren Produkte aus sogenanntem Bioplastik auf dem Markt. Sie werden nicht aus Erdöl, sondern pflanzlich aus Biomasse gewonnen. Doch auch hier erweisen sich Chemikalien als Problem: In der PlastX-Laborstudie wurden Produkte aus Polymilchsäure (PLA) untersucht, einem gängigen Biokunststoff. Alle diese Produkte enthielten schädliche Chemikalien. „Auch Biokunststoffe sind ja letztlich Kunststoffe, deren Polymere nur aus einer anderen Quelle stammen“, sagt Lisa Zimmermann. „Es ist also naheliegend, dass ähnliche negative Effekte auftreten können.“ Um diese Effekte näher zu untersuchen, widmet sich die Forschungsgruppe PlastX derzeit in einer weiteren umfassenden Laborstudie Produkten aus Bioplastik.

 

Literatur:

Lisa Zimmermann, Georg Dierkes, Thomas A. Ternes, Carolin Völker, Martin Wagner: Benchmarking the in vitro toxicity and chemical composition of plastic consumer products. Environ. Sci. Technol. 2019, DOI: doi.org/10.1021/acs.est.9b02293.

Quelle: ISOE