Rezension

Pest und Corona

Die Verbreitung des neuen Coronavirus – SARS-CoV-2 – stellt trotz hygienischer, diagnostischer und therapeutischer Fortschritte eine große Herausforderung für die Medizin und Gesundheitspolitik des 21. Jahrhunderts dar. Es handelt sich weltweit um eine sehr dynamische und ernst zu nehmende Situation.

Pest und Corona

Ist das, was wir derzeit erleben, tatsächlich die größte Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg? Wie lange reicht unser Gedächtnis zurück?

Die Influenza-Epidemie der Jahre 1957/1958 mit 29.100 Toten in Deutschland wurde hingenommen; es wurde sogar eher der Umstand skandalisiert, dass Arbeitnehmer krankgeschrieben waren und damit die Wirtschaftsleistung gefährdet war. Im März 2020 wird dagegen das ganze Land wegen einer noch nicht feststehenden Letalitätsrate auf Wochen hin stillgelegt. Heute ist die Gesellschaft entschlossen, vorzeitige Tode nicht mehr hinzunehmen und so viele Menschen wie möglich zu retten. Über Krankheit nachzudenken, ist eine Form der Selbstvergewisserung und der gesellschaftlichen Prüfung. Wie mit Krankheit und Kranken umgegangen wird, gibt Auskunft über eine Gesellschaft und ihre Zeit, über Weltanschauungen und Werte, ihr Menschenbild. Krankheit ist nicht nur eine biologische Veränderung, ein persönliches Drama, sondern hat auch eine soziale, gesellschaftliche und historische Bedeutung. Für diese Erkenntnisse hat es Jahrtausende in der westlichen Welt gebraucht.

Die Professoren Heiner Fangerau, Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin in Düsseldorf, und Alfons Labisch, Historiker, Soziologe und Arzt, Professor für Gesundheitspolitik und Medizinsoziologe an der Universität Kassel, haben sich der Frage gestellt: Ist das, was wir derzeit erleben, tatsächlich die größte Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg? Wie lange reicht unser Gedächtnis zurück? In diesem Kontext werden historische Beispiele grundlegender Modelle aus der Biologie und der Organisation menschlichen Zusammenlebens sowie eine systematisierte Analyse der Handlungsmöglichkeiten öffentlicher Gesundheitssicherung gegenübergestellt. Auf dieser ebenso historischen wie systematischen Basis ist es möglich, die alten und neuen „Seuchen“ in ihren biologischen und gesellschaftlichen Grundlagen genauer zu verstehen. Den Abschluss bilden Antworten auf die grundlegenden Probleme und Fragen.

Gesellschaftliches Zusammenleben im lokalen, im regionalen, im nationalen und im internationalen Raum ist unser Lebenselixier, so die Autoren. Dieses wird durch die aktuelle Pandemie sichtbar und in außergewöhnlicher Form bedroht. Die Autoren weisen aber explizit darauf hin, dass derzeit nicht nur das Virus, sondern auch die durch das Virus ausgelöste Krankheit noch nicht vollständig verstanden werden. Viele offene Fragen werden sich erst in den nächsten Monaten, vielleicht auch erst in den nächsten Jahren klären. Aussagen der Forschung sind notwendigerweise immer vorläufig – das ist das Charakteristikum der Wissenschaften. Nur wenig bleibt im Laufe der Zeit als gesichertes Wissen übrig. Wenn eine Gemeinschaft mit einer Epidemie fertig werden muss, sind die Einstellung und das Verhalten der Bevölkerung essenziell: Ohne ein Grundvertrauen in die Werte einer Gesellschaft, ein Vertrauen in das Funktionieren des Staates, in die öffentliche Ordnung und das Verhalten der verantwortlichen Politiker, Verwalter und deren Berater, ein Vertrauen auch in das angemessene Verhalten der Mitmenschen können größere und längere Seuchenzeiten nicht oder nur mit Gewalt bekämpft werden. Gesellschaftlich gibt es aber eine bis dato einmalige Entscheidung: Es soll sich um jedes einzelne Leben gesorgt werden.

Als positives Fazit aus der aktuellen Pandemie ist besonders für Europa und andere westliche Länder hervorzuheben: Jeden Einzelnen retten zu wollen – das hat es noch nie in der Geschichte gegeben. Die Herausgeber sind sich mit Experten anderer Fachdisziplinen bewusst, dass wir uns darauf einstellen müssen, dass derartige Epi- und Pandemien in kurzen Abständen ständig wiederkehren werden. Aber wir können uns – jedenfalls in der westlichen Welt – darauf vorbereiten. Wir müssen jedoch auch zu der Erkenntnis gelangen, dass vor allem der Mensch derjenige ist, der in seinem Handeln die Bedingungen für das vermehrte Auftreten von bisher wenig oder nicht beobachteten Infektionskrankheiten ermöglicht. Auch die Industrieländer erleben indessen eine Rückkehr der Infektionskrankheiten. Als erste ist die gewachsene Nähe zwischen Mensch und Tier ursächlich: Die Massentierhaltung schafft ideale Bedingungen für das Entstehen neuartiger Erreger, und die globalisierte Lebensweise sorgt für deren rasche und effiziente Verbreitung. Das Buch ist aktuell das erste in seiner Art, das das neue Virus mit anderen kontagiösen Krankheiten bewertet und wichtige Schlussfolgerungen gibt. Es kann allen interessierten Berufen im Gesundheitswesen zum Vertiefen vergangener beziehungsweise „historischer Seuchen“ und der aktuellen SARS-CoV-2-Pandemie und ihrer Folgen ausdrücklich zum Verständnis empfohlen werden. Eine abschließende Bewertung der gegenwärtigen Pandemie sollte in einer zweiten Auflage Berücksichtigung finden.

Pest und Corona – Pandemien in Geschichte, Gegenwart und Zukunft.
Von: Heiner Fangerau/Alfons Labisch, Herder, 2020, ISBN: 978–3–451–38879–8, Preis: 18 Euro, E-Book: 9,99 Euro (ISBN 978–3–451–82167–7)

 

Entnommen aus MTA Dialog 7/2020