Kommunikation

Patienten verstehen Ärzte weniger gut als gedacht

Refluxbeschwerden, Angina pectoris, Karzinom? Viele Ärzte gehen davon aus, dass ihre Patienten grundlegende medizinische Begriffe kennen. Eine Umfrage in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ zeigt jedoch, dass dies nicht immer der Fall ist

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Je besser ein Patient über seine Erkrankung informiert ist, desto größer ist seine Kooperation bei entsprechender Behandlung | Eva Katalin - iStock

„Leiden Sie unter Angina pectoris?“ Für Mediziner ist das eine denkbar einfache Frage. Doch ein Drittel der knapp 200 Patienten, die Privatdozent Dr. med. Felix Gundling und Mitarbeiter vom Klinikum Bogenhausen in München befragten, wusste nicht, wovon der Arzt redet. Ein weiteres Drittel meinte zu wissen, was eine Angina pectoris ist. Bei einer genaueren Befragung konnten sie jedoch nicht erklären, dass es sich um anfallsartige Schmerzen in der Brust handelt, die auf schwere Durchblutungsstörungen im Herzmuskel hinweisen.

Patientenberatung

Kommunikationsdefizite im Umgang mit Patientinnen und Patienten und Versicherten – sowie eine vielfach beschriebene Hürde der Ratsuchenden, Ansprüche und Rechte im Alltag wirksam durchsetzen zu können, sind die beiden große Leitthemen, die im „Monitor Patientenberatung 2017“ zu finden sind.

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Der Begriff „Angina pectoris” ist dabei nur ein Beispiel von vielen: Etwa die Hälfte der Befragten glaubte zu wissen, was ein Body-Mass-Index, ein Teerstuhl, ein Ödem oder was Refluxbeschwerden sind. Auf Nachfrage konnten viele jedoch das Maß für Übergewicht und Fettleibigkeit, die Schwarzfärbung des Stuhls infolge von Darmblutungen, die Wassereinlagerungen im Gewebe bei Herz- und Nierenerkrankungen und das saure Aufstoßen nach dem Essen nicht erklären.

Selbst bei deutschsprachigen Begriffen, wie Verstopfung, Darmspiegelung oder Sodbrennen, die fast alle zu kennen glaubten, kamen einige ins Stolpern, wenn sie erklären sollten, was sie genau darunter verstehen. Insgesamt fragten die Münchener Mediziner 43 häufige medizinische Fachbegriffe ab. Hinzu kamen Fragen zum Aufbau des menschlichen Körpers. Hierbei konnten die meisten Organe von drei Vierteln der Teilnehmer korrekt zugeordnet werden: Nur, wo sich Bauchspeicheldrüse oder Milz befinden, wussten weniger als die Hälfte der Befragten.

Frauen verfügen über mehr medizinisches Wissen als Männer

Am Ende der Befragung errechneten die Forscher aus den korrekten Antworten für jeden Patienten eine prozentuale Gesamtpunktzahl. Dieses Ergebnis bewerteten Gundling und sein Team zusätzlich anhand biografischer und soziografischer Einflussfaktoren: Patienten mit längerer Schulbildung konnten die Fragen häufiger richtig beantworten. Frauen verfügten über mehr medizinisches Wissen als Männer. Privatversicherte waren besser informiert als Kassenpatienten.

Der Fernsehkonsum hatte keinen Einfluss auf den medizinischen Kenntnisstand. Zeitungsleser kannten sich nur tendenziell besser aus. „Die Medienpräsenz vieler Fachbegriffe, wie zum Beispiel Arteriosklerose oder arterielle Hypertonie, garantiert kein ‚Wissen‘ aufseiten der Patienten“, betont Gundling. Auch häufige Arztbesuche scheinen die Patienten nicht zu bilden. Ältere Menschen hatten größere Wissenslücken als jüngere.

Ärzte schätzten die Kenntnisse ihrer Patienten häufig besser ein als es ist, so Gundling. Die wenigsten würden sich deshalb durch Nachfragen vergewissern, ob die Patienten sie wirklich verstanden haben. Das aber sei für den Erfolg der Therapie wichtig: „Je besser ein Patient über seine Erkrankung informiert ist, desto größer ist seine Kooperation bei entsprechender Behandlung“, erklärt er. Nichtwissen habe aber nicht nur Folgen für das Wohl der Patienten, sondern auch auf die Versorgungskosten.

Unnötige Ausgaben für Laborleistungen und Strahlendiagnostik

„Eine ineffektive ärztliche Kommunikation führt häufig zu einer Fehleinschätzung der im Vordergrund stehenden Problematik oder zum Einsatz unnötiger diagnostischer und therapeutischer Maßnahmen“, ist Gundling überzeugt.

So beträgt nach Schätzungen des US-amerikanischen Institute of Medicine der Anteil unnötiger oder wiederholter Untersuchungen an den Gesamtausgaben des Gesundheitssystems 30 Prozent. Umgerechnet auf Deutschland entspräche dies laut Gundling unnötigen Ausgaben alleine für Laborleistungen in Höhe von rund 2,6 Milliarden Euro und für strahlendiagnostische Untersuchungen von rund 2,8 Milliarden Euro.

Originalpublikation:

F. Gundling et al.: Defizite in der Gesundheitskompetenz stationär behandelter Patienten – eine Querschnittstudie. DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2019; 144 (4); e21-e29


Quelle: fzm, Februar 2019