Vigilanz Algorithmus Leipzig

Neue EEG-Software entdeckt Ursachen von Tagesmüdigkeit

Tagesmüdigkeit ist ein belastendes Symptom bei psychischen Störungen. Neurophysiologen haben eine Methode entwickelt, die dazu beitragen soll, zu erkennen, ob die Erschöpfung bei einem Patienten mit einem zu niedrigen oder zu hohen Erregungsniveau des zentralen Nervensystems einhergeht.

Tagesmüdigkeit

Tagesmüdigkeit | Tim Pierce, CC BY 2.0

Vom Vigilanz Algorithmus Leipzig (VIGALL 2.1) erhoffen sich Experten der DGKN (Deutschen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und Funktionelle Bildgebung), den Zusammenhang zwischen gestörter Wachheitsregulation am Tag und psychischen Erkrankungen besser zu verstehen und die Behandlung von Betroffenen zu verbessern. Über erste Erfahrungen mit der Software berichten Experten anlässlich der 61. Jahrestagung der DGKN in Leipzig (27.-29.4.).

Hohe Aktivität des ZNS

Depressive Patienten leiden häufig unter schwerer Erschöpfung, aber trotzdem gleichzeitig unter Schlaflosigkeit mit Einschlafproblemen, nächtlichen Wachphasen und frühmorgendlichem Aufwachen. „Untersuchungen mit dem VIGALL an Patienten mit typischer Depression weisen darauf hin, dass eine konstant hohe Aktivität des zentralen Nervensystems vorliegt, die auch in Ruhephasen mit geschlossenen Augen kaum zurückgeht“, sagt Professor Dr. med. Ulrich Hegerl, Präsident der DGKN. „Trotz großer Erschöpfung fühlen sich die Betroffenen dann ruhelos und angespannt, wie vor einer Prüfung“.

Schlafforschung

Der MSLT dient der Einschätzung der Fähigkeit zum Einschlafen am Tage und ist somit ein Maß zur Quantifizierung von Tagesmüdigkeit.

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Arousal auch selbst regulieren

Vom aktiven Wachzustand, über entspannte Ruhe und Dösigkeit, bis zum Schlaf zeigt das zentrale Nervensystem unterschiedliche Aktivitätszustände. Wissenschaftler sprechen von unterschiedlichen „Arousalniveaus“. Die Regulation dieses Arousals ist überlebenswichtig. „Im Straßenverkehr oder bei Gefahr muss das Gehirn schneller reagieren und das Arousal hoch gehalten werden, anders in der Hängematte“, erklärt Hegerl. Durch bestimmtes Verhalten kann der Organismus das Arousal auch selbst regulieren. Ein gutes Beispiel dafür sind übermüdete Kinder. Hier ist der Organismus eigentlich schläfrig, das Arousal neigt also zum Abfallen. Dieser Einschlaftendenz wird aber durch aufgedrehtes, hyperaktives Verhalten entgegengesteuert.

Bisher kein Verfahren für Bestimmung

Obwohl die Regulation des Arousals von fundamentaler Bedeutung für menschliches Verhalten ist, gab es bisher kein ausreichend validiertes und breit einsetzbares Verfahren, um die Arousalregulation im Wachzustand zu bestimmen. Mit dem VIGALL 2.1 legt nun die Leipziger Arbeitsgruppe eine überarbeitete Version des Vigilanz Algorithmus Leipzig vor, der Abschnitten aus einem Elektro-Enzephalogramm (EEG) jeweils eines von sieben Arousalstadien zuordnet. Im Rahmen eines 15-minütigen Ruhe-EEGs mit geschlossenen Augen in halb liegender Position können nun der Verlauf und die Regulation des Arousals bestimmt werden.

Hilfe bei der Diagnostik

„VIGALL 2.1 könnte bei der Diagnostik psychischer Erkrankungen und der Wahl der richtigen Therapie helfen“, so Hegerl. An Patienten mit unipolarer oder bipolarer (manischer) Depression und ADHS wurde das Verfahren bereits getestet. So ist das Arousal bei Menschen mit unipolarer Depression hochreguliert – das Nervensystem bleibt trotz der ruhigen Umgebung hochaktiv. Patienten mit Manie und ADHS haben dagegen Schwierigkeiten, ihr Arousal aufrechtzuerhalten. Die Software VIGALL 2.1 stellen die Leipziger Wissenschaftler kostenlos zur Verfügung. (idw, red)

VIGALL 2.1 zum Download, Handbuch und Studien

Literatur:

Ulrich Hegerl, Tilman Hensch: The vigilance regulation model of affective disorders and ADHD. Neuroscience an Biobehavioral Reviews 44 (2014) 45-57.