Hygiene

Mut zu weniger Reinlichkeit?

Gelten auf unserem Körper und in unseren Häusern die gleichen Gesetze der biologischen Vielfalt wie draußen in der Natur? Wenn ja, wären unsere aktuellen Hygienemaßnahmen zur Bekämpfung aggressiver Keime teilweise kontraproduktiv.

Hygiene

Putzen von Oberflächen mit Desinfektionsmitteln stört die natürliche Artenzusammensetzung der vorhandenen Mikroorganismen. Einzelne Arten können davon profitieren und sich stark vermehren. | nakedking – stock.adobe.com

Ökosysteme wie Wiesen und Wälder mit hoher biologischer Vielfalt sind widerstandsfähiger gegenüber Störungen wie eindringenden gebietsfremden Arten, Klimaschwankungen oder Krankheitserregern. Reduziert man diese Vielfalt, gehen grundlegende Funktionen der Lebensgemeinschaften im Ökosystem verloren. Diese sogenannte Stabilitätstheorie wurde in Hunderten von biologischen Studien belegt. Diese behandelten allerdings vorwiegend die Welt der Tiere und Pflanzen. Betrachtet man unseren Körper oder unser Zuhause durch ein Mikroskop, eröffnet sich eine genauso vielfältige Lebensgemeinschaft aus Mikroorganismen. Möglicherweise gelten für sie ähnliche Gesetze wie für die „großen“ Ökosysteme. Dies hätte weitreichende Konsequenzen für unsere Gesundheitsvorsorge.

Infektion & Hygiene (Teil 2)

S. aureus besiedelt bei vielen Menschen Haut und Schleimhaut ohne krankheitserregend zu sein. Andererseits ist er auch der bedeutsamste Krankheitserreger seiner Gattung und verursacht Furunkel, Karbunkel und Wundinfektionen. Er gehört zu den Nosokomialkeimen.

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Wissenschaftler vom Forschungszentrum iDiv schlagen in einem im November veröffentlichten Artikel in der Fachzeitschrift Nature Ecology & Evolution vor, die Theorien aus der Ökosystemforschung auch an unserer unmittelbaren Umwelt und deren Mikroorganismen zu testen.

„Wir beeinflussen diese Mikrobiodiversität täglich, vor allem indem wir sie bekämpfen, beispielsweise durch Desinfektionsmittel oder Antibiotika – eigentlich mit dem Ziel, die Gesundheit zu fördern“, erzählt der Ökologe Robert Dunn, Professor an der Universität North Carolina State und der Universität Kopenhagen. Dunn verfasste den Artikel während eines einjährigen Gastaufenthaltes bei iDiv gemeinsam mit iDiv-Wissenschaftler Nico Eisenhauer, Professor an der Universität Leipzig. „Diese Eingriffe in mikrobielle Artzusammensetzungen könnten die natürliche Eindämmung von Krankheitserregern behindern“, meinen die Forscher.

Mikroorganismen bilden eigene Ökosysteme

Nach dem ökologischen Nischenmodell teilen sich Pflanzen oder Tiere die vorhandenen Ressourcen in ihrem Lebensraum auf, wobei Arten mit ähnlichen Bedürfnissen miteinander konkurrieren. Neu hinzukommende Arten haben es schwer, sich zu etablieren, zumindest in einem stabilen Ökosystem. Auf artenarmen oder vom Menschen gestörten Standorten können sich gebietsfremde Arten hingegen wesentlich leichter breitmachen.

Mikroorganismen bilden ebenfalls eigene Ökosysteme. Bislang sind mehr als 200.000 Arten bekannt, die in menschlichen Behausungen sowie auf und in menschlichen Körpern leben. Die Hälfte davon machen Bakterien in menschlichen Behausungen aus, Tausende Bakterienarten leben auf unseren Körpern. Dazu kommen rund 40.000 Pilzarten in unseren Häusern, die sich jedoch weniger auf menschlichen Körpern finden.