Schutzeffekt noch nicht ausreichend belegt

Multiple Sklerose und Antibiotikum Minocyclin

Signifikant weniger Patienten entwickelten MS

Das nicht adjustierte Risiko einer Konversion zu einer MS innerhalb von sechs Monaten nach Randomisierung war mit 33,4 Prozent in der Minocyclingruppe signifikant geringer als in der Placebogruppe mit 61,0 Prozent (Differenz 27,6 Prozentpunkte, 95 % Konfidenzintervall, 11,4 bis 43,9; p = 0,006). Nach Adjustierung entsprechend der Anzahl kontrastmittelaufnehmender Läsionen bei der initialen MRT-Untersuchung war die Differenz mit 18,5 Prozentpunkten immer noch signifikant (95 % Konfidenzintervall, 3,7 bis 33,3; p = 0,01). Nach 24 Monaten fand sich kein signifikanter Unterschied mehr zwischen den beiden Gruppen. Alle MRT-Parameter fielen zum Zeitpunkt sechs Monate in der Minocyclingruppe besser aus als in der Placebogruppe, diese Effekte waren zum Zeitpunkt 24 Monate ebenfalls nicht mehr vorhanden. Bezüglich der Anzahl von Schüben und der Behinderungsprogression, gemessen am expanded disability status scale (EDSS), ergaben sich nach 24 Monaten keine signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Gruppen. In der Minocyclingruppe beendeten mehr Patienten als in der Placebogruppe die Studie frühzeitig wegen Minocyclin-assoziierten Nebenwirkungen, unter anderem Hautausschläge, Schwindel und Zahnverfärbungen.

Effekt auf Schubrate und Behinderungsprogression nicht beurteilbar

Die Studie habe – wie sowohl von den Autoren als auch im begleitenden Editorial von Zongqi Xia und Robert Friedlander angemerkt – erhebliche Schwächen, urteilen die MS-Experten von DGN, KKNMS und DMSG:

  1. Erstens war die Zahl der Patienten mit 142 gering („under-powered“), was möglicherweise erklärt, warum die nach sechs Monaten beobachteten positiven Effekte nach 24 Monaten nicht mehr signifikant waren.
  2. Zweitens ist der Zeitraum von sechs Monaten bis zum Erreichen des primären Endpunktes (Konversion von KIS zu MS) im Vergleich zu anderen Studien sehr kurz.
  3. Drittens gab es Ungleichgewichte in der Zusammensetzung von Verum- und Placebogruppe.
  4. Viertens war wegen der in der Minocyclingruppe häufigeren sichtbaren Veränderungen an Zähnen und Haut die Verblindung nicht vollständig, ein auch bei anderen MS-Studien immer wieder diskutiertes Problem.
  5. Ein weiteres Problem kann die Langzeiteinnahme eines Antibiotikums mit potentieller Resistenzentwicklung von Bakterien sein.

„Mögliche Effekte von Minocyclin auf Schubrate und Behinderungsprogression können aufgrund der kleinen Patientenzahl und kurzen Dauer mit dieser Studie nicht beantwortet werden“, fasst Prof. Dr. Hohlfeld zusammen. „Die Wirksamkeit von Minocyclin bei MS und damit die Möglichkeit, es als Alternative zu anderen immunmodulatorischen Therapien zu nutzen, muss jetzt in einer größeren und längeren klinischen Studie belegt werden.“ (idw, red)

 

Literatur:

Metz LM, et al.: Trial of Minocycline in a Clinically Isolated Syndrome of Multiple Sclerosis. N Engl J Med. June 1, 2017; 376: 2122–2133, DOI: 10.1056/NEJMoa1608889.

Xia Z, Friedlander RM: Minocycline in Multiple Sclerosis – Compelling Results but Too Early to Tell. N Engl J Med. June 1, 2017; 376: 2191–2193, DOI: 10.1056/NEJMe1703230.