Schutzeffekt noch nicht ausreichend belegt

Multiple Sklerose und Antibiotikum Minocyclin

Das Antibiotikum Minocyclin verzögert möglicherweise den Ausbruch von Multipler Sklerose (MS). In einer publizierten Studie erkrankten unter Minocyclin sechs Monate nach einem ersten Schub neurologischer Symptome halb so viele Patienten an MS wie unter Placebo.

Strukturformel von Minocyclin

Strukturformel von Minocyclin | Jü, eigenes Werk, CC-BY-SA 4.0

Der Schutzeffekt des Antibiotikums war allerdings nach 24 Monaten nicht mehr nachweisbar. „Die kanadische Phase-2-Studie bestätigt vorangegangene Untersuchungen, wonach Minocyclin die Entzündungsaktivität bei Multipler Sklerose womöglich hemmt. Für eine endgültige Aussage ist es aber noch zu früh“, kommentiert die Neuroimmunologin PD Dr. Tania Kümpfel, Vorstandsmitglied des Kompetenznetzes Multiple Sklerose (KKNMS), die Ergebnisse. Der Nutzen von Minocyclin bei MS sei zurzeit noch nicht hinreichend belegt, um den Einsatz zu empfehlen, betont auch Prof. Dr. Reinhard Hohlfeld von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), Vorsitzender des Ärztlichen Beirats der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband (DMSG).

Minocyclin gilt als interessante Substanz

Minocyclin, ein synthetisches Tetracyclin, gilt seit längerem als eine für die Multiple-Sklerose-Therapie interessante Substanz. Es kombiniert antientzündliche und antiapoptotisch/neuro-protektive Wirkungsweisen und ist auch aufgrund seiner einfachen oralen Anwendung und des nicht zuletzt vergleichsweise niedrigen Preises attraktiv. „Die Prüfung des als Antibiotikum zugelassenen Medikaments für die neue Indikation wurde von der kanadischen MS-Gesellschaft finanziert“, so PD Dr. Kümpfel. „Es handelt sich um eine sogenannte Drug-Repurposing-Studie – verbunden mit der Hoffnung, Arzneimittelkosten senken zu können, sollte die Substanz sich bewähren.“

Wissenschaftler der Hochschule Biberach

In einem von der Hochschule Biberach initiierten Forschungsprojekt entwickelt ein europäisches Konsortium eine innovative Technologie für eine verbesserte Behandlung von Multipler Sklerose (MS). Ein neues Verfahren soll Medikamente über die Nase direkt ins Gehirn transportieren.

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Klinisch isoliertes Syndrom (KIS) – ein möglicher Vorbote der MS

Erste Hinweise, dass Minocyclin die Entwicklung einer Multiplen Sklerose verzögern könnte, hat das MS Study Team um Luanne Metz bereits auf der EctriMS-Tagung 2015 in Barcelona vorgelegt. Jetzt wurden die Ergebnisse einer randomisierten und placebokontrollierten Studie mit Beteiligung von insgesamt zwölf Zentren publiziert. Metz und Kollegen haben zwischen 2008 und 2013 analysiert, inwieweit Minocyclin das Risiko einer Konversion von „Klinisch Isoliertem Syndrom“ (KIS) zur manifesten MS reduziert. KIS beschreibt eine erste Episode neurologischer Symptome, die durch Entzündungen und Myelinverlust an einer oder mehreren Stellen in Gehirn und Rückenmark charakterisiert wird. Menschen, die ein KIS erleben, können nachfolgend eine klinisch definierte MS entwickeln – dies geschieht aber nicht zwingend.

Antibiotikum versus Placebo

In die Studie wurden 142 Patienten eingeschlossen, die innerhalb der vorausgegangenen 180 Tage ein erstes, auf eine MS hindeutendes demyelinisierendes Ereignis erlitten hatten. 72 Studienteilnehmer erhielten Minocyclin 100 mg 2x täglich, 70 Placebo. Die verblindete Therapie wurde entweder bis zur Diagnose MS oder bis zum Zeitpunkt von 24 Monaten nach Randomisierung fortgeführt. Der primäre Endpunkt war die Konversion zu einer MS, gemäß den McDonald-Kriterien von 2005 innerhalb von sechs Monaten nach Randomisierung. Sekundäre Endpunkte umfassten die Konversion zu einer MS innerhalb von 24 Monaten nach Randomisierung und verschiedene Parameter der Magnet-Resonanz-Tomographie (MRT) nach sechs und 24 Monaten. In der Placebogruppe fanden sich eingangs signifikant mehr Patienten mit einer Schubsymptomatik, assoziiert mit einer Rückenmarksläsion, und mehr Patienten mit kontrastmittelaufnehmenden Läsionen im MRT als in der Minocyclingruppe.