(Online First) Ausreden helfen nicht mehr

MTA-Fachkräftemangel – Politik ist in der Pflicht

Im Koalitionsvertrag der möglichen neuen GroKo wird unter der Überschrift Gesundheitsberufe angekündigt, dass die Ausbildung der Gesundheitsfachberufe im Rahmen eines Gesamtkonzeptes neu geordnet und gestärkt werden soll. Dabei dürfen die MTA-Berufe nicht vergessen werden. Die Zeit drängt und die Probleme verschärfen sich zunehmend.

MTA-Fachkräftemangel

MTA-Fachkräftemangel macht sich zunehmend bemerkbar | Fotolia/motorradcbr

Immer wieder ist zu hören, dass MTA und vor allem MTRA eine immer knapper werdende Ressource seien. Auch eine Umfrage unter den Personalverantwortlichen im Radiologienetz1 der 100 Netz- und Clubpraxen im Jahr 2017 bestätigte diese Einschätzung. Immerhin 35 Praxen mit 1.150 Mitarbeitern (ohne Ärzte) hatten sich daran beteiligt. Dabei zeigte sich, dass 20 Vollzeitstellen im MTRA-Bereich nicht besetzt waren. Hochgerechnet ergebe sich damit ein Bedarf von 1.260 MTRA-Vollzeitstellen, die pro Jahr in radiologischen Praxen neu zu besetzen wären (Quelle: CuraCompact, Ausgabe 02/2017). Bei der Frage nach der Wiederbesetzung von MTRA-Stellen hatten schon 31 Prozent der Befragten erhebliche Probleme. Das MTRA-Angebot für die Zukunft schätzten 68 Prozent mit „nimmt ab“ ein. 72 Prozent der Befragten wären generell bereit, sich stärker zu engagieren, um MTRA zu gewinnen und zu halten. 61 Prozent betonten, dass der Wettbewerb um qualifiziertes Personal eher hoch sei. Im Radiologienetz-Powerwochenende für Praxismanager im Januar wurde dementsprechend intensiv das Thema „Stärkung der Arbeitgeberattraktivität (Employer Branding)“ diskutiert.

Auch Jan Seyfried, Personalreferent bei RADIO-LOG², bezeichnet das Problem des Fachkräftemangels in den MTA-Berufen als dramatisch und „…  in einer ländlicheren Region ohne Metropolregionen ja sogar [als] katastrophal“. In den ländlicheren Regionen sei es schwierig bis fast unmöglich, zeitnah Fachkräfte für Stellen zu bekommen, da es in der näheren Umgebung keine MTRA-Schulen gebe und das Berufsbild nahezu unbekannt sei, so Seyfried gegenüber MTA Dialog.

Bereits im Krankenhausbarometer 2016 des DKI wurden die Stellenbesetzungsprobleme bei den MTA-Berufen erfasst. Demnach konnte ein Drittel der Allgemeinkrankenhäuser ab 100 Betten im Frühjahr 2016 entsprechende MTRA-Stellen nicht mehr besetzen. Seit 2011 haben laut Barometer die Stellenbesetzungsprobleme bei MTRA merklich zugenommen. Diese Probleme dürften sich ceteris paribus weiter verschärfen. Denn laut Marcel Apel vom VMTB ist jede dritte weibliche MTRA über 50 Jahre alt. Sollte sich somit nicht bald etwas an der Ausbildungssituation ändern, steht den Praxen und Krankenhäusern eine unangenehme Zukunft bevor. Auch die Patienten dürften den Engpass früher oder später spüren. Denn laut BARMER GEK Arztreport 2017 fielen je 1.000 Versicherte in der Radiologie/Nuklearmedizin 327 Fälle an (Basis 2015). Allein zwischen 2007 und 2014 stieg laut BfS die Zahl der CT-Untersuchungen um etwa 40 Prozent, bei MRT sogar um etwa 55 Prozent. In den Jahren 2010 bis 2014 wurden in Deutschland im Mittel circa drei Millionen nuklearmedizinische Untersuchungen pro Jahr durchgeführt, was einer mittleren jährlichen Anwendungshäufigkeit von circa 34 Untersuchungen pro 1.000 Einwohner entspricht.

Doch auch andere MTA-Berufe sind betroffen. Das Barometer erfasste bei den MTLA einen Anstieg bei den vom Fachkräftemangel betroffenen Häusern von vier Prozent auf immerhin schon 14 Prozent. Großhäuser (ab 600 Betten) waren sogar überproportional betroffen (23 Prozent). Wie wichtig jedoch auch in Zukunft eine qualitativ hochwertige Versorgung mit Labordienstleistungen ist, zeigt der Blick in die Statistik. Immerhin rund zwei Drittel aller ärztlichen Diagnosen beruhen auf Laboruntersuchungen oder werden durch sie bestätigt. Für 376 von 1.000 gesetzlich Krankenversicherten werden pro Jahr Laboruntersuchungen durchgeführt. Laut BARMER GEK Arztreport 2017 gab es je 1.000 Versicherte sogar 808 Fälle in der Labormedizin und 169 Fälle in der Pathologie (Basis 2015).

Auch in einer Studie des BiBB (Bundesinstitut für Berufsbildung) wurde festgestellt, dass das Pflege- und Gesundheitspersonal (inklusive der MTA-Berufe) knapper wird. In der Projektion zeigte sich, dass es bereits im Jahr 2025 zu einem flächendeckenden Arbeitskräfteengpass kommen könnte. Es wurde deshalb gefordert, vor allem in die Ausbildung in diesem Bereich verstärkt zu investieren.

Mehr MTA benötigt

Jorge Fernandes, Head of People medneo GmbH³, bringt es auf den Punkt: „Der deutsche Arbeitsmarkt benötigt perspektivisch weit mehr MTA, als unser Ausbildungssystem zur Verfügung zu stellen vermag.“ Inzwischen spricht das Bündnis TA sogar von einem drohenden Kollaps, wenn die Politik die Weichenstellung nicht ändere. Die Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Birgit Wöllert, Sabine Zimmermann (Zwickau), Eva Bulling-Schröter, weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE (Drucksache 18/9298) zum Thema „Möglicher Weiterentwicklungsbedarf in der Aus- und Fortbildung sowie Berufspraxis von medizinisch-technischen Assistentinnen und Assistenten“ vom August 2016 zeigte jedoch, dass zumindest Teile der Politik den Ernst der Lage noch nicht erkannt haben. So heißt es in der Antwort zum Fachkräftemangel: „Nach aktuellen Einschätzungen gestaltet sich die Ausbildung attraktiv. So gilt die große Praxisnähe der MTA-Ausbildung als eine besondere Stärke der aktuellen Ausbildungskonzeption. Zudem begünstigt die institutionelle und räumliche Nähe von Schulen und Ausbildungsstätten eine enge Verzahnung von theoretischen und praktischen Ausbildungsinhalten und eine Ausrichtung der Ausbildung am Praxisbedarf. Aktuell besteht beim Beruf des/der MTA auch kein Fachkräftemangel.“

Diese Fehleinschätzung der Politik zum Fachkräftemangel kam für viele überraschend. Denn selbst bei der Bundesagentur für Arbeit wurden die medizinisch-technischen Assistenzberufe (operations-/medizinisch-technische Assistenz) in der letzten Enpassanalyse erfasst und auch auf der Positivliste der BA geführt. Das heißt, dass die Bundesagentur für Arbeit festgestellt hat (Juli 2017), dass für diesen Beruf die Besetzung offener Stellen mit ausländischen Bewerberinnen oder Bewerbern arbeitsmarkt- und integrationspolitisch verantwortbar sei.

Personalreferent Seyfried zeigt jedoch das Dilemma der Suche über die Bundesagentur auf: „Wir arbeiten viel mit der Agentur für Arbeit zusammen und veröffentlichen darüber auch unsere offenen MTRA-Stellen. Leider ist der Rücklauf von MTRA-Bewerbungen auf die geschalteten Stellen sehr gering bis nicht vorhanden. Bisher haben wir über die Vermittlung der Agentur für Arbeit keine Bewerbungen für diese Stellen erhalten. Im Grunde muss man festhalten, dass eine MTRA auf Stellensuche durch den vorhandenen Mangel so viele Optionen hat, dass sie schlichtweg keinen Umweg über die Agentur für Arbeit in Anspruch nehmen muss. Eine Initiativbewerbung oder eine Abwerbung per Direktansprache ist aus unserer Erfahrung der gängige Weg.“

Der DVTA hatte in einer Stellungnahme zur Kleinen Anfrage die Bundesregierung gebeten, dem Fachkräftemangel mit klaren gesetzlichen Berufsprofilen und einer gesetzlichen Vorgabe zur Personalbemessung auch im Bereich der MTA-Berufe entgegenzuwirken. Nur so könne die Qualität der Gesundheitsversorgung gewährleistet werden. „Ohne MTA keine Diagnostik – ohne Diagnostik keine Therapie“, gab der DVTA zu bedenken.

Teilzeitausbildung wäre sinnvoll

Personalexperte Seyfried geht auf ein weiteres Problem der aktuellen Ausbildung bei MTA-Berufen ein. So gebe es bei RADIO-LOG mehrere geeignete Medizinische Fachangestellte, die im Bereich Radiologie arbeiten und sich eine Weiterqualifizierung zur MTRA sehr gut vorstellen könnten. Allerdings schrecke der Umzug in eine der nahen größeren Städte mit MTRA-Schule, die finanzielle Hürde (teure Mieten in den Großstädten, teils Schulgeld, kein Verdienst) und die Vollzeitverpflichtung nahezu alle ab, beklagt Seyfried. Es sei deswegen nicht verständlich, warum nach wie vor keine Teilzeitausbildungskonzepte bei solch einer Mangellage in Angriff genommen werden.

Hinzu komme, dass die aktuelle Ausbildung durch den Trend zum Studium den Bedürfnissen vieler junger Menschen nicht mehr gerecht werde. In Österreich, Italien und Kroatien sei die Attraktivität des Berufsbildes durch die Akademisierung größer und ziehe auch beide Geschlechter an.

Es gibt aber auch erfolgreiche Projekte von MTA-Schulen zur Bekämpfung des Mangels wie zum Beispiel die Eckert Schulen zeigen. Der größte private bayerische Weiterbildungscampus mit Sitz in Regenstauf bei Regensburg erkannte den drohenden MTRA-Mangel frühzeitig: Bereits vor fünf Jahren initiierten sie gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Regensburg und dem Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Regensburg ein Modell, das neue Wege bei der Nachwuchsgewinnung geht: mit einem Kooperationsmodell, das auch bundesweit Schule machen könnte. „Die steigenden Absolventenzahlen belegen den Erfolg“, sagt Antonie Roggenbuck, die die Berufsfachschulen für medizinische Assistenzberufe an den Eckert Schulen leitet.

Die MTA in spe absolvieren bei diesem Modell den praktischen Teil ihrer dreijährigen Ausbildung direkt in renommierten Kliniken, einen Großteil der Kosten können sie über Praktikumsvergütungen finanzieren. 2017 schlossen zehn MTRA die Ausbildung erfolgreich ab, 2018 werden es bereits zwölf Absolventen sein und 2019 rechnet Schulleiterin Roggenbuck mit 16 neuen MTRA. Die beiden beteiligten Regensburger Kliniken sind vom Kooperationsmodell begeistert: „Für uns ist es ein optimaler Weg, Nachwuchs in der Region zu gewinnen, den wir langfristig an uns binden können“, sagt Prof. Dr. Christian Stroszczynski, der Direktor des Instituts für Röntgendiagnostik am Universitätsklinikum Regensburg. Prof. Dr. Niels Zorger, Chefarzt des Instituts für Radiologie und Neuroradiologie am Krankenhaus Barmherzige Brüder Regensburg, ergänzt: „Es wird im Moment viel zu wenig ausgebildet, mit diesem neuen Modell wirken wir dem drohenden Mangel aktiv entgegen.“