Intensivmediziner

Mehr Krankheitsfälle bei jungen Menschen befürchtet

Der künftige Bedarf an Intensivbetten für COVID-19-Fälle ist proportional gekoppelt an die Entwicklung der Inzidenzwerte. Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschaftler der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv-und Notfallmedizin (DIVI).

Corona bei Kindern

In Zukunft könnte es zu mehr Krankheitsfällen bei jungen Menschen kommen, fürchten die Intensivmediziner. | loreanto – stock.adobe.com

Die jetzt veröffentlichte Arbeit zeigt in einer Simulation außerdem, dass der Effekt von Impfungen eine wesentliche Rolle spielen kann. „Im Unterschied zu den vorangegangenen Pandemiewellen braucht es im Herbst eine höhere Inzidenz, bis die Intensivbetten vergleichbar stark belegt sind“, sagt Studienautor und Mathematiker Prof. Andreas Schuppert, Leiter des Instituts für Computational Biomedicine an der RWTH Aachen. „Und nur eine zehnprozentige Steigerung der Impfquoten bei den über 35-Jährigen sowie den über 60-Jährigen führt zu einer erheblich verringerten Intensivbettenbelegung.

Thorsten Lehr, Professor für Klinische Pharmazie

Wie viele COVID-19-Patienten müssen schon bald ins Krankenhaus? Wie viele brauchen intensivmedizinische Betreuung? Saarbrücker Forscher haben für solche Vorhersagen ein mathematisches Modell entwickelt, das auf der Basis umfangreicher Daten präzise Ergebnisse für alle Bundesländer liefern soll.

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„Die Bandbreite der möglichen Intensivbettenbelegung ist groß und stark abhängig von der Impfquote, erläutern die Autoren der Studie. „Nur wenige Prozentpunkte in der Impfquote haben eine erhebliche Auswirkung auf die potenzielle Intensivbelegung im Herbst“, sagt Co-Autor Prof. Christian Karagiannidis, medizinisch-wissenschaftlicher Leiter des DIVI-Intensivregisters sowie Leiter des ARDS-und ECMO-Zentrums der Lungenklinik Köln-Merheim. „Für die Intensivmedizin ist die Impfquote der über 35-Jährigen von entscheidender Bedeutung. Deswegen müssen wir alles daran setzen, die Impfakzeptanz in den kommenden Wochen deutlich zu steigern.“

Die Möglichkeit einer frühzeitigen passiven Immunisierung

Karagiannidis betont zudem nochmals die Möglichkeit einer frühzeitigen passiven Immunisierung, die im Falle einer Infektion schwere Verläufe verhindern kann. In diesem Fall wird der betroffenen Person ein Antikörper gespritzt, der sofort wirkt. Voraussetzung für eine möglichst effektive Behandlung sei zudem, dass eine Virusinfektion in einem sehr frühen Stadium erkannt wird – zum Beispiel durch regelmäßige Tests.

Zum Autorentrio gehört auch Prof. Steffen Weber-Carstens, ebenfalls medizinisch-wissenschaftlicher Leiter des DIVI-Intensivregisters und Leitender Oberarzt der Klinik für Anästhesiologie mit Schwerpunkt operative Intensivmedizin der Charité. Zu befürchten seien nach seiner Meinung in Zukunft auch mehr Krankheitsfälle bei jungen Menschen und noch nicht geimpften Personen sowie älteren Menschen mit Impfdurchbrüchen. Deshalb müsse auch der derzeit gültige Inzidenzwert als wesentliche Richtgröße und Frühwarnung bestehen bleiben. „Er ist direkt gekoppelt an die Intensivbelegung und gibt uns so die Möglichkeit, in den Kliniken rechtzeitig auf neue Entwicklungen zu reagieren.“

Mit einer Impfung die Mortalitäts-und Morbiditätsraten verringern

Im Unterschied zum vergangenen Jahr ist im bevorstehenden Herbst nicht die Politik alleine verantwortlich für Schließungen oder Beschränkungen – oder eben eine Überlastung des Gesundheitssystems: „Mittlerweile haben wir ein wirksames Medikament und jeder für sich kann durch eine Impfung dazu beitragen, das Pandemiegeschehen und dessen Auswirkungen unter Kontrolle zu bekommen“, erklärt Prof. Weber-Carstens. „Wer sich jetzt impft, kann die Mortalitäts- und Morbiditätsraten verringern – also die Häufigkeit der Erkrankungen, die Zahl der schweren Verläufe und die daraus resultierenden Todesfälle“, so der Mediziner. „Leben retten zu können oder schwere COVID-19-Fälle zu verhindern, sollte schon Anreiz genug sein für eine Impfung.“

 

Online nachlesen:

Ergebnisse der Simulationen zum „Intensivbettenbedarf für COVID-19 im Herbst/Winter 2021“.



Quelle: DIVI, 13.08.2021