Beratungsstelle Reprotox an Uniklinik übergeben

Medikamente in Schwangerschaft und Stillzeit

Seit Anfang der 1990-er Jahre hat der Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe mithilfe der Rückmeldungen von Patientinnen mehr als 30.000 Datensätze zur Verträglichkeit verschiedenster Medikamente in der Schwangerschaft zusammengetragen. Diese Datenbank umfasst auch Antworten der Mütter nach der Entbindung sowie Kontrollfälle und ist deshalb besonders aussagekräftig. Gemeinsam mit Paulus‘ publizierten Studien und dem europäischem Netzwerk ENTIS bildet sie die Basis der Beratungen. „Um sich abzusichern, raten Pharmaunternehmen in der Packungsbeilage meist pauschal von der Einnahme eines Medikaments in der Schwangerschaft ab. Dabei haben wir oft zahlreiche Fälle dokumentiert, bei denen die Medikation keine negativen Folgen für Mutter und Kind hatte“, erklärt der Mediziner.

Fall mit „Marcumar“

Dr. Paulus schildert das aktuelle Beispiel einer Patientin, die aufgrund eines angeborenen Herzfehlers auf das gerinnungshemmende Medikament „Marcumar“ angewiesen ist. Als die junge Frau ungeplant schwanger wird, befürchtet ihr Gynäkologe Fehlbildungen – der Hersteller hatte vor einer Einnahme des Medikaments in der Schwangerschaft gewarnt. Doch Dr. Paulus gelingt es, den im Raum stehenden Abbruch zu verhindern: „Über unser europäisches Netzwerk konnten wir auf einige Hundert Datensätze von Marcumar-Anwenderinnen zugreifen und die Patientin beruhigen. Tatsächlich ist die Therapie erst nach der achten Woche möglicherweise fruchtschädigend“, weiß der Mediziner. Die werdende Mutter, die sich in der siebten Woche befand, wurde sofort auf ein gleichwertiges, risikoärmeres Medikament umgestellt. Bisher sind Patientin und Kind wohlauf.

Häufigste Anfragen zu Psychopharmaka

Die häufigsten Anfragen an Dr. Paulus betreffen tatsächlich Psychopharmaka – insbesondere Antidepressiva. Doch auch jahreszeitliche Schwankungen wie steigende Nachfragen zu Antiallergika im Frühjahr sind zu verzeichnen. Weiterhin gehören die Beratung bei Infektionen und äußeren Einflüssen wie Strahlung und Chemikalien vor und in der Schwangerschaft zum Spektrum von Reprotox. Geht es um die Einnahme von Medikamenten in der Stillzeit, arbeitet Paulus auch mit Hebammen zusammen. Zudem melden sich auch immer wieder Männer, die Väter werden wollen, in der Beratungsstelle. Nach einer Chemotherapie oder unter dauerhafter Einnahme von Psychopharmaka fürchten sie um ihre Spermienqualität.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit wird einfacher

Die Rückkehr an die Universitätsklinik bedeuten für Paulus und seine Beratungsstelle zahlreiche Vorteile: Die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Epidemiologen, Statistikern und etwa Pharmakologen wird dadurch einfacher. Zudem will er versuchen, Drittmittel für Forschungsprojekte einzuwerben. Denn obwohl die Basisfinanzierung über einen Zuschuss der Diözese Rottenburg-Stuttgart zunächst für fünf Jahre gesichert ist, muss der Mediziner weiterhin auf Spendengelder bauen. Die ärztliche Beratung kann nämlich nicht mit den Krankenkassen abgerechnet werden. Auch deshalb erhofft sich Paulus durch die Anbindung an die Universitätsklinik Ulm eine stärkere öffentliche Wahrnehmung. (idw, red)

Weitere Informationen:
http://www.reprotox.de/