Meilensteinstudie NETTER-1

„Maßgebliche Veränderung der Nuklearmedizin“

Mit der Publikation der Daten aus dem 5-Jahres-Follow-up endet die Studie NETTER-1 im Juni 2021 und somit eine der längsten Studien zu gastroenteropankreatischen neuroendokrinen Tumoren (GEP-NET). Im Rahmen des digitalen Jahrestreffen der American Society of Clinical Oncology (ASCO) 2021 stellte Novartis finale Daten vor. (1)

Karzinoid

Ein Karzinoid an der Wand des Dünndarms | Gemeinfrei, via Wikimedia Commons

In einer virtuellen Pressekonferenz am 16. Juni 2021 von Advanced Accelerator Applications (AAA), einer hundertprozentigen Novartis-Tochter, gingen Referenten auf die neuen Ergebnisse ein und erläuterten deren Bedeutung im Kontext der Studienlandschaft zu neuroendokrinen Tumoren (NET). In der Primäranalyse der NETTER-1-Studie konnte 177Lu-DOTATATE das progressionsfreie Überleben (progression-free survival, PFS) im Vergleich zu einer Monotherapie mit hochdosiertem, langwirksamem Octreotid signifikant verlängern. (2)

Theragnostik

Das Fachgebiet der Nuklearmedizin hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Während der klinische Fokus der Nuklearmediziner lange Zeit auf der Diagnostik mittels bildgebender Verfahren lag, haben mit der Etablierung der Radioligandentherapie therapeutische Ansätze stark an Bedeutung gewonnen.

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Im Fokus der Langzeitbetrachtung stand das mediane Gesamtüberleben (overall survival, OS) als wichtigster sekundärer Endpunkt. Die Analyse des OS wurde vordefiniert, um nach 158 Todesfällen oder fünf Jahre nach Randomisierung des letzten Patienten zu enden. Der Datenschnitt erfolgte auf Basis der 5-Jahres-Definition am 18. Januar 2021. Das OS betrug 48,0 Monate im Lutathera-Arm versus 36,3 Monate in der Kontroll-Gruppe. (1) Neben anderen Faktoren potenziell beeinflusst durch die hohe Cross-over-Rate von 36 % aus der Kontroll-Gruppe zu einer Radioligandentherapie sowie einer heterogenen Auswahl anschließender Therapien erreichte das Ergebnis keine statistische Signifikanz, ist jedoch aus klinischer Sicht hoch interessant.

NET: Langsam wachsende Tumoren

Das bestätigte Prof. Dr. med. Matthias Weber, Leiter der Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechselkrankheiten an der Universitätsmedizin der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz, im Rahmen der Pressekonferenz: „Aus klinischer Sicht schmälert das nicht erreichte Signifikanzniveau des OS keineswegs den Wert der Therapie für unsere Patienten. NET sind nun einmal langsam wachsende Tumoren und eine seltene Erkrankung, daher kann man bei NET-Studien schon aufgrund der geringen Patientenzahlen und des insgesamt langen Überlebens eigentlich kein statistisch signifikantes OS erwarten. NETTER-1 kommt dem jedoch sehr nahe – ein Jahr Unterschied im Gesamtüberleben ist beeindruckend, auch wenn das Signifikanzniveau verfehlt wurde.“

NETTER-1 ist eine internationale, multizentrische, randomisierte, kontrollierte Phase-III-Studie und erfülle somit hohe onkologische Standards. Zudem sei sie eine der längsten Studien zu GEP-NET. „NETTER-1 stellt eine Meilensteinstudie dar, die das Fachgebiet der Nuklearmedizin maßgeblich verändert hat und wegweisend für die Behandlung von GEP-NET ist“, so Prof. Markus Essler, Direktor der Klinik und Poliklinik für Nuklearmedizin des Universitätsklinikums Bonn, in der Pressekonferenz.

Weniger Krankheitsprogress, höheres Ansprechen

Bereits die Primäranalyse des geschätzten PFS (Datenschnitt nach 20 Monaten) zeigte, dass das Risiko eines Krankheitsprogresses unter 177Lu-DOTATATE gegenüber der Octreotid-Monotherapie um 79 % minimiert ist (HR 0,21; 95 % KI: 0,13 - 0,33; p < 0,001). (2) Ein späterer Datenschnitt zeigte mit einer Risikoverringerung um 82 % (HR 0,18; 95 % KI: 0,11 - 0,29; p < 0,0001) einen noch deutlicheren Vorteil durch die Radioligandentherapie.1 Zudem lag die objektive Ansprechrate (objective response rate, ORR) unter 177Lu-DOTATATE mit 18 % (95 % KI: 10 - 25) signifikant höher als im Kontrollarm mit 3 % (95 % KI: 0 - 6; p < 0,001).2

Neben der finalen Analyse des Gesamtüberlebens standen auch weitere Daten zur Sicherheit und Verträglichkeit von 177Lu-DOTATATE (Lutathera) im Fokus der Publikation. Im Rahmen der Studie traten bei mit 177Lu-DOTATATE behandelten Patienten nur leichte oder mäßige Nephrotoxizitäten auf. (2)  Während der Langzeitbeobachtung gab es keine neuen sicherheitsrelevanten Toxizitäten.

Eine Therapie mit gutem Sicherheitsprofil

Darüber hinaus wurden keine neuen Fälle des myelodysplastischen Syndroms (MDS) oder akuter myeloischer Leukämie (AML) registriert. „Bei 177Lu-DOTATATE handelt es sich insgesamt um eine Therapie mit gutem Sicherheitsprofil. Die NETTER-1-Studie lieferte hierzu den prospektiven Nachweis, der unsere Erfahrungen aus der Klinik bestätigt und die Therapie auf eine noch breitere Evidenzbasis stellt“, führte Prof. Ken Herrmann, Ärztlicher Direktor der Klinik für Nuklearmedizin des Universitätsklinikums Essen, aus. NETTER-1 ist die erste Phase-III-Studie zu Wirksamkeit und Sicherheit von 177Lu-DOTATATE bei Patienten mit gut differenzierten (G1 und G2) GEP-NET2 und bildete die Basis für die erste Zulassung (3,4) einer Radioligandentherapie in dieser Indikation5.

 

Über Lutathera (5)

Lutathera enthält Lutetium-177 [177Lu] Oxodotreotid, ein mit 177Lu markiertes Somatostatin-Analog-Peptid und gehört zu einer Klasse von Arzneimitteln, die zur Peptidrezeptor-Radionuklid-Therapie (PRRT) eingesetzt werden. Lutathera besteht aus einem Zielmolekül, das eine radioaktive Komponente trägt und an maligne Zellen bindet, die Subtyp-2-Somatostatinrezeptoren überexprimieren. Das enthaltene 177Lu ist ein β-Strahlen emittierendes Radionuklid, das Zieltumorzellen abtötet und gleichzeitig lediglich begrenzt auf benachbarte normale Zellen wirkt. Lutathera 370 MBq/ml Infusionslösung ist in der EU zugelassen zur Behandlung von nicht resezierbaren oder metastatischen, progressiven, gut differenzierten (G1 und G2) Somatostatinrezeptor-positiven gastroenteropankreatischen neuroendokrinen Tumoren (GEP-NETs) bei Erwachsenen.

Quellen:

  1. Strosberg J et al. Oral presentation at the 2021 ASCO Annual Meeting; June 4, 2021; abstract 4112.
  2. Strosberg J et al. N Engl J Med. 2017;376(2):125-135.
  3. Zulassung der European Medicines Agency vom 26.09.2017.
  4. Zulassung der U.S. Food and Drug Administration vom 26.01.2018.
  5. LUTATHERA® Fachinformation; Stand: Januar 2021.