Buchbesprechung

Klinikleitfaden Infektiologie

Seit Jahrzehnten erfreuen sich Klinikleitfäden besonderer Beliebtheit: Fachwissen in den unterschiedlichen Disziplinen sind kompakt für den klinischen Alltag zusammengefasst.

Klinikleitfaden Infektiologie

Konzipiert als Begleiter für den klinisch tätigen Arzt in Praxis oder Klinik

Dies ist auch bei dem neuen „Klinikleitfaden Infektiologie“ der Herausgeber Prof. Dr. med. Norma Jung, Köln, Prof. Dr. med. Siegbert Rieg, Freiburg, und Prof. Dr. med. Clara Lehmann, Leiterin der Infektionsambulanz der Universitätsklinik Köln, gelungen. Es besteht kein Zweifel, dass die kontagiösen beziehungsweise seuchenhaften bakteriellen Erkrankungen derzeit in Europa und Nordamerika auf einen ausgesprochenen Tiefstand zurückgedrängt wurden. Bakterielle Infektionen sind aber nicht generell verschwunden. Sie zeigen vielmehr einen Infektionswandel und stellen heute überwiegend sogenannte endogene Infektionen dar, die direkt oder indirekt durch Vertreter der körpereigenen Normalflora ausgelöst werden. Durch die Besiedlung unphysiologischer Standorte entstehen sowohl Lokalinfektionen aller Art, von denen die Harnwegsinfektionen und bakteriellen Atemwegsinfektionen die häufigsten sind, als auch die Sepsis, eine globale Dysfunktion des zellulären Immunsystems (Immunparalyse). Den in seiner Abwehrkraft beeinträchtigten Patienten bedrohen die Vertreter der körpereigenen Normalflora einschließlich der sogenannten opportunistischen Erreger, die lebensbedrohliche Erkrankungen auslösen können. Ein allzu unkritischer und extensiver Einsatz von antimikrobiellen Chemotherapeutika selektioniert Problemkeime; besonders aus der Gruppe der gramnegativen Erreger haben sie sich in den letzten Jahren dramatisch verbreitet, darunter vorwiegend Bakterien, die eine Betalaktamase mit erweitertem Spektrum (ESBL) bilden – sogenannte MRGN. Patienten mit Infektionen, die durch antibiotikaresistente Bakterien verursacht werden, weisen in der Regel ein erhöhtes Risiko von Komplikationen sowie bei schweren Infektionen eine erhöhte Mortalität auf und verbrauchen mehr Ressourcen im Gesundheitswesen verglichen mit Patienten, die mit den gleichen, aber antibiotikasensiblen Bakterienstämmen infiziert sind. Die Sterblichkeitsrate bei Patienten mit schweren Infektionen durch MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus) oder Bakterien aus der Gruppe der MRGN ist in etwa doppelt so hoch. Weitere gefährdete Bereiche sind Transplantationszentren, Dialyseeinrichtungen, hämatologische Stationen und alle anderen Klinikregionen mit hohem antibiotischem Selektionsdruck und/oder Mängeln in der allgemeinen Klinikhygiene; zu wenig adäquates Fachwissen und Fachpersonal in diesem Sektor gefährdet Patientenleben. Den Autoren und Herausgebern war es ein Anliegen, die klinischen Aspekte moderner Infektionsmedizin in den Vordergrund zu stellen. Dies ist den Herausgebern auch gelungen.

In 24 Kapiteln werden alle gegenwärtigen Infektionen, unter anderen auch die Grundlagen der Antibiotikatherapie, der Infektionskontrollen, die mikrobiologische Diagnostik, Fieber unklarer Genese, Infektionen bei Immunschwäche, Blutstrominfektionen, Zoonosen sowie häufige Infektionen bei Reiserückkehrern, Infektionen bei Schwangeren, respiratorische Infektionen, Kopf- und Halsinfektionen, kardiovaskuläre Infektionen, gastrointestinale Infektionen, intraabdominelle Infektionen, Harnwegsinfektionen, sexuell übertragbare Infektionen, infektiöse ZNS-Erkrankungen, Augeninfektionen, Haut- und Weichgewebeinfektionen, Knochen- und Gelenkinfektionen, Virusinfektionen und auch das neue SARS-CoV-2, Erkrankungen durch Mykobakterien sowie die tropischen Parasitosen thematisiert. Vor diesem Hintergrund ist der „Klinikleitfaden Infektiologie“ als Begleiter für den klinisch tätigen Arzt in Praxis oder Klinik konzipiert. Ärzte verschiedenster Fachbereiche werden angesprochen, da die Prävention, Diagnostik und Therapie von Infektionserkrankungen nahezu alle medizinischen Disziplinen betreffen. Das Buch gibt praxisnahe Handlungsanweisungen für die Prävention und Therapie von Infektionen nach gegenwärtigem Wissensstand wieder. Es gibt darüber hinaus einen Überblick über diagnostische Methoden und eine Hilfestellung in der Interpretation der erhobenen Befunde. In summa: Der Klinikleitfaden stellt gegenwärtig im deutschsprachigen Raum das umfangreichste Kompendium der Infektiologie dar. Es sei aber angemerkt, dass es kein Lehrbuch der medizinischen Mikrobiologie oder gar der Infektiologie komplett ersetzt! Jedem Arzt und auch dem medizinischen Fachpersonal kann der Klinikleitfaden uneingeschränkt empfohlen werden, denn Infektionen waren und sind weltweit die Hauptursache für Krankheit und Tod.

Klinikleitfaden Infektiologie
Von: Norma Jung, Siegbert Rieg, Clara Lehmann (Hrsg.), Urban & Fischer Verlag/Elsevier GmbH 2021, ISBN-10: 3437223216, ISBN-13: 978–3437223211, Preis: 52 Euro

 

Entnommen aus MTA Dialog 4/2021