Piagets Theorie der kognitiven Entwicklung

Kinder altersgerecht zur Untersuchung anleiten

Erkenntnisse aus der Entwicklungspsychologie können MTRA nutzen, um Kinder altersgerecht zu Untersuchungen anzuleiten. Der Schweizer Biologe und Entwicklungspsychologe Jean Piaget hat ein theoretisches Modell zu kognitiven Entwicklungsstufen von Kindern, bezogen auf das Alter, erarbeitet.

Kinder altersgerecht zur Untersuchung anleiten

MRT mit Kinetic Sensor | © Siemens Healthineers

Für Kinder stellen Krankenhäuser und Arztpraxen in der Regel bedrohliche Orte dar. Unbekannte, große Maschinen, fremde Menschen, Angst vor Spritzen oder Erinnerungen an gemachte, meist unangenehme Erfahrungen können Kinder dazu bringen, sich notwendigen Untersuchungen zu verweigern. Erkenntnisse aus der Entwicklungspsychologie können MTRA nutzen, um Kinder altersgerecht zu Untersuchungen anzuleiten. Der Schweizer Biologe und Entwicklungspsychologe Jean Piaget hat ein theoretisches Modell zu kognitiven Entwicklungsstufen von Kindern, bezogen auf das Alter, erarbeitet, welches zu erklären versucht, wie sich das Denken und Erleben der Umwelt vom Säugling bis hin zum Erwachsenen verändert.

Piaget beschreibt vier Faktoren, welche Einfluss darauf haben, wie sich das Denken im Verlauf der kognitiven Entwicklung verändert:

1. Biologische Reifung des Gehirns (gut erkennbar in der MRT anhand der Faltung der Hirnwindungen)

2. Aktivität beim Wachsen der körperlichen Fähigkeiten und damit der Einflussnahme auf die Umwelt (zum Beispiel beim Schaukeln oder Wippen)

3. Soziale Transmission beziehungsweise das Lernen von anderen in sozialen Beziehungen (gut beobachtbar in der Beziehung zwischen Geschwistern)

4. Äquilibration beziehungsweise die Suche nach einem mentalen Gleichgewicht (die Erklärungen für das eigene Denken müssen zur Umwelt passen, damit wir uns wohlfühlen).

Nach Piaget gibt es vier Stufen der kognitiven Entwicklung, denen sich sowohl ein ungefähres Alter als auch bestimmte Merkmale zuordnen lassen. Aus diesen Entwicklungsstufen kann man, je nach kognitiver Leistungsfähigkeit des Kindes, Hinweise zum altersgerechten Umgang mit kleinen Patienten und Patientinnen ableiten.

Im Alter von circa null bis zwei Jahren spricht man von der sensomotorischen Entwicklungsstufe. Hier ist das Denken von Säuglingen und Kleinkindern eng an die Wahrnehmung gebunden. Zunächst stehen direkte Erlebnisse wie Schmecken, Hören, Tasten und Sehen im Zentrum der Wahrnehmung, bis sich allmählich die Erkenntnis entwickelt, dass Dinge auch dann noch existieren, wenn sie nicht direkt wahrnehmbar sind.

In einer radiologischen Abteilung sind also Erklärungen zur Untersuchung oder das Zeigen komplexer Abläufe eher etwas für die Eltern, als für das zu untersuchende Kind. Dafür spielt die Bezugsperson, die Mutter oder der Vater, eine sehr große Rolle und sollte sich idealerweise nicht außerhalb des Blickfeldes des Kindes befinden, vorausgesetzt die Eltern unterstützen durch ihr Handeln den Untersuchungsablauf.

Die nächste Entwicklungsstufe nach Piaget ist die sogenannte präoperationale Stufe, die sich im Alter von circa zwei bis sieben Jahren bewegt, also im Klein- und Vorschulkindesalter.

In diesem Alter entwickeln sich die Sprache eines Kindes und das symbolische Denken. Der aktive Wortschatz von Kindern besteht in dieser Phase aus circa 2.500 Wörtern, während der passive Wortschatz schon circa 13.000 Wörter umfasst. Die Kinder verstehen also viel mehr, als sie ausdrücken können. Doch Achtung: Kinder haben gegebenenfalls eine andere Auffassung von Wörtern. So ist es schon passiert, dass bei einer Handaufnahme der Hinweis „jetzt die Hand still festhalten“ die kleine Patientin die gesunde Hand dazu nutzte, die zu röntgende Hand festzuhalten. Dem Ziel näher kam die Kollegin mit der Anweisung aufzupassen, dass die Hand „schläft und sich nicht bewegt“.

Vorschulkinder befinden sich in einer Phase der scheinbar grenzenlosen Energie, wollen sich ständig bewegen und möglichst alles erfahren. „Warum?“ ist eine Lieblingsfrage. Auch sogenannte „Als-ob-Spiele“ stehen bei Kindern in diesem Alter hoch im Kurs. So tun, als ob man Sandkuchen isst oder aus einer leeren Tasse trinkt.

Im Untersuchungskontext kann es Kindern in diesem Alter helfen, wenn sie einen Untersuchungsraum zunächst erkunden dürfen, um dann so zu tun, „als ob“ man ein Foto mit einem riesigen Fotoapparat macht. Wenn man dann hinterher den Kindern erlaubt, auch selbst das Foto zu sehen oder (bei Ausdrucken) mitzunehmen, wird die nächste Aufnahme sicher einfacher. Auch benötigen Kinder gegebenenfalls die Zeit, sich allein einer Situation zu stellen und diese zu bewältigen („Papa, das kann ich schon alleine“). Hier sollte man einem Kind, auch bei knappen Zeitressourcen, die Chance geben, selbst Herr oder Herrin der Lage zu sein.

Im Grundschulalter befinden sich Kinder laut Piaget in der konkret-operationalen Stufe der Entwicklung. Diese zeichnet sich, neben einem größeren Wortschatz, durch die Fähigkeit des logischen Denkens aus. So können Kinder in diesem Alter sehr gut nachvollziehen, dass sich Elemente der physikalischen Welt verändern können, ohne dass sie dadurch ihre Merkmale verlieren, zum Beispiel Wasser und Wasserdampf. In diesem Alter verstehen Kinder sogenannte Regel-Spiele und, dass man nicht „Schummeln“ darf.

In diesem Alter können im Krankenhaus kindgerechte Broschüren helfen mit der Situation umzugehen oder bereits an gemachte Erfahrungen anknüpfen, zum Beispiel „kennst du ...?“. Kollegen/-innen berichteten von Kindern, die sich gut an die gemachte Erfahrung einer kleinen Belohnung nach einer Untersuchung erinnerten und allein deswegen ein Röntgenbild machen ließen.

Ab dem elften Lebensjahr beziehungsweise dem Besuch der weiterführenden Schule haben Kinder, nach Auffassung Piagets, die formal-operationale Stufe als höchste kognitive Entwicklungsstufe erreicht beziehungsweise bauen diese innerhalb der Schuldbildung aus. Die Fähigkeit zum logischen, wissenschaftlichen und abstrakten Denken entwickelt sich weiter und gesellschaftspolitische Fragen werden zunehmend interessant.

Neben der kognitiven Entwicklung spielen in der Pubertät Fragen der eigenen Identität und die Diskrepanz zwischen der körperlich-psychologischen und der sexuellen Reife eine große Rolle. Insbesondere bei frühentwickelten Jugendlichen gibt es Unterschiede bei Jungen und Mädchen.

Während frühreife Jungen Selbstbewusstsein daraus ziehen, dass sie bereits männliche Stereotype bedienen (Athletik, breite Schultern, Männlichkeit) und häufiger zu Anführern ihrer Gruppe werden, können frühreife Mädchen unter ihrer abweichenden Körpergröße eher leiden. Hier ist bei Untersuchungen besonders auf die Berücksichtigung des Schamgefühls zu achten. Welche Zwölfjährige möchte schon im Beisein der Mutter gefragt werden, ob sie schon ihre Menstruation hat und schwanger sein könnte.

Obwohl Piagets Modell der kognitiven Entwicklung eindrucksvoll beobachtbare Veränderungen in der Entwicklung von Kindern beschreibt, hat es Grenzen und wird von anderen Psychologen und Psychologinnen kritisiert.

Piaget beschreibt beispielsweise eine „sprunghafte“ Entwicklung von einer Stufe in die nächste, quasi mit dem Geburtstag und als kontinuierlichen Prozess, der nicht bei allen Kindern gleich sein muss. Wie sonst soll man sich „Wunderkinder“ zum Beispiel im Schachspielen erklären? Hat Piaget die Fähigkeiten von Kindern unterschätzt oder zu wenig Wert auf andere Einflüsse gelegt? Seine Theorie vernachlässigt nämlich auch soziale oder kulturelle Einflüsse. Können Kinder aus Industriestaaten vielleicht logisch-wissenschaftlich Denken, weil es ihnen in der Schule beigebracht wird und sie durch die jeweilige Gesellschafts- und Systemform, in der bereits ihre Eltern geboren sind und in der diese Attribute besonderen Wert haben, geprägt sind?

Vor dem Hintergrund der biografischen Meilensteine Piagets sind das hochrelevante Fragen, die sich die noch junge Forschungsdiszi-plin der Pädiatrie stellt. Darüber hinaus ist das Stufenmodell Piagets ausschließlich beschreibend und weniger erklärend, sodass Ursache-Wirkungs-Mechanismen, zum Beispiel warum das eine Kind bis zu einem bestimmten Alter in der Lage ist, einen abstrakten Begriff zu entwickeln und das andere nicht, als Blackbox verweilen. Unabhängig davon, dass einige Fragen nicht oder vielleicht sogar alle Jahre neu beantwortet werden müssen, sind Kinder im Krankenhaus einer Extremsituation ausgesetzt und verdienen, dass sich das medizinische Personal mit ihren Bedürfnissen auseinandersetzt, um die optimale Diagnostik und Therapie zu ermöglichen. Das gelingt nur, wenn man sich nicht ausschließlich mit den technischen Aspekten einer Untersuchung auseinandersetzt, sondern auch psychologische Aspekte zur Anleitung berücksichtigt. Hierzu geben unter anderem die psychoanalytischen Entwicklungstheorien von Freud, Klein und Bion einen guten Überblick, indem zum Beispiel auch auf die Bedeutsamkeit der Erfahrung von Trennung und Verbundenheit fallanalytisch eingegangen wird. Gerade in Krankenhaussituationen ist es wichtig, auf den Trennungsschmerz des Kindes, bezogen auf seine Bezugspersonen, einzugehen, mag dieser zeitlich gesehen für einen Erwachsenen als irrelevant eingestuft werden, zum Beispiel während einer Untersuchung. Hier gilt es auch für das Fachpersonal, die Angehörigen entsprechend gut beraten zu können und auf etwaige Herausforderungen hinzuweisen.

Vor diesem Hintergrund bietet das DIW-MTA spezielle Seminare im Rahmen der Kinderradiologie sowie die Qualifikation „Spezialist/-in für Kinderradiologie“ an. Neben dem im Dezember 2019 stattfindenden Modul „Pädiatrische MRT“, kann im Januar 2020 wieder das Seminar „Kinderradiologie“ mit dem Schwerpunkt auf der konventionellen Diagnostik belegt werden. In beiden Seminaren wird, neben den technischen Aspekten, auf die spezielle Krankheitslehre von Kindern sowie die Anleitung und Betreuung von Kindern und deren Angehörigen in der Radiologie großen Wert gelegt.

Zum Umgang mit Kindern im Fachgebiet der Pädiatrie, gehört, wie verdeutlicht, auch die Kompetenz, zielgruppenorientiert und bedarfsgerecht, vor allem altersgerecht, zu kommunizieren. Kommunikation ist unumstritten eine Schlüsselgröße, die längst in jeglichen Berufssektoren ihre verdiente Berechtigung erlangt hat. Wie möchten Sie selbst als Patient oder Patientin angesprochen werden? Wie soll mit Ihnen umgegangen und kommuniziert werden? Eine nicht so gemeinte Floskel, Redewendung, Aussage oder der oft so gut gemeinte Ratschlag eines/r Kollegen/-in zu einem/r Patienten/-in kann im Gegenüber ein ohnehin schon bestehendes Unbehagen verstärken, Ängste auslösen, die Wertigkeit der Personengruppe Patient/-in herabsetzen oder zu sonstigen Interpretationen des eigenen Gesundheitszustandes führen. Das gilt nicht nur für die kleinen Patienten/-innen, sondern auch für die großen. Für das Fachpersonal ist es aber manchmal gar nicht so einfach zu wissen, wie mit ungewohnten Situationen (zum Beispiel Ansprache von heiklen Themen) oder mit der Überlieferung schlechter Nachrichten, umzugehen ist. Wie führe ich Gespräche mit verschiedenen Patientengruppen, um diese zum Beispiel gut im Untersuchungsprozess anleiten zu können? Dieser Fragestellung nimmt sich das Seminar zur „Patientenzentrierten Kommunikation in der Radiologie“ an, indem die Teilnehmenden zu einem professionellen Umgang mit Ängsten psychoonkologischer, gerontologischer und pädiatrischer Patienten/-innen und deren Angehörigen angeregt werden. Techniken der patientenzentrierten Gesprächsführung und die Schulung von Methoden zur Steigerung der eigenen Kommunikations- und Anleitungskompetenz, um damit einen direkten Einfluss auf das Gelingen von Arbeitsabläufen und die Qualität der diagnostischen Untersuchungen zu nehmen, erweitern das Seminar. Das Seminar kann als Wahlmodul für den Weiterbildungsabschluss „Spezialist/-in für Kinderradiologie (DIW-MTA)“ eingebracht werden.

Im Sinne Watzlawicks, denken Sie daran „man kann nicht nicht kommunizieren, denn jede Kommunikation (nicht nur mit Worten) ist Verhalten […]“ (Watzlawick, et al. 1969, S. 53).

Literatur

1. Diem-Wille G: Die frühen Lebensjahre. Psychoanalytische Entwicklungstheorien nach Freud, Klein und Bion. 2nd revised edition. Kohlhammer 2013.
2. Piaget J: Das Erwachen der Intelligenz beim Kinde. Stuttgart: Klett 1969.
3. Watzlawick P, et al.: Menschliche Kommunikation. Bern, Stuttgart, Wien: Huber 1969.
4. Woolfolk A: Pädagogische Psychologie. 10th edition. München: Pearson Deutschland GmbH.

 

Entnommen aus MTA Dialog 10/2019