Der „wilde Ungar“ oder der „Retter der Mütter“

Kennen Sie Ignaz Semmelweis?

In seiner Novelle vom „Schimmelreiter“ erzählt Theodor Storm (1817–1888), wie die Frau des Deichgrafen Hauke Haien an Kindbettfieber erkrankt und stirbt. Das Wochenbettfieber war jahrhundertelang gleichzeitig ein Fluch und ein Rätsel der Geburtshelfer und Gynäkologen, ganz zu schweigen davon, dass es ein Albtraum der Schwangeren war.

Kennen Sie Ignaz Semmelweis?

Ignaz Semmelweis 1860 | © Jenó Doby, Benedek, István, Gyomaendród, Hungary: Corvina Kiadó, Public Domain

Ein sechs- bis achtwöchiger Zeitraum nach der Entbindung wird als Wochenbett oder Kindbett (lat.: Puerperium) bezeichnet. Der mütterliche Organismus benötigt diese Zeit zur Regeneration der geburtsbedingten Veränderung. Bis 1930 galt es für die jungen Mütter, nach der Geburt umsorgt das Bett zu hüten, um sich zu erholen. Unbekannt war damals das Risiko einer Thrombose, der Stau des Wochenflusses (Lochialstau) oder die Gefahr einer Infektion. Die damals unbekannten Erreger des Puerperalfiebers sind meist Streptokokken, Staphylokokken, gelegentlich auch Coli-Bakterien, Gonokokken oder andere. Häufig handelt es sich um eine Mischinfektion. Die Infektionszeit dauert je nach Erreger meist nur einige Tage. Die oft zu einem schnellen Tod führende Infektion löst bei den Wöchnerinnen fieberhafte, eitrige Entzündungen im Bereich des Unterleibs aus. Vorwiegend sind davon die Umgebung der Gebärmutter und das Bauchfell betroffen

Der von seinen Kollegen als „wilder Ungar“ und von der Öffentlichkeit Wiens als „Retter der Mütter“ geschätzte Ignaz Semmelweis (1818–1865) konnte diese Erkrankung durch die Einführung von hygienischen Maßnahmen erfolgreich bekämpfen. Bereits im 18. Jahrhundert gab es erste Vermutungen über die Hintergründe des Kindbett- oder Puerperalfiebers (puerperal Engl.: Adj. Kindbett, Wochenbett). Thomas Denman (1733–1815), ein Geburtshelfer aus London, war 1768 der erste, der die Übertragungswege des Kindbettfiebers vermutete. Charles Powell White (1728–1813), ein Chirurg und Geburtshelfer aus Manchester, verlangte die gründliche Reinigung der Kreißsäle, da er vermutete, dass die Entzündung durch das medizinische Personal ausgelöst wird. Trotz mangelnder Kenntnis irgendwelcher Krankheitserreger war er in der Lage, die Kindbettfieberinfektionen einzudämmen.

Erstausgabe des Hauptwerkes von Semmelweis | © I. Semmelweis, Public Domain, via Wikimedia Commons

Zwischen 1826 und 1833 gelang es dem britischen Gynäkologen R. Collins (1800–1868) mit ähnlichen Mitteln im Rotunda Hospital in Dublin, bei mehr als 10.000 Geburten tödliche Kindbettfiebererkrankungen auf einen einzigen Fall zu reduzieren. Das war für die damalige Zeit ein unvorstellbarer Fortschritt. So unbequem die Wahrheit über den Zusammenhang zwischen der Hygiene der Geburtshelfer und dem Wochenbettfieber auch gewesen sein muss, war doch die Erkenntnis dieser Korrelation nicht mehr aufzuhalten. Allerdings wurden viele Verfechter dieser Infektionstheorie von diversen Kollegen leidenschaftlich bekämpft. Der amerikanische Arzt Oliver Wendell Holmes (1809–1894) traf 1843 den Nerv der damaligen Gynäkologen, als er behauptete, dass die Kindbettfieberinfektionen häufig durch das Krankenhauspersonal von einer erkrankten Patientin auf eine gesunde übertragen werde. Im Jahr 1846 begann Ignaz Semmelweis in der Gebärklinik des Wiener Allgemeinen Krankenhauses seine Tätigkeit als Arzt der Geburtshilfe. Zu dieser Zeit starb fast jede zehnte Wöchnerin an Kindbettfieber. Semmelweis vermutete ebenfalls eine Kontaktinfektion der Geburtswunde durch ein „Leichengift“, vielleicht ausgelöst durch üble Gerüche oder „kadaveröse Stoffe“ an den Händen der behandelnden Ärzte, die sogleich aus dem Sektionssaal auf die Wöchnerinnenstationen wechselten und sich nicht die Hände wuschen.

Auf den von Ärzten geleiteten Geburtshilfestationen erkrankten 20 Prozent mehr Wöchnerinnen als in der von Hebammen betreuten Abteilung. Bestätigt wurde Semmelweis Ansicht durch den plötzlichen Tod eines Gerichtsmediziners, der sich während einer Obduktion verletzte und starb. Seine Leiche wies ähnliche Veränderungen wie die Kindbettfieberopfer auf. Semmelweis benutzte nunmehr Tabellen, um die Sterblichkeitsdaten der verschiedenen Abteilungen besser zu verstehen. Er verordnete das „Händewaschen“! Bevor die Ärzte und Studenten die jungen Mütter berührten, mussten sie ihre Hände mit Chlorkalklösung waschen. Knapp zwei Monate später wurden nur noch drei Prozent der jungen Mütter mit Kindbettfieber infiziert. Ignaz Semmelweis kann man wie Joseph Lister (1827–1912) als Vorreiter der modernen Antisepsis bezeichnen. Leider erntete er seinerzeit von seinen Kollegen eher Feindschaft als Anerkennung. Bedauerlicherweise konnte er seinen späteren Ruhm und seine Anerkennung nicht miterleben. Er starb 1865 mit nur 47 Jahren tragisch in einer „Irrenanstalt“ bei Wien an einer Blutvergiftung, welche er sich bei einer Operation zugezogen hatte. Doch der Weg zur Bekämpfung des Kindbettfiebers wurde von Ignaz Semmelweis vorgezeichnet. Verbesserte hygienische Maßnahmen, antiseptische Bedingungen und die Einführung von Antibiotika sorgten bereits in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts für einen steten Rückgang der Puerperalsepsis. Generationen von Menschen wurde also das Leben gerettet. Das Wort Kindbettfieber klingt eher altmodisch. Kindbettfieberinfektionen sind in den Industrieländern inzwischen selten, jedoch gilt das nicht für die ärmeren Länder und für die weltweiten Krisengebiete. Wo Mütter ihre Kinder unter schwierigsten Bedingungen gebären, ist das Infektionsrisiko dementsprechend sehr hoch. Auch heute noch wird dann diese Infektion häufig von Geburtshelfern übertragen.

Literatur

1. Céline LF: Leben und Werk des Philipp Ignaz Semmelweis. Karolinger Verlag 1980.
2. Tschirk W: Tödliche Wahrheit: Roman um Ignaz Semmelweis, der das Kindbettfieber besiegte. Berlin: Frieling Verlag 2001.
3. Semmelweis IP: Die Ätiologie, der Begriff und die Prophylaxe des Kindbettfiebers. Reprint of the Original from 1861, 2015.
4. Panknin H-T, Trautmann M: A-Streptokokken in der Geburtshilfe. Welche mikrobiologischen Tests sichern die Erkrankung? MTA Dialog 1/2018.

 

Entnommen aus MTA Dialog 6/2018