Historisches

Kennen Sie die Geschichte der In-vitro-Fertilisation (IVF)?

Ein unerfüllter Kinderwunsch ist ein Problem, das gerade in der westlichen Welt viele Fragen, Ängste und Zweifel, sowohl für Frauen als auch für Männer aufwirft.

Kennen Sie die Geschichte der In-vitro-Fertilisation (IVF)?

Bourn Hall Klinik | © Andrew Dunn, keine Änderungen, CC BY-SA 2.0, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.en

Für Paare, welche auf natürlichem Wege keine Kinder bekommen konnten, gab es bis zum Ende der 1970er-Jahre nur die Möglichkeit der Adoption. Mittlerweile muss dieser Kinderwunsch nicht mehr unerfüllt bleiben. Die Medizin entwickelte eine Methode zur Behandlung der Unfruchtbarkeit: „die künstliche Befruchtung“ beziehungsweise die „In-vitro-Fertilisation“, bei der weibliche Zellen im Labor mit Spermien befruchtet werden. Diese Methode wurde in den 1960er- und 1970er-Jahren von Robert Edwards (1925–2013) und Patrick Steptoe (1913–1988) entwickelt. Bereits Ende der 1950er-Jahre experimentierte der britische Gynäkologe Robert Edwards mit Ei- und Samenzellen von Tieren und Menschen und befasste sich mit den Vorgängen der Fortpflanzung. Es müsse doch möglich sein, so Edwards, ein Leben im Reagenzglas zu schaffen! Unter Laborbedingungen versuchte er, menschliche Eizellen zu kultivieren und zu befruchten. Im Jahre 1965 konnte Edwards seinen ersten großen Erfolg verzeichnen. Drei Eizellen reiften heran und er befruchtete sie mit seinem eigenen Sperma. Ethisch sicherlich ein fragwürdiger Versuch.

Der Gynäkologe Patrick Steptoe befasste sich ebenfalls mit der Thematik der künstlichen Befruchtung. Er behandelte zu Beginn der 1960er-Jahre viele Patientinnen, die wegen blockierter Eileiter unfruchtbar waren. Eine Eizelle wandert eigentlich durch den weiblichen Eileiter, trifft dort mit einer Samenzelle zusammen und gelangt anschließend in den Uterus, wo sie sich einnistet. Steptoe suchte nach einer Lösung, wie man das Problem des blockierten Eileiters umgehen konnte und erlernte die Laparoskopie (altgriechisch: lapára „die Weichen“, skopeîn „betrachten“). Der Gynäkologe konnte nun mit dieser „Schlüssellochchirurgie“ Eizellen unter visueller Kontrolle über Glasfaserkameras aus dem Eierstock entnehmen, außerhalb des Körpers mit einer Samenzelle befruchten, mehrere Tage am Leben halten und wieder zurück in die Gebärmutter transferieren. Diese Methode ist heute als „Reagenzglasbefruchtung” Realität geworden. Man benutzte nie Reagenzgläser, geschweige denn, wie die alten Alchimisten zur Destillation, Retorten (lateinisch: zurückgedrehtes Gefäß), sondern eher wie auch heute flache Schalen.

Edwards nahm Kontakt zu Steptoe auf. Den beiden Wissenschaftlern gelang es nun, den optimalen Zeitpunkt zur Entnahme einer Eizelle zu ermitteln und auf diesem Wege konnten beide das Verfahren immer weiter verfeinern. Im Februar 1969 gab Edwards gemeinsam mit Patrick Steptoe in „Nature“ bekannt, ihnen sei erstmals die Befruchtung von 13 menschlichen Eizellen außerhalb des Körpers gelungen. Im letzten Schritt, nachdem ein Weg für die künstliche Befruchtung gefunden war, musste die befruchtete Eizelle in die Gebärmutter einer Frau eingesetzt werden. Neun Jahre später, im Juli 1978, kam Louise Brown zur Welt, das erste „Retortenbaby“. Die kleine Engländerin, die am 25. Juli 1978 im Royal Hospital der englischen Kleinstadt Oldham per Kaiserschnitt auf die Welt kam, war 49 cm groß, 2.600 g schwer und konnte sich zu einer gesunden Frau entwickeln. Sie heiratete und brachte 2006 selbst ein Kind auf natürlichem Wege nach einer ebenso natürlichen Befruchtung zur Welt. 1980 gründeten Steptoe, Krankenschwester Jean Purdy und Edwards die Bourn Hall Klinik als Zentrum für die Behandlung von Unfruchtbarkeit. Steptoe war dort medizinischer Direktor bis zu seinem Tod.

Der Fortpflanzungsmediziner Robert Edwards, der 1925 in Manchester geboren wurde, gilt als Begründer der Retortenmedizin. Er bekam 2010 den Nobelpreis für Medizin. Er habe laut Nobelpreisjury von der ersten Idee zur Zeugung eines Embryos im Reagenzglas in den 1950er-Jahren bis zur Therapie ein ganz neues Gebiet der Medizin geschaffen. Mittlerweile gibt es in Deutschland circa 125 Fachpraxen oder „Kinderwunschzentren“, die jährlich circa 90.000 Behandlungen durchführen. Die absolute Zahl, wie auch die Erfolgsquoten erhöhen sich laut Aussagen der Experten ständig. Zuletzt habe eine von fünf Befruchtungen zu einer Geburt geführt.

Bis heute ist die IVF-Methode umstritten und ethische Bedenken bleiben bestehen. Die Risiken und Belastungen für die Frau sind nicht unerheblich. Es gibt häufiger Fehl-, Mehrlings- und Frühgeburten als bei natürlichen Schwangerschaften, ferner bedarf das Verfahren Hormonbehandlungen, Narkosen oder auch Bauchpunktionen. In Dänemark werden übrigens die weltweit meisten Kinder nach einer In-vitro-Fertilisation geboren. Auf die Gesamtzahl der Geburten berechnet, ist die Rate dieser Kinder hier fast doppelt so hoch wie in Deutschland. Weiterentwickelt wurde die Intra-cytoplasmatische Sperma-Injektion (ICSI). Man wählt im Labor „geeignetes“ Spermium aus und injiziert dieses unter einem Mikroskop über eine dünne Nadel direkt in die Eizelle. Kontrovers wird zurzeit in der BRD die Präimplantationsdiagnostik (PID) diskutiert. Mit dieser Methode können Gendefekte bereits bei einem im Reagenzglas gezeugten Embryo erkannt werden, ehe dieser überhaupt in die Gebärmutter eingesetzt wird. Wird ein Gendefekt diagnostiziert, der eine schwere Behinderung des Kindes zur Folge hätte, könnte man den Embryo absterben lassen. In zahlreichen Ländern ist die PID allerdings nur mit erheblichen Einschränkungen zulässig, so etwa die Diagnose schwerer Erbkrankheiten. Weltweit hat ungefähr eines von sechs Paaren Probleme bei der Fortpflanzung.

Die möglichen Ursachen der Unfruchtbarkeit beim Mann können folgende sein:

  • Mumpsinfektion in der Kindheit
  • Krampfadern in den Hoden
  • Hodenhochstand
  • Hormonstörungen
  • Diabetes
  • Operierte Tumore
  • Schädigung der Erbanlagen
  • Infektionen
  • Umweltbelastungen
  • Lebenswandel (Übergewicht, ungesunde Ernährung, Stress, Umweltbelastungen usw.)

Hingegen können folgende Ursachen die Fruchtbarkeit einer Frau beeinflussen:

  • Störung der Eizellreifung
  • Eileiterbedingte Unfruchtbarkeit
  • Endometriose
  • Veränderung der Gebärmutter und des Gebärmutterhalses
  • Fehlbildungen von Eierstöcken, Eileitern oder Gebärmutter
  • Polyzystisches Ovarsyndrom
  • Störungen im Immunsystem
  • Umweltbelastungen
  • Lebenswandel (Übergewicht, ungesunde Ernährung, Stress, Umweltbelastungen usw.)

 

Entnommen aus MTA Dialog 10/2020