Erfahrungen mit der Corona-Krise und der Digitalisierung

Interview mit Schulleiterin Sabine Habermann

Sabine Habermann ist Schulleiterin der MTRA-Schule an der UKSH Akademie. Im Interview geht sie auf die Herausforderungen durch die Corona-Krise sowie die Chancen durch die Digitalisierung ein.

Interview mit Schulleiterin Sabine Habermann

Sabine Habermann | © UKSH

Frau Habermann, wie sind Sie als Schulleiterin der MTRA-Schule an der UKSH Akademie mit der Corona-Krise umgegangen? Was waren Ihre Erfahrungen? Wie findet bei Ihnen aktuell der Unterricht für die MTA-Auszubildenden statt?

Wir haben den Präsenzunterricht von einem Tag auf den anderen in Online-Unterrichte umgesetzt. Wir hatten das Glück, dass die Akademie die Plattform OLAT (Online Learning And Training) für die Lehre zur Verfügung gestellt hat und wir Adobe-Connect-Lizenzen erhalten haben.

Besonders wichtig war hier, die Auszubildenden mit dem Homeoffice vertraut zu machen und ihnen eine Struktur für ihren eigenen Arbeitstag an die Hand zu geben. Hierbei wurde von ihnen viel Disziplin und Sorgfältigkeit verlangt. Ebenso hatten nicht alle die optimale technische Ausstattung und oft waren die Internetverbindungen nicht stabil, da auf einmal zu viele Menschen online unterwegs waren. Wir sind dann auf weniger frequentierte Zeiten ausgewichen. Dieses Problem hat sich zum Glück durch den Zukauf von weiteren Lizenzen von alleine gelöst.

Besonders schwierig für die Lehrkräfte und Dozenten war die zeitliche Einschätzung für die Bearbeitung von Arbeitsaufträgen gewesen. Wir mussten oft feststellen, dass die Auszubildenden alleine um einiges mehr an Zeit benötigten, um die Themen zu bearbeiten, als wenn sie in Präsenz in der Schule sind.

Mir war es insofern wichtig, mich wöchentlich mit den Kursen darüber auszutauschen, was gut lief, wo sie eventuell noch mehr Zeit benötigten, wo es Verständnisschwierigkeiten gab, bei welchen Themen sie Hilfe benötigten und was zum Beispiel noch zu bestimmten Inhalten ergänzt werden musste. Um die Probleme zeitnah zu lösen, stand ich wiederum in sehr engem Kontakt mit den Lehrkräften und Fremddozenten, damit alle auf die Bedürfnisse der Auszubildenden und Änderungen schnell reagieren konnten. Natürlich gab es auch Fremddozenten, die sich nicht an die Online-Unterrichte herangetraut hatten. Doch alle waren sehr bemüht gewesen und haben lösungsorientiert daran gearbeitet, den zu unterrichtenden Stoff qualitativ hochwertig und verständlich zu vermitteln.

Momentan unterrichten wir den halben Kurs im täglichen Wechsel in Präsenz und schalten die andere Hälfte, die im Homeoffice ist, online dazu, damit alle den Unterricht mitverfolgen und Fragen stellen können sowie mit integriert werden können, zum Beispiel in Form von Arbeitsgruppen. Das funktioniert bisher sehr gut. Zu beachten ist hier für die Lehrenden, dass der Unterricht methodisch anders aufbereitet werden muss. Die Auszubildenden sind in der momentanen Situation sehr froh darüber, dass sie den regelmäßigen Austausch mit ihren Mitschülern und auch den Lehrkräften haben und nicht täglich alleine auf sich selbst gestellt sind.

Waren Sie auf solch ein Szenario in irgendeiner Form vorbereitet?

Nein, ich glaube, darauf ist niemand so wirklich vorbereitet gewesen. Unser Vorteil ist vielleicht gewesen, dass wir schon im Vorwege vermehrt digitale Lehre betrieben haben. Bei uns wird schon seit langer Zeit zum Beispiel mit Quizlet und Mentimeter gearbeitet, des Weiteren haben wir für unsere Unterrichtsmaterialien die TeamDrive verwendet. Hinzu kommt das Arbeiten mit dem VERT-System und dem Softwareprogramm ProSoma für die Bestrahlungsplanung. Mein Team steht der gesamten Digitalisierung von Anfang an sehr offen gegenüber und ich selber habe ein virtuelles Studium absolviert, sodass mir das Medium Online-Lehre nicht fremd war.

Wo gab es die größten Probleme/Fallstricke? Wie liefen die Praktika für die Auszubildenden?

Das größte Problem lag eindeutig bei den Praktika und den praktischen Unterrichten, die nicht stattfinden konnten. Wir hätten einen Kurs im externen Praktikum gehabt, dieses wurde allerdings abgesagt, sodass wir den Kurs zusätzlich in der Theorie online unterrichten mussten. Dazu kam das Betretungsverbot in der Klinik und der Akademie, sodass wir keine praktischen Unterrichte anbieten konnten. Lediglich die Kurse, die zu dieser Zeit im UKSH im Fachpraktikum eingeteilt waren, konnten dort auch arbeiten. Dadurch, dass es in dieser Zeit durch das geringe Patientenaufkommen sehr ruhig in den Abteilungen war, hatten die Mitarbeiter viel Zeit, den Auszubildenden die Untersuchungen und Abläufe zu erklären, was gerade mit Sicht auf das Examen sehr positiv war. Die praktischen Unterrichte im Praktikum wurden von den Praxisanleitern mit maximal zwei bis drei Auszubildenden durchgeführt anstatt wie üblicherweise mit fünf bis sechs Auszubildenden.

Digitalisierung ist ja in aller Munde. Sie können die Arbeit am Virtuellen Strahlentherapiesimulator (VERT) anbieten. Könnten Sie das System kurz erläutern, und hat es sich als Vorteil in Corona-Zeiten erwiesen? Was raten Sie anderen, die überlegen, sich solch ein System zu kaufen?

Das VERT-System (Virtual Environment Radiotherapy Training) ist eine 3-D-simulierte Trainings-, Ausbildungs- und Simulationsplattform, die den klinischen Ablauf in der Radioonkologie realistisch abbildet. Damit haben Auszubildende und Studierende die Möglichkeit, ohne das zeitliche Limit in der Klinik und stressfrei alle Teilelemente von der Planung über die CT-Simulation bis zur Bestrahlung zu lernen und praktisch zu üben. Außerdem können hiermit Situationen geübt werden, bei denen Fehler beziehungsweise Fehljustierungen simuliert werden, die in der praktischen Ausbildung an den Geräten in der Klinik nicht durchgeführt werden können.

VERT-System | © UKSH

Zusätzlich zu dem VERT-System haben wir uns das Programm ProSoma angeschafft, an dem die Auszubildenden die Bestrahlungsplanung üben können.

Mein Tipp an alle, die eine Neuanschaffung überlegen: Planen Sie auf jeden Fall mindestens eine halbe Planstelle nur für das VERT-System ein! Das Programm ist so vielfältig, dass sehr viel Zeit darin investiert werden muss, um es auch wirklich sinnvoll und in vollem Umfang in den Unterricht integrieren und adäquat nutzen zu können.

Jonas Weert Schaper (rechts) erklärt den MTRA-Azubis Mona Stadler und Tim Kukalies die Funktionen des virtuellen Linearbeschleunigers (aufgenommen vor der Corona-Krise) | © UKSH

Über Adobe Connect konnten wir mit beiden Systemen in Corona-Zeiten arbeiten, allerdings war am VERT-System nur die Bildgebung und Cone-Beam-CT möglich, natürlich nicht die praktische Arbeit mit dem Handschalter. Doch gerade jetzt arbeiten wir in kleinen Gruppen an beiden Systemen, da es unser hygienisches Konzept zulässt.

Mit welchen Kosten war es/ist es verbunden?

Das gesamte Projekt hat uns circa 370.000 Euro gekostet. Der Preis setzt sich aus mehreren Komponenten zusammen, die da wären: die Anschaffung der Geräte (VERT und ProSoma), Personalkosten in Höhe einer halben Stelle allein nur für das VERT-System (befristet auf drei Jahre), bauliche und technische Maßnahmen, Räumlichkeiten, Marketing sowie der jährliche Software-Support, der circa 10.000 Euro beträgt.

Haben Sie besondere digitale Lernformen in der Corona-Krise eingeführt/angewendet? Wie waren hier Ihre Erfahrungen? Wird das die Zukunft sein?

Wie eingangs schon erwähnt, arbeiten wir mit der digitalen Lernplattform OLAT, die wir auch in Zukunft weiterhin nutzen werden. Hierüber sind Online-Unterrichte über Adobe Connect oder BigBlueButton möglich. Des Weiteren wurden uns auch viele Lernplattformen unentgeltlich oder zu einem vergünstigten Preis in dieser Zeit angeboten. So nutzen wir alle zusammen auch das Angebot von RöKo Digital.

Auch unsere Bewerbungsgespräche führen wir mittlerweile über Adobe Connect. Momentan arbeiten wir noch an einem Bewerbertest, der online ausgefüllt werden kann.

Wie sehen die Prüfungen (mündlich, praktisch) unter den derzeitigen Bedingungen aus? Wie läuft die Vorbereitung in diesen Zeiten? Wo liegen die Schwierigkeiten/Probleme? Und wie reagieren die Auszubildenden darauf?

Da unsere Prüfungen alle einzeln ablaufen, gab es hier keine Probleme. Die Auszubildenden wurden jedoch zwei Wochen vor den Prüfungen darauf hingewiesen, dass sie ihre sozialen Kontakte in der Prüfungszeit nur auf ein Minimum beschränken, damit die Prüfungen zum Beispiel aufgrund von Quarantäne nicht ausfallen mussten, was zum Glück auch nicht eingetreten ist. Außer der Angst um die Quarantäne gab es aber keinerlei Schwierigkeiten, und auch für die Auszubildenden lief alles normal ab.

Welches persönliche Fazit würden Sie nach den vergangenen Monaten ziehen?

Fakt ist, dass das Arbeitsaufkommen sich für alle Beteiligten wesentlich erhöht hat. Einen großen Vorteil sehe ich allerdings darin, dass die Auszubildenden sich wieder aktiv mit dem Thema „eigenverantwortliches Lernen“ auseinandersetzen und Themen selbstständig bearbeiten müssen. Dies ist meiner Ansicht nach in den letzten Jahren immer mehr verloren gegangen.

Wir als Akademie möchten auch in Zukunft weiterhin als Hybrid-Akademie auftreten und Online-Unterrichte fest in den Stundenplan integrieren sowie die digitale Lehre vorantreiben. Aus meiner Sicht macht gerade die Mischung beider Systeme, Online und Präsenz, das Lernen so besonders und abwechslungsreich.

 

Interview mit Mona Stadler, MTA-Auszubildende, Kurs 17–20, an der MTRA-Schule UKSH Akademie

Mona Stadler | © privat

Frau Stadler, wie waren Ihre Erfahrungen in der Corona-Krise? Wie lief die Vorbereitung auf das Examen?

Die Vorbereitungen liefen von zu Hause aus, mittels Unterlagen, die nach und nach online zugänglich waren. Anfangs gab es noch Startschwierigkeiten, da das Material zunächst auf verschiedenen Plattformen zur Verfügung gestellt wurde.

Was waren die größten Fallstricke?

Durch die verschiedenen Plattformen war es zu Beginn sehr unübersichtlich, und es wirkte, als würde unter den Dozenten kein besonders guter Austausch stattfinden. Wie an allen Schulen und Universitäten et cetera hat jeder Lehrer eine individuelle Herangehensweise, bei den Online-Kursen hätte ich mir jedoch etwas mehr Abstimmung gewünscht.

Durch den Lockdown mussten zudem Lerngruppen aufgelöst werden, was sehr schade war, so konnte man sich auch unter den Schülern nicht mehr so gut austauschen wie zuvor.

Mussten Sie während des Lockdowns auch im Krankenhaus aushelfen?

Dass wir MTRA-Schüler beziehungsweise -Auszubildenden aushelfen, war nicht gefordert, und die nötigen Fachpraktika liefen ganz normal ab.

Wie liefen die praktischen Prüfungen ab? Gab es besondere Herausforderungen?

Bei den praktischen Prüfungen war kein Einfluss durch Corona merklich, nur der geforderte Mindestabstand und die Maskenpflicht mussten erfüllt werden.

Was würden Sie als Absolventin als Empfehlung geben (an die Schulen und an die Auszubildenden), falls es noch einmal zu Schulschließungen/Lockdowns kommen sollte?

Ich würde mir koordiniertere Materialien und Pläne wünschen.

Da mein Jahrgang im Examensjahr war, hatten wir die meisten Materialien fürs Examen angesammelt und konnten bereits Gelerntes wiederholen. Das war ein großer Vorteil. Von den Jahrgängen unter mir höre ich, dass die Koordination schon deutlich besser abläuft. Es ist nun mal eine besondere Situation, auf die sich jeder erst einstellen musste.

 

Entnommen aus MTA Dialog 1/2021