Leidenschaftliche Pionierin der intraoperativen Neurophysiologie

Interview mit PD Dr. med. Kathleen Seidel

Für ihre Errungenschaften in der intraoperativen Neurophysiologie wurde PD Dr. med. Kathleen Seidel vom Inselspital Bern der Theodor-Kocher-Preis verliehen. Die Auszeichnung würdigt außergewöhnliche und vielversprechende wissenschaftliche Leistungen in Spezialgebieten.

Interview mit PD Dr. med. Kathleen Seidel

Kathleen Seidel | © Pascal Gugler, Insel Gruppe AG

Für ihre Errungenschaften in der intraoperativen Neurophysiologie wurde PD Dr. med. Kathleen Seidel vom Inselspital Bern der Theodor-Kocher-Preis verliehen. Im Geiste eines ihrer großen Forscher und Lehrer, des Nobelpreisträgers von 1909, verleiht die Universität Bern den Theodor-Kocher-Preis an ihre besten Nachwuchswissenschaftler/-innen. Die Auszeichnung würdigt außergewöhnliche und vielversprechende wissenschaftliche Leistungen in Spezialgebieten.

Gratulation zur Auszeichnung. Was bedeutet der Preis für Sie und Ihre Arbeit?

Vorrangig einen sehr großen Motivationsschub, denn das Forschen im interdisziplinären Bereich ist nicht immer Mainstream. Daher weiß man nicht, ob man auf dem richtigen Pfad wandelt. Für mich ist dieser Preis eine Bestätigung weiterzumachen und er ist eine riesige Auszeichnung.

Erzählen Sie uns über den dynamischen Sauger, für den Sie unter anderem die Auszeichnung erhielten.

Bei dem dynamischen Sauger handelt es sich um ein chirurgisches Instrument, mit dem die Neurochirurgen während einer Tumoroperation den Tumor entfernen. Im ersten Versuch habe ich eine Methode entwickelt, die es Chirurgen ermöglicht, bei Tumoroperationen sowohl im Gehirn als auch im Rückenmark, den Abstand zu wichtigen Nervenzentren und Nervenbahnen abzuschätzen. Gemeinsam mit meinem Chefarzt Prof. Raabe entwickelte ich in einem zweiten Schritt den sogenannten dynamischen Sauger. Wenn der Chirurg wichtigen Zentren in Hirn oder Rückenmark gefährlich nahekommt, zeigt dies der Sauger anhand eines akustischen Signals an.

Wie entstand die Idee dazu?

Um das Gewebe zu stimulieren, mussten wir stets die Operation kurzzeitig unterbrechen – und dies bei den eh schon mehrstündig andauernden Hirnoperationen. Denn damit der Chirurg die Grenze zwischen Gewebe und Tumor darstellen kann, war er gezwungen das Instrument zu wechseln – statt eines Saugers eine Sonde zu nehmen. Dies stört auch den Workflow des Arztes.

Gemeinsam mit Prof. Raabe entstand die Idee, über ein chirurgisches Instrument zu stimulieren und so sind wir zusammen die verschiedenen Möglichkeiten durchgegangen. Das am häufigsten genutzte Gerät des Chirurgen ist ein Sauger, mit dessen Hilfe er den Tumor entfernt. Diesen konnten wir isolieren – dadurch entstand dann automatisch eine monopolare Stimulationssonde. Dank dieser Kombination gelingt es dem Chirurgen, seine OP kontinuierlich fortzusetzen, indem er gleichzeitig den Tumor absaugt und stimuliert und dadurch die Gefahr eines Treffens der Nervenbahnen noch mehr verringert.

Was passiert bei einer Hirnoperation?

Ziel einer Hirnoperation ist die Entfernung von krankhaftem Gewebe, wie zum Beispiel Tumoren. Vorab prüfen wir mithilfe einer Magnetresonanztomografie (MRT) und einer transkraniellen Magnetstimulation (TMS) die Lage des Tumors. Nachdem der Patient in Narkose versetzt wurde, wird der Kopf in einer Halterung fixiert und das intraoperative Monitoring vorbereitet. Mit- hilfe eines sogenannten Navigationssystems wird der Zugang geplant, wo genau der Hautschnitt stattfindet und der Knochendeckel entfernt wird. Aufgrund dieser Vorbereitungen testen wir so bereits, wo wichtige Funktionszentren und anatomische Landmarken liegen. Diese Hilfen stehen dem Operateur während der OP immer direkt zur Verfügung. Nach dem Öffnen der Dura (Hirnhaut) beginnen wir vorsichtig mit der Entfernung des Tumors. Wichtig bei der Resektion ist, dass wir so viel Tumor wie möglich entfernen und so wenig Gehirngewebe wie nötig. Häufig können wir Tumorgrenzen aber nicht sehen. Daher wissen wir nicht, wo normales Hirngewebe anfängt und was schon vom Tumor befallen ist. Hierfür setzen wir das intraoperative Monitoring (IOM) ein beziehungsweise das Mapping mithilfe des dynamischen Saugers. Damit können wir an Ort und Stelle live herausfinden, ob dort, wo wir Gewebe entfernen wollen, wichtige Funktionen sind oder nicht. Wenn keine Gefahr droht, wird reseziert. Befinden sich dort wichtige Areale, lässt man lieber ein wenig vom Tumor stehen, statt eine Schädigung des Patienten zu riskieren.

Welchen Nutzen haben die Patienten davon?

In der Schweiz erkranken jährlich circa 600 Patienten an einem bösartigen Hirntumor. Ein Tumor verändert die Anatomie des Gehirns und er verschiebt oder infiltriert auch funktionelle Areale. Deshalb ist es sehr wichtig, ein funktionelles Feedback zu haben. Der dynamische Sauger beziehungsweise das dynamische Mapping ermöglicht die kontinuierliche Stimulation während einer Resektion, sodass man den Zeitpunkt nicht verpasst, an dem es kritisch wird.

Ein Beispiel aus dem Alltag zur Verdeutlichung: Auch bevor es Navigationsgeräte gab, haben wir die Routen in unbekannte Städte ungefähr geplant, zum Beispiel mithilfe von Karten oder durch das Fragen von Passanten. Wurde man unsicher, wo es langgeht oder es kam eine Umleitung oder Baustelle, musste man oft anhalten und sich wieder neu orientieren. Dabei passierte es recht häufig, dass man zu spät nachgeschaut hat und am Ziel vorbeigefahren war. Auf der Straße stellt dies außer einem Zeitverlust kein Problem dar. Man wendet und kehrt um. Operiert man aber während einer OP in ein wichtiges Areal hinein oder durchtrennt gar wichtige Bahnen, ist es zu spät. Dann hat der Patient eine bleibende Schädigung. Am Ende operieren wir in einem funktionierenden Gehirn und das ist immer sehr heikel. Die kontinuierliche Stimulation in Echtzeit ermöglicht eine sichere Überwachung der Bahnen, ohne am Ziel vorbeizuschießen. Mapping ermöglicht also Informationen, ob ein Weg frei ist oder ob es Baustellen gibt et cetera und zwar über die Funktion zu genau diesem Zeitpunkt. So ist es uns in Bern gelungen, das Risiko einer bleibenden Lähmung auf unter 4 Prozent zu reduzieren im Gegensatz zu anderen Serien, wo das Risiko ohne IOM beziehungsweise das kontinuierliche subkortikale Mapping weiterhin bei 15 Prozent bleibenden Lähmungen besteht.

In über 40 Ländern wird der Sauger derzeit angewendet und Sie begleiten die Einführungen des Monitorings in Ländern, wie zum Beispiel Indien und Myanmar.

Eine Methode zu entwickeln, die funktioniert und wiederholbar ist, ist an und für sich schon fantastisch. Aber grandios wird es, wenn das Setting übertragbar auf andere Kliniken ist und andere Mediziner anfangen, die eigene Methode zu nutzen. Denn dann macht eine Erfindung erst Sinn. Wenn die eigene Forschung Anwendung findet, dann wird es wertvoll. Faszinierend finde ich, dass diesem Konzept zwar eine lange Entwicklungszeit vorausging, es aber am Ende so konzipiert ist, dass es auch in Ländern ohne Hightechmedizin eingesetzt werden kann. Einen Operateur, die technische Ausstattung und den Sauger – mehr braucht es nicht. Ein MRI zum Beispiel ist zu aufwendig und kostenintensiv. Aber die neurophysiologische Methode des Mappings ist jederzeit verfügbar. Zusammen mit den Swiss Young Neurosurgeons (SNI), deren Ziel es ist, die lokale Versorgung durch kontinuierliche Unterstützung und Ausbildung des lokalen medizinischen Personals nachhaltig zu verbessern, war ich in Myanmar. Ich habe dort unterrichtet, vor Ort ausgebildet und lokale Neurochirurgen in der Einführung des Monitorings unterstützt. Zuvor waren Ärzte aus Myanmar bei uns am Inselspital zum Lernen, sowohl bei Operationen als auch im intraoperativen Monitoring. Zusammen mit Dr. Ali Moyadi aus Indien haben wir eine erste Serie publiziert. Er hat eine eigene Gliomchirurgie beschrieben und er kommt auf fast die gleichen niedrigen Defizitraten wie in Bern. Und das finde ich fantastisch.

Wie wird sich das Monitoring in der Zukunft verändern beziehungsweise die Neurochirurgie?

Das intraoperative Monitoring gibt es schon recht lange, aber uns ist es gelungen, es auf eine andere Ebene zu hieven und eine größere Reichweite zu schaffen. Gerade mit den Fortschritten in der Medizintechnik sehe ich kommende Möglichkeiten, wie zum Beispiel einmal Gefühle oder höhere kognitive Funktionen messen zu können. Ich möchte mithilfe der Neurophysiologie weitere wichtige Schritte in diese Zukunft gehen.

Haben Sie einen Ausgleich zur Arbeit?

Arbeiten macht mir sehr viel Spaß und ich bin mit großer Leidenschaft im Einsatz. Aber ich liebe es auch zu reisen, wandern zu gehen, zu zeichnen und fotografieren. Und bin darin auch sehr aktiv. Meist gerne in Kombination.

Vielen Dank für dieses Gespräch.

 

Entnommen aus MTA Dialog 7/2019